In seiner Predigt zur Heiligen Nacht im Fuldaer Dom berichtet Bischof Dr. Michael Gerber von einem persönlichen Erlebnis wenige Wochen vor Weihnachten: In einer verschneiten Waldlichtung sieht er eine Wölbung in der Schneedecke, darin eine kleine Öffnung. Darunter liegt ein Tonrelief mit Maria und dem Kind. Sichtbar sind vor allem die Gesichter. Gerber schildert, wie ihn dieser Moment im Schnee innerlich trifft: „Was du hier gerade erlebst, erzählt dir viel von Weihnachten“, denkt er. „Was du hier gerade erlebst, erzählt dir viel von deinem Weg durch dieses Jahr 2025.“
Gerber spricht dabei seine eigene Krebserkrankung an. Nach der Diagnose im Sommer habe sich vieles plötzlich angefühlt, als läge eine feste Eisschicht über seinem Leben. „Ich erfahre mich als angeschaut von Jesus und von seiner Mutter Maria und das mitten in einer eisigen Landschaft. Meine Gedanken gehen zurück an jenen Tag, als es mich mitten im Hochsommer eiskalt erwischt hat mit der Krebsdiagnose.“ Zugleich weitet er den Blick auf Erfahrungen, die viele Menschen kennen. „Vermutlich kann mancher von Ihnen am Ende dieses Jahres auf Momente zurückschauen, wo es ihn oder sie kalt erwischt hat.“
Zusage der Würde
Im Zentrum seiner Predigt steht die Weihnachtsbotschaft als Zusage der Würde: In der Krippenszene finden die Hirten offene Ohren und ein offenes Herz. Für Bischof Gerber ist das mehr als eine rührende Szene. Es ist der Kern dessen, was Weihnachten für Menschen bedeuten kann. „Mensch, du bist geliebt und gewollt“, betont er. „Nicht, weil du irgendetwas Besonderes leistest, nicht, weil du etwas Besonderes vorzuweisen hast: Du bist geliebt, weil du Mensch bist.“ Gerber verdichtet diese Botschaft Gottes in einem Satz: „Ich will, dass du bist.“ Diese Zusage gelte nicht wegen einer Leistung oder eines „Besonderen“, sondern weil der Mensch Mensch ist, unterstreicht Gerber. Sie sei nicht bloß eine Idee, sondern könne konkret erfahren werden. „Es waren Augenblicke, in denen sich in meiner Eisschicht eine Öffnung zeigte“, sagt der Bischof: „Mensch, unter der Eisschicht ist noch mehr.“
Engel-Erfahrungen
Gerber berichtet auch von persönlichen Engel-Erfahrungen, die ihm in dieser Zeit Kraft gegeben haben. Er beschreibt Engel nicht spektakulär, sondern menschlich, leise, oft unscheinbar: „Die Botschaft der Engel des Jahres 2025 an mich kam als Brief, als E-Mail, WhatsApp- und Threema-Nachricht oder auch einfach durch einen liebevollen Blick, ein aufmunterndes Wort“, so Gerber: „Es waren Engel, von denen ich mich als gehört und gesehen erfahren habe.“ Mit dieser Beschreibung verbindet Bischof Gerber die Einladung zu Aufmerksamkeit und Verantwortung: Weihnachten sei die große Einladung Gottes, „neu aufmerksam zu werden, wo mir seine Engel begegnen wollen, hörend und sehend“, so der Bischof. Zugleich gehe es darum, „sensibel dafür zu werden, wo ich den Auftrag habe, Engel mit einer Botschaft für andere zu sein.“
Ermutigung
Darin liegt für den Bischof die Ermutigung von Weihnachten: einander nicht aus dem Blick zu verlieren, gerade dann, wenn die Umstände herausfordernd sind. „Davon erzählt uns das Kind in der Krippe und davon erzählt uns der Weg Jesu.“ Weihnachten blende dabei Härten nicht aus: „Der nächste Eisregen kommt bestimmt. Das hat auch das neugeborene Kind erfahren auf seinem Weg von der Krippe bis zum Kreuz“, so Gerber: „Doch wir dürfen darauf vertrauen. Er geht mit uns.“
Festliche Musik
Für die festliche Weihnachtsmusik während der Christmette sorgten das Orchester sowie Sängerinnen und Sänger des Stadtpfarrchors St. Simplizius unter der Leitung von Anne Rill. An der Domorgel spielte der neue Domorganist Max Deisenroth, der in diesem Jahr erstmals an allen Weihnachtsfeiertagen im Fuldaer Dom zu hören ist. Max Deisenroth ist seit September Domorganist am Fuldaer Dom. Er wurde in Nidderau geboren und studierte katholische Kirchenmusik sowie Orgelimprovisation an der Hochschule für Musik Freiburg. Weitere Studien führten ihn an die Universität der Künste Berlin in die Meisterklasse von Prof. Wolfgang Seifen, wo er sein Konzertexamen im Fach Orgelimprovisation mit Auszeichnung ablegte.
Stichwort: Genesung und öffentliche Termine
Bei Bischof Dr. Michael Gerber wurde Ende Juni 2025 eine Krebserkrankung diagnostiziert. Operation, Chemotherapie und Reha sind gut verlaufen, Nachsorgeuntersuchungen bestätigen den positiven Genesungsweg. Die Rekonvaleszenz dauert weiter an. Bischof Gerber wird medizinisch optimal betreut, braucht noch Zeit und Ruhe sowie einen bewussten Umgang mit seinen Kräften. Öffentliche Termine kann er nun schrittweise und mit Maß wieder wahrnehmen. Die Christmette im Fuldaer Dom war sein erster öffentlicher Gottesdienst dort seit der Diagnose.
