Größte Weihnachtskerze der Welt in Schlitz eingekleidet

Foto: Silas Messing.

Schlitz – Von Silas Messing – Die Adventszeit wirft ihre ersten Schatten voraus – oder vielmehr ihr erstes Leuchten. Seit dem Samstagmorgen ist der Turm an der Hinterburg wieder in sein leuchtend rotes Gewand gehüllt und präsentiert sich als das Wahrzeichen, für das Schlitz weit über die Region hinaus bekannt ist: Die größte Weihnachtskerze der Welt.

Wie in jedem Jahr war es die Freiwillige Feuerwehr Schlitz, die am frühen Morgen mit den aufwendigen Vorbereitungen begann. In luftiger Höhe wurden Befestigungen angebracht und eine Schutzfolie ausgelegt, bevor die Einsatzkräfte Stück für Stück den rund 36 Meter hohen Turm mit dem kräftig roten Mantel umhüllten. Dies geschah mit äußerster Sorgfalt – jeder falsche Zug könnte den empfindlichen Stoff beschädigen. Gegen Mittag war es vollbracht: Der Stadtturm erstrahlte vollständig in Rot und kündigte damit an, dass die besinnliche Zeit unmittelbar bevorsteht.

 

Tradition mit Herz und Geschichte

Seit mehr als 30 Jahren gehört die Schlitzer Weihnachtskerze zur Adventszeit wie Plätzchen und Tannenduft. Bürgermeister Heiko Siemon spricht von einem festen Identifikationssymbol der Stadt: Die Kerze sei für viele Schlitzer der inoffizielle Startschuss in die Vorweihnachtszeit. Entstanden ist die Idee 1991 – nicht etwa im Rathaus, sondern am Stammtisch des damaligen Gewerbevereins. Dessen Mitglied Karl-Heinz Jenisch erinnert sich an die Anfänge: Nach mehreren Getränkerunden und der legendären Bestellung „7-3-1“ (sieben Kümmel, drei Feinbitter, ein Wachtfeuer) sei die spontane Idee geboren worden. „Lasst uns den Hinterburgturm rot anstreichen“, habe einer vorgeschlagen. Aus der Bierdeckel-Idee wurde ein Projekt, das heute international bekannt ist. Selbst der damalige Bürgermeister Siegfried Klee, zunächst skeptisch gegenüber dem ungewöhnlichen Vorhaben, soll nach kurzer Bedenkzeit gesagt haben: „Ihr seid verrückt. Aber ich finde es gut und ich unterstütze euch.“ Die Umsetzung war allerdings eine Herausforderung: Schlitzer Leinenstoff erwies sich als zu schwer, eine Gasflamme als viel zu kostspielig. Am Ende entschied man sich – wie auch heute – für einen speziellen, leichten Fahnenstoff. Drei Generationen dieses Stoffmantels gab es bislang: der erste hielt 22 Jahre, der zweite gut zwölf. Der aktuelle Mantel ist neu angepasst und soll viele kommende Winter überstehen.

 

Wind, Stoffbahnen und einer 17-Meter-Reißverschluss-Lösung

Nicht immer lief alles glatt. Im vergangenen Jahr sorgte ein falsch bemessener Stoff für überregionale Schlagzeilen – der Kerzenmantel passte schlicht nicht perfekt. Für dieses Jahr wurde nachgebessert, und die Installation verlief deutlich reibungsloser. Damit Wind nicht unter die Hülle greift, muss der Stoff eng anliegen, gleichzeitig aber elastisch genug sein, um sich über die Zinnen ziehen zu lassen. Sogar der 17 Meter lange Reißverschluss der Verkleidung spielt Jahr für Jahr eine Rolle, denn er muss bei jedem Aufbau exakt sitzen.

 

Feuerwehr im Höhenrausch – und eine WhatsApp-Gruppe als Kommandozentrale

Wesentlichen Anteil am Gelingen hat die Freiwillige Feuerwehr Schlitz. Der stellvertretende Wehrführer Max Gebauer koordiniert jedes Jahr die Aktion und überwacht die Aufgabe, für die es Technik, Teamarbeit und Geduld braucht. Kommunikation und Zeitplanung laufen dabei – ganz zeitgemäß – über eine eigene WhatsApp-Gruppe. Auch außerhalb von Schlitz ist das Interesse groß. Immer wieder melden sich Städte, die wissen wollen, wie die Schlitzer ihr Monument zu einer überdimensionalen Kerze verwandeln. Doch der Rekord bleibt in Osthessen: Schon im zweiten Jahr der Tradition erhielt die Kerze ihren Eintrag ins Guinness-Buch.

 

Ein Licht, das weitergeht

„Wir waren ein Jahr vor Christo“, witzelt Karl-Heinz Jenisch und spielt damit auf den berühmten Verhüllungskünstler an. Die Schlitzer Kerze ist jedenfalls längst mehr als ein PR-Gag: Sie gilt als Licht des Friedens, als Symbol der Gemeinschaft und als emotionaler Startpunkt der Weihnachtszeit – für Einheimische, Rückkehrende und Gäste gleichermaßen. Die offizielle Entzündung erfolgt traditionell am Samstag vor dem ersten Advent um 17 Uhr. Dann wird die LED-Flamme angeschaltet. Auf Wunsch der Kinder wird die Beleuchtung gelegentlich schon morgens oder abends etwas länger eingeschaltet – weil es sich einfach „nach Weihnachten anfühlt“. Oder wie Siemon es schlicht formulierte: „Okay, es geht auf Weihnachten zu.“

Einkleiden des Hinterburgturms in Schlitz. Fotos: Silas Messing.

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