Vielleicht liegt das daran, dass ich ihn wachsen sehen durfte. Wochen bevor sich die Hessentagsstraße mit Leben füllte, bestimmten plötzlich Pressekonferenzen, Programmvorstellungen, Gespräche mit Organisatoren, Sponsoren, Vereinen und Ehrenamtlichen den Alltag. Eigentlich ganz normale Termine, wie sie zum journalistischen Beruf dazugehören. Und doch war diesmal etwas anders. Mit jedem Gespräch hatte ich stärker das Gefühl, dass dort niemand einfach nur seine Aufgabe erledigte. Stattdessen begegnete ich Menschen, die mit einer Begeisterung von diesem Landesfest erzählten, als würden sie sich auf das größte Familienfest ihres Lebens vorbereiten.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Vorstellung des Programms. Fast 1200 kostenlose Veranstaltungen innerhalb von zehn Tagen. Als diese Zahl zum ersten Mal fiel, musste ich sie innerlich gleich mehrfach wiederholen. Zwölfhundert. Das klang weniger nach einem Veranstaltungsprogramm als nach einer eigenen kleinen Welt. Konzerte, Sport, Kultur, Familienangebote, Lesungen, Ausstellungen, Mitmachaktionen, Straßenkunst und vieles mehr – an nahezu jeder Ecke sollte etwas passieren. Beeindruckt hat mich dabei weniger die Zahl selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten darüber sprachen. Niemand verlor sich in organisatorischen Problemen oder sprach davon, wie gewaltig diese Aufgabe eigentlich war. Stattdessen war überall Vorfreude zu spüren. Eine ehrliche Vorfreude. Es ging nicht um Einzelne, sondern um Fulda.
Je näher der 12. Juni rückte, desto deutlicher war dieses Gefühl überall in der Stadt zu spüren. Wo zuvor noch Bauzäune standen, entstanden Bühnen. Straßen verwandelten sich nach und nach in Veranstaltungsflächen, überall hingen Fahnen, Techniker verlegten Kabel, Helfer trugen Material durch die Innenstadt und immer häufiger begegnete ich Menschen mit Hessentagsshirts oder Funkgeräten unter dem Arm. Besonders faszinierte mich dabei eines: Fast jeder, mit dem ich sprach, lächelte. Nicht aufgesetzt oder gespielt, sondern voller echter Vorfreude. Heute glaube ich, dass genau dieses Lächeln den Hessentag schon vor seiner eigentlichen Eröffnung geprägt hat. Als der 12. Juni schließlich gekommen war, war das Wetter zunächst eher verhalten. Graue Wolken lagen über der Stadt, immer wieder setzte Regen ein. Eigentlich Bedingungen, bei denen viele Veranstaltungen nur schwer in Schwung kommen. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Die Menschen kamen trotzdem. Mit Regenschirmen. Mit Regenjacken. Vor allem aber mit einer Begeisterung, die sich vom Wetter nicht beeindrucken ließ. Als Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld schließlich mit einem Schmunzeln in Richtung des hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein sagte: „Die nächsten zehn Tage ist Fulda zumindest die heimliche Hauptstadt Hessens“, musste ich unweigerlich lächeln. Nicht nur wegen dieses Satzes. Sondern weil ich in diesem Moment dachte: Ja. Genau so fühlt es sich gerade an.
Und tatsächlich veränderte sich die Stadt von einem Augenblick auf den anderen. Wo sonst Autos unterwegs waren, flanierten plötzlich Familien über die Straßen. Musik erklang aus allen Richtungen, Kinder lachten, an jeder Ecke wurde fotografiert, diskutiert oder einfach gemeinsam gefeiert. Die Hessentagsstraße wurde zu einer Lebensader, die sich quer durch die Innenstadt zog und Menschen miteinander verband, die sich wahrscheinlich nie zuvor begegnet waren. Es spielte keine Rolle, ob jemand aus Fulda, Kassel, Wiesbaden oder einem kleinen Ort irgendwo in der gesamten Bundesrepublik kam. Für diese zehn Tage waren alle einfach Gäste desselben Festes. Für mich begann damit auch eine Zeit, in der jeder Tag anders aussah. Natürlich standen Termine im Kalender. Viele Termine. Aber der Hessentag hatte seine ganz eigene Dynamik. Kaum war ein Interview beendet, wartete schon die nächste Veranstaltung. Kaum war ein Artikel veröffentlicht, entstand irgendwo in der Stadt bereits die nächste Geschichte. Dabei machte es einem das Wetter im weiteren Verlauf nicht leichter. Aus dem regnerischen Auftakt wurden Tage mit hochsommerlicher Hitze. Das Thermometer kletterte deutlich über die 30-Grad-Marke, der Asphalt flimmerte und manchmal genügte schon der Weg von einer Bühne zur nächsten, um das Gefühl zu haben, gerade einen kleinen Marathon absolviert zu haben. Wasserflaschen wurden zu ständigen Begleitern, jeder Schattenplatz zu einer willkommenen Pause. Und trotzdem hatte ich nie den Eindruck, dass diese Temperaturen die Stimmung trübten. Im Gegenteil. Vielleicht lag es gerade an dieser Mischung aus Sommer, Musik und dieser besonderen Atmosphäre, dass sich selbst die anstrengendsten Tage leichter anfühlten, als sie eigentlich waren.
Es waren die Begegnungen, die den Unterschied machten. Da war der Ehrenamtliche, der nach einer Zwölf-Stunden-Schicht immer noch lächelnd den nächsten Besucher begrüßte. Vereinsmitglieder, die mit einer Begeisterung über ihre Arbeit erzählten, als wäre es der erste Tag und nicht schon der achte. Einsatzkräfte, die überall präsent waren und trotzdem Zeit für ein freundliches Wort fanden. Händler, Künstler, Musiker und Aussteller, die sich ehrlich darüber freuten, Teil dieses Landesfestes sein zu dürfen. Und mittendrin immer wieder Besucher, die einfach glücklich wirkten. Menschen, die sich treiben ließen, spontan stehen blieben, einer Band lauschten oder mit völlig Fremden ins Gespräch kamen. Gerade diese Momente haben mir immer wieder gezeigt, was den Hessentag eigentlich ausmacht. Natürlich standen die großen Veranstaltungen im Mittelpunkt. Natürlich lockten die Konzerte auf dem Domplatz teilweise Zehntausende Besucher an. Das waren ohne Zweifel große Highlights dieses Landesfestes. Doch je länger der Hessentag dauerte, desto häufiger stellte ich fest, dass meine ganz persönlichen Lieblingsmomente oft gar nicht auf den großen Bühnen stattfanden. Sie entstanden irgendwo dazwischen. Auf einem kurzen Weg über die Hessentagsstraße. Bei einem spontanen Gespräch. Wenn Kinder mit leuchtenden Augen eine Mitmachaktion ausprobierten. Wenn ältere Besucher erzählten, dass sie schon 1990 beim ersten Hessentag in Fulda dabei gewesen waren und sich diesen zweiten in ihrer Heimat auf keinen Fall entgehen lassen wollten.
Genau in diesen Augenblicken wurde mir bewusst, dass ich den Hessentag längst nicht mehr nur als Redakteur erlebe. Natürlich war ich dort, um Geschichten zu erzählen. Aber irgendwann wurde ich selbst Teil dieser Geschichte. Vielleicht ist genau das die größte Stärke unseres Berufs. Man fährt zu einem Termin und glaubt zu wissen, worüber man später schreiben wird. Doch am Ende erzählt häufig nicht der Termin selbst die schönste Geschichte, sondern die Begegnung auf dem Weg dorthin. Der kurze Satz eines Besuchers. Das ehrliche Lächeln einer Helferin. Die Freude eines Kindes. Der Stolz eines Vereinsmitglieds. All diese kleinen Momente tauchen in keinem offiziellen Programm auf – und trotzdem machen sie ein Fest wie den Hessentag erst zu dem, was es ist.
Viel zu schnell kam schließlich der letzte Tag. Der große Festzug bildete einen würdigen Abschluss eines Landesfestes, das die Erwartungen vieler sogar übertroffen hat. Mehr als 1,1 Millionen Besucher strömten innerhalb von zehn Tagen nach Fulda. Eine Zahl, die beeindruckend ist. Und trotzdem glaube ich, dass sie nur einen kleinen Teil dessen beschreibt, was dieser Hessentag tatsächlich war. Besucherrekorde, ausverkaufte Konzerte oder fast 1.200 Programmpunkte lassen sich messen. Das Gefühl, das diese Tage hinterlassen haben, dagegen nicht. Als wenig später die ersten Bühnen abgebaut wurden und langsam wieder der Alltag in die Stadt zurückkehrte, wirkte es fast unwirklich. Dort, wo noch am Abend zuvor gefeiert worden war, fuhren plötzlich wieder Lieferfahrzeuge. Bauzäune kehrten zurück, Fahnen verschwanden, die Hessentagsstraße löste sich Stück für Stück wieder auf. Wer einige Tage später durch die Innenstadt lief, konnte kaum noch erahnen, dass hier kurz zuvor über eine Million Menschen unterwegs gewesen waren. Und trotzdem war etwas geblieben. Wenn mich heute jemand fragt, was mein persönliches Highlight des Hessentags war, fällt mir keine einzelne Veranstaltung ein. Es war auch kein Konzert. Kein Gespräch. Kein Pressetermin. Es war dieses Gefühl, das sich kaum in Worte fassen lässt. Das Gefühl, erlebt zu haben, wie eine ganze Stadt über sich hinausgewachsen ist. Wie Menschen gemeinsam an einem Ziel gearbeitet haben. Wie aus unzähligen kleinen Puzzleteilen ein großes Ganzes entstanden ist. Gerade in einer Zeit, in der oft über das gesprochen wird, was Menschen voneinander trennt, hat der Hessentag gezeigt, wie viel möglich ist, wenn die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht.
Vielleicht hat der Hessentag für mich deshalb tatsächlich nie am 12. Juni begonnen. Und vielleicht endete er auch nicht am 21. Juni. Vielleicht ist das am Ende auch das größte Kompliment, das man dem Fuldaer Hessentag machen kann. Er bleibt nicht wegen einzelner Programmpunkte in Erinnerung. Nicht wegen Besucherzahlen. Nicht wegen Rekorden oder großer Namen. Sondern wegen der Menschen, die ihn mit Leben gefüllt haben. Wegen des Lächelns, das einem auf Schritt und Tritt begegnete. Wegen des Zusammenhalts, der überall spürbar war. Und wegen des Gefühls, dass Fulda für zehn Tage gezeigt hat, wie viel entstehen kann, wenn eine ganze Stadt gemeinsam an eine Idee glaubt. Vielleicht ist genau das der wahre Hessentag.
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