Lokales FD 22.10.2026

„Wir haben Angst“: Händler am Niedertor suchen nach Antworten

Hünfeld (pf) – Wie es im bisherigen tegut-Markt am Niedertor in Hünfeld weitergeht, ist ungeklärt – und das bereitet den ansässigen Einzelhändlern schlaflose Nächte. Kiosk, Schreibwaren-Laden, Metzger, Bäcker und Post-Filiale leben am beziehungsweise im Lebensmittelmarkt von der Kundenfrequenz. Und blicken in eine ungewisse Zukunft.

Kiosk-Inhaberin Simone Bräuer (vordere Reihe, rechts), und ihre Mitstreiterinnen von „Inspiration World“, der Bäckerei Storch und der Metzgerei Quanz wissen nicht weiter. Foto: Pascal Fischer

Nahezu jeden Tag hatten die Einzelhändler vor Ort neue Nachrichten aus den Medien lesen müssen. Während für den tegut in der Hünfelder Josefstraße (Haune Center) klar ist, dass Edeka einziehen wird, herrscht Am Niedertor Ungewissheit. „Wir wissen auch nur das, was wir in der Presse lesen“, sagt Simone Bräuer, Inhaberin des Kiosks, verzweifelt. Schon seit dem Frühjahr, als bekannt wurde, dass tegut schließen muss, habe sie schlaflose Nächte: „Wir sind ratlos – und wir haben richtig Angst. Es gibt bestehende Mietverträge, und können ja ab Januar nicht einfach aufhören, zu bezahlen. Die Kosten laufen weiter, aber wenn der Nahversorger wegfällt, sind unsere Existenzen bedroht“. Ohne die bisherige Laufkundschaft sei das Geschäft nur wenige Monate aufrechtzuerhalten.

Viele Fragen, keine Antworten: „Das geht uns auch langsam an die Gesundheit“, sagt Bräuer offen. Edeka wollte den Markt als zweiten Standort in der Stadt übernehmen, doch das wurde vom Bundeskartellamt abgeschmettert – zum Unverständnis der Händler, die beispielsweise auf den Ort Schrecksbach im Schwalm-Eder-Kreis verweisen: Dort kommen auf 1500 Einwohner bald zwei Edeka-Märkte. Außerdem durfte Edeka in Fulda drei weitere Standorte übernehmen, zusätzlich zu den bestehenden. „Wo ist da der Wettbewerb? Und hier ist ein Nahversorger auf 1100 Quadratmetern, der nicht selbstständig weitermachen darf?“, fragt sie. Außerdem habe es in Hünfeld mit zwei tegut-Märkten auch nie ein Problem gegeben. „Wir sind kleine Einzelhändler, das ist meine Existenz seit 25 Jahren. Alle sind involviert und bemüht, aber keiner weiß, wie es weitergeht“, macht Bräuer klar. Rewe hatte offenbar kein Interesse am Standort, da in der Lindenstraße erst nahkauf (im ehemaligen Rewe) eröffnet hatte. So befindet sich der Markt nach OZ-Informationen aktuell in einem Bieterverfahren – und die Einzelhändler vor Ort haben ein Gespräch mit der Stadt und Bürgermeister Tschesnok in Aussicht gestellt bekommen. Doch ob das Antworten bringt, bleibt abzuwarten.

Stadt Hünfeld um „zeitnahe und attraktive Lösung“ bemüht

Aus der Pressestelle im Rathaus heißt es derweil auf OZ-Nachfrage, dass die Stadt mit den Eigentümern und verschiedenen Akteuren in Kontakt stehe. „Wir hoffen sehr, dass für die hochattraktive Fläche zeitnah eine Nachfolgelösung gefunden wird und das Angebot auch dort für die Kunden erhalten bleibt“. Gespräche mit potenziellen Nutzern würden aber nur durch die Eigentümer geführt – die Stadt, die weder Eigentümerin noch Vermieterin der Immobilie ist, macht aber das gemeinsame Ziel deutlich, den Standort möglichst zeitnah wieder mit einem „attraktiven Angebot zu beleben“. Dazu würden auch die ansässigen Einzelhändler beitragen: „Aus Sicht der Stadt wäre die beste Lösung eine Nachnutzung, die den Lebensmittelstandort dauerhaft sichert und damit auch den weiteren Geschäften in der Immobilie eine verlässliche Perspektive bietet“, steht die Stadt Hünfeld den kleinen Händlern bei: Eine konkrete zeitliche Prognose wäre jedoch zum aktuellen Zeitpunkt „spekulativ“. Dass Edeka als neuer Lebensmittelmarkt in Hünfeld für das Haune Center den Zuschlag bekam, freue die Stadt – doch an der Entscheidung für das Niedertor gibt es nichts zu rütteln: „Die Stadt hat keine rechtliche Handhabe in dem Verfahren. Die Entscheidung über Unternehmensübernahmen und mögliche Auflagen liegt ausschließlich bei den zuständigen Kartellbehörden“.

Unterschriften-Aktion gestartet

Der Rattenschwanz vor Ort zieht sich noch weiter: Nicht nur die Händler leben im Ungewissen, sondern auch nebenan macht sich Sorge breit: Binnen weniger Tage hätten Anwohner nach ersten Schätzungen schon gut 700 Unterschriften für den Erhalt der Nahversorgung gesammelt, informieren die Betroffenen. „Diese große Unterstützung hat uns sehr bewegt und zeigt, wie wichtig der Markt für die Menschen ist“, so die Händler. Auch im Rathaus ist diese Aktion gehört worden: Sie unterstreiche „die Bedeutung des Marktes für das Quartier“. Das große Interesse der Bevölkerung werde von der Stadt „selbstverständlich wahrgenommen und in die Gespräche und Überlegungen einbezogen“, so die Pressestelle.

Viele Unterschriften stammen auch aus der Mediana Seniorenresidenz nebenan, denn die älteren Menschen und jene ohne Auto seien auf diese Einkaufsmöglichkeit angewiesen. Der Markt ist barrierefrei und kann sogar mit einem Aufzug erreicht werden, ohne über den Parkplatz oder durch den Regen gehen zu müssen. „Für viele ist tegut außerdem ein Ort, an dem man sich trifft und ein paar Worte miteinander wechselt“, wissen Bräuer und ihre Mitstreiterinnen aus eigenen Erfahrungen. Auch die Apotheke und das Blumengeschäft nebenan würden sicherlich von der Frequenz des Nahversorgers profitieren. Vor allem aber machen sich die Händler im Markt selbst – der Kiosk, der Laden „Inspiration World“, die Bäckerei Storch, die Metzgerei Quanz – große Sorgen. Dazu sei auch die Hauptfiliale der Deutschen Post wichtig für die Menschen in der Stadt. „Ich schlafe seit März schon nicht mehr gut“, so Bräuer. Und Daniela Lenz von Inspiration World ergänzt: „Uns allen geht es schlecht. Wir sind auf jede Hilfe angewiesen“.

Endspurt heißt es derweil im tegut in der Josefstraße: Am 31. Oktober ist letzter Verkaufstag im Haune Center, ehe Edeka dort einzieht. In vielen tegut-Märkten herrschte zuletzt außerdem Ausnahmezustand: 50 Prozent Rabatt auf die allermeisten Waren, außer Obst, Gemüse oder Ware aus der Frischetheke, sorgten vielerorts für Kunden-Ansturm und leere Regale.

Auch die CDU-Mehrheitsfraktion in der Hünfelder Stadtverordnetenversammlung unterstützt übrigens die Unterschriften-Aktion. Mehr dazu unter: CDU unterstützt Bürgerinitiative zum Erhalt der Nahversorgung am Niedertor

Händler am Hünfelder Niedertor in Sorge. Fotos: Pascal Fischer