Hünfelds Bürgermeister Benjamin Tschesnok musste durchaus schmunzeln, denn zum Vor-Ort-Termin hatte nicht die Stadt selbst eingeladen, sondern die Bevölkerung. Ein erstes Plakat reichte, das rasend schnell die Runde machte und viele Menschen auf den Plan rief. In erster Linie waren es Senioren aus dem Betreuten Wohnen gegenüber, aber natürlich auch einige Stammkunden, für die das Quartier nicht nur wegen des Nahversorgers, sondern auch wegen der kleinen Händler vor Ort, eine große Bedeutung hat.
„Das ist ein großartiges Zeichen und ein schönes Bild“, freute sich Tschesnok über die Resonanz und blickte in die Runde: Er dankte dem Engagement der Bürger und Händler vor Ort, die für die Rettung des Standorts eine Unterschriften-Aktion ins Leben gerufen hatten – allen voran zu nennen war hier Friedel Sobotta. Auch die Stadt war davon ausgegangen, dass nach dem tegut-Aus Edeka den Zuschlag am Niedertor erhalten wird. Doch das Kartellamt machte dem einen Strich durch die Rechnung. Ihr Unverständnis und ihr Bedauern brachten die Anwohner deutlich zum Ausdruck, so beispielsweise mit Kopfschütteln, während Tschesnok klarmachte: „Das bedeutet nicht, dass es nicht weitergeht“. Die Stadt ist bemüht, eine Lösung zu finden. Wie alle anderen tegut-Märkte, für die es noch keine Nachfolger gibt, laufe ein zweites Verfahren, in dem sich Interessenten bewerben können. Nach Tschesnoks Wissen laufe dies bis Ende November – solange heißt es wohl, abwarten und Tee trinken. Gespräche würden aber laufen, so der Bürgermeister.
Und dann gibt es ja da noch die Unterschriften: Über 4000 Unterstützer hatte die Aktion gewonnen, an der sich auch die lokalen Händler beteiligt hatten: Der Kiosk Bräuer, der Applaus dafür bekam, dass er den Post-Standort rettet, sowie „Inspiration World“, die Bäckerei Storch und der Metzger Quanz sind ebenso unverzichtbar für die Anwohner wie der Nahversorger. „Deshalb bin ich hergekommen“, sagte beispielsweise ein Mann aus den benachbarten Wohnanlagen.
Ehrenstadtverordnetenvorsteher Berthold Quell nahm sich der Aufgabe an und verfasste zur Unterschriften-Sammlung ein Dringlichkeits-Schreiben, das deutlich macht, wie sehr die Menschen auf den Standort angewiesen sind. Quell war lange genug in der Kommunalpolitik, um zu wissen, „dass das hier ein schlimmer Einschnitt wäre, wenn es nicht irgendwie weitergeht. Die Menschen aus dem Nordend sind diesem Standort sehr eng verbunden“. Er übergab schließlich, „fasziniert“ von der großen Zahl der Unterstützer, die Unterschriften an Tschesnok. Und der Bürgermeister hoffte mit: „Vielleicht trägt es dazu bei, dass Interessenten aufmerksam werden“. Die Aktion der Bevölkerung sowie der Unternehmergeist der ansässigen Händler seien „beste Werbung für diesen Standort“.
„Wir haben Angst“: Händler am Niedertor suchen nach Antworten
