Was ein Footprint-Chart sichtbar macht
Ein Footprint-Chart zerlegt jede Kerze in einzelne Preisniveaus. Statt eines Körpers mit Dochten steht dort pro Niveau, wie viel gehandelt wurde und von welcher Marktseite die Initiative ausging. Damit lässt sich ablesen, wo innerhalb der Kerze das meiste Volumen lag, ob Käufer oder Verkäufer aggressiver auftraten, wo der Preis trotz hoher Umsätze kaum vorankam und wo er bei dünnem Handel schnell durchlief.
Berechnet werden die Charts aus Tick-für-Tick-Daten der Börse. Jeder Abschluss liefert Preis, Volumen und Ausführungsrichtung, und die Software bündelt diese Werte pro Kerze nach Preisniveaus. Wer die Footprint-Chart-Analyse mit ATAS kennenlernen möchte, kann hier mehr lesen und die über 400 Anzeigeoptionen der Analysesoftware vergleichen.
Gängig sind mehrere Darstellungen. Die Bid-x-Ask-Ansicht zeigt beide Seiten nebeneinander, die Delta-Ansicht nur die Differenz und die Volumenansicht die Summe. Farbliche Hervorhebungen markieren Maxima oder Imbalances, sodass auffällige Niveaus schneller ins Auge fallen. Welche Variante passt, hängt vom Instrument und vom Zeitrahmen ab.
Bid und Ask: Wer handelt aggressiv?
Jeder Abschluss hat einen Initiator. Wer eine Market-Order aufgibt, greift auf vorhandene Aufträge anderer Marktteilnehmer zu. Ein Market-Kauf wird gegen eine Verkaufsorder am Ask ausgeführt, ein Market-Verkauf gegen eine Kauforder am Bid. Im Footprint stehen die Bid-Volumina üblicherweise links, die Ask-Volumina rechts neben dem jeweiligen Preisniveau.
Hohe Zahlen auf der Ask-Seite deuten auf aggressive Käufer, hohe Bid-Zahlen auf aggressive Verkäufer. Über die Richtung des Preises sagt das noch wenig. Trifft ein großer Market-Kauf auf ein ebenso großes Angebot, bleibt der Kurs womöglich stehen.
Dieses Phänomen heißt Absorption: viel Volumen, kaum Bewegung, weil die passive Gegenseite im Orderbuch alles aufnimmt. An Hochs und Tiefs kann das ein Hinweis sein, dass eine Bewegung an Kraft verliert. Gesichert ist das erst durch den weiteren Kursverlauf.
Ein weiterer Orientierungspunkt ist das Volumenmaximum einer Kerze, oft Point of Control genannt. Dort wurde am intensivsten gehandelt. Liegt es nahe am Hoch, spricht das für Aktivität im oberen Bereich, liegt es am Tief, entsprechend im unteren. Wandert es von Kerze zu Kerze, lässt sich ablesen, wo der Markt den Preis vorerst akzeptiert.
Delta: Das Kräfteverhältnis in einer Zahl
Das Delta ist die Differenz aus Ask- und Bid-Volumen. Ein positives Delta bedeutet, dass mehr Volumen per Market-Kauf gehandelt wurde, ein negatives, dass die Verkäufer überwogen. Betrachten lässt es sich pro Preisniveau, pro Kerze oder kumuliert über viele Kerzen.
Ein Beispiel zeigt den Unterschied zum reinen Kursverlauf. Schließt eine Kerze im Plus, obwohl das Delta negativ ist, lösten Verkäufer zwar mehr Market-Orders aus, wurden aber von passiven Kaufaufträgen aufgefangen. Der Kerzenkörper allein hätte diesen Widerspruch verborgen.
Aufschlussreich sind Abweichungen. Steigt der Preis auf ein neues Hoch, während das kumulierte Delta nicht mitzieht, trägt die Aggression der Käufer die Bewegung womöglich nicht mehr. Eine solche Divergenz verdient eine genauere Prüfung, eine Handlungsanweisung ist sie nicht.
Imbalances: Wenn eine Seite deutlich überwiegt
Eine Imbalance entsteht, wenn auf einem Niveau eine Marktseite klar stärker auftritt als die andere. Verglichen wird diagonal: Das Ask-Volumen eines Niveaus steht dem Bid-Volumen des nächsttieferen gegenüber, das Bid-Volumen dem Ask-Volumen des nächsthöheren. Viele Anwender setzen die Schwelle bei 300 Prozent, sie lässt sich je nach Instrument anpassen.
Das Beispiel zeigt eine Kerze mit fiktiven Zahlen. Bid steht für Market-Verkäufe, Ask für Market-Käufe, als Schwelle gelten 300 Prozent.
| Preisniveau | Bid | Ask | Delta | Bid gegen Ask darüber |
| 5.415,00 | 10 | 30 | 20 | kein Vergleich |
| 5.414,75 | 25 | 28 | 3 | 0,8 zu 1 (25 gegen 30) |
| 5.414,50 | 90 | 30 | -60 | 3,2 zu 1 (90 gegen 28) |
| 5.414,25 | 150 | 40 | -110 | 5 zu 1 (150 gegen 30) |
| 5.414,00 | 210 | 55 | -155 | 5,25 zu 1 (210 gegen 40) |
Das Gesamtdelta der Kerze beträgt minus 302 bei 668 gehandelten Kontrakten, und das Volumenmaximum liegt am Tief. Auf den drei untersten Niveaus überwiegen die Verkäufer jeweils deutlich, allein auf dem tiefsten wurden 265 der 668 Kontrakte gehandelt. Solche aneinandergereihten Imbalances heißen „Stacked Imbalances“ und sprechen für anhaltenden Verkaufsdruck innerhalb dieser Kerze.
Eine einzelne Kerze beweist nichts. Ob der Druck anhält oder an der nächsten Marke endet, bleibt offen. Aussagekräftiger wird das Bild, wenn der übergeordnete Trend mitgelesen wird, etwa über Trendlinien oder Unterstützungs- und Widerstandszonen. An solchen Stellen zeigt der Footprint, welche Marktseite aggressiv auftritt und ob die Gegenseite die Bewegung aufnimmt.
Footprint-Kerzen Schritt für Schritt lesen
Für den Einstieg hilft eine feste Reihenfolge. Sie verhindert, dass ein einzelner auffälliger Wert das Gesamtbild verzerrt. Fünf Schritte genügen dafür:
- Kerze einordnen: Richtung, Spanne und Lage im größeren Kursverlauf.
- Volumen prüfen: Wo liegt das Maximum, wo ist die Verteilung dünn?
- Delta ansehen: Welche Seite dominiert, und passt das zur Kerzenrichtung?
- Imbalances suchen: Einzelne Niveaus oder gestapelte Reihen?
- Kontext abgleichen: Reagiert der Preis an einer bekannten Marke, etwa dem Vortageshoch?
Typische Fehler entstehen schnell. Einzelne Zahlen werden isoliert gelesen, oder der Zeitrahmen wird so lange gewechselt, bis ein passendes Bild erscheint. Auch ungeprüft übernommene Schwellenwerte führen in die Irre. Hinzu kommt die Tageszeit: Zur Eröffnung und bei Nachrichten verteilt sich das Volumen anders als in ruhigen Mittagsstunden.
Zudem hängt die Aussagekraft von der Datenbasis ab. Nicht alle Vermögenswerte eignen sich gleich gut für eine Footprint-Analyse. Börsengehandelte Instrumente wie Futures liefern echte Umsatzzahlen. Bei Märkten ohne zentrale Börse, etwa dem Spot-Devisenmarkt, stammt das Volumen oft nur von einzelnen Anbietern und bildet das Gesamtgeschehen nur teilweise ab.
Üben ohne Risiko und richtig einordnen
Footprint-Charts zu lesen ist Übungssache. Wer zunächst ohne echtes Kapital Erfahrung sammeln will, kann vergangene Marktphasen anhand historischer Tick-Daten nachstellen, wie es Analyseprogramme wie ATAS mit einem Replay-Modus erlauben. Dabei hilft ein Protokoll: Wer Beobachtungen notiert und erst nach vielen Beispielen Schlüsse zieht, geht vorsichtiger vor.
Footprint-Analysen liefern Kontext, keine Garantien. Analysesoftware stellt Daten und Werkzeuge bereit, Anlageempfehlungen gehören nicht dazu. Der Handel mit Futures und Kryptowerten birgt Verlustrisiken.
