Bei bestem Festwetter stand die Veranstaltung ganz im Zeichen des partnerschaftlichen Dialogs zwischen Erzeugern und Verbrauchern. Die Liturgie des gemeinschaftlich mit der evangelischen Kirchengemeinde Bieberstein-Dipperz gefeierten Gottesdienstes lag in den Händen von Pfarrer Johannes Trepte und Diakon Manfred Oeste, die die Festgemeinde in der vollbesetzten Scheune des Hofes begrüßten. Die zentrale Festpredigt hielt Dekan Dr. Thorsten Waap, der in seinen Worten den tiefen Wert der bäuerlichen Arbeit hervorhob. Unter der herbstlichen Festfreude und der prachtvollen Kulisse der von Landfrauen gebundenen Erntekrone war die spürbare Sorge um die Zukunft der bäuerlichen Familienbetriebe der unüberhörbare Grundtenor des Tages.
Die Ernte des laufenden Jahres hinterließ bei den Landwirten der Region tiefe Sorgenfalten. Extreme Wetterkapriolen machten den Bauern das Leben in den vergangenen Monaten schwer. Die nackten Zahlen und die Realität auf den Feldern zeigten enorme regionale Unterschiede und verlangten den Betriebsleitern alles ab. Erntedank bedeute heute eben weit mehr als das bloße Feiern von gefüllten Lagern. Es ging den Organisatoren ganz massiv darum, das Gewissen für den Wert heimischer Nahrungsmittel zu schärfen. Vielerorts stand der Altarraum voll von Feldfrüchten, die später an soziale Einrichtungen weitergegeben werden – denn Erntedank verbindet Dankbarkeit immer auch mit dem Gedanken des Teilens. Die Botschaft des Tages war unmissverständlich: Wer eine verlässliche Versorgung mit regionalen Lebensmitteln will, muss den Erzeugern faire Rahmenbedingungen, weniger lähmende Bürokratie und echte Wertschätzung entgegenbringen. Die aufwendig gestaltete Erntekrone aus Weizen, Gerste, Roggen und Hafer spiegelte diese Vielfalt wider. Ihre runde Form erinnerte die Festgemeinde daran, dass viele einzelne Ähren gemeinsam etwas Großes bilden und der Mensch ein Teil der Natur bleibt, für deren Erhalt er Verantwortung trägt.
Ein besonderes und verbindendes Element bildeten die anschließenden Fürbitten unter der Anleitung von Diakon Oeste. In einem gemeinschaftlichen Wechselgebet, an dem sich neben der katholischen Beteiligung auch Vertreter des Kreisbauernverbandes, Caroline Kirchhoff sowie die Landfrauen beteiligten, wurden die drängenden Sorgen der Gegenwart vor Gott gebracht. Die Bittgänge drehten sich dabei nicht nur um den Schutz der Schöpfung angesichts austrocknender Flüsse und weltweiter Wettextreme, sondern schlossen explizit die Erzeuger ein. Es wurde um Kraft für diejenigen bäuerlichen Familien gebeten, die sich um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Betriebe sorgen, während die Landfrauen mit einem eindringlichen Appell für Respekt, Offenheit und ein starkes, generationenübergreifendes Miteinander in den Dörfern und Gemeinden den geistlichen Schlusspunkt setzten.
Nach dem Gottesdienst begrüßten Kreisbauernverbandsvorsitzender Stefan Schneider und Caroline Kirchhoff vom Weihershof die vielen Anwesenden. Der Hofbieberer Bürgermeister Markus Röder dankte Dekan Waap für seine mitreißende Predigt, in der er den Menschen als soziales Wesen in den Mittelpunkt gestellt hatte: „Die Welt ist voll von komischen Dingen zurzeit, aber wenn wir zusammenhalten, haben wir schon viel getan.“ Sebastian Müller, Landtagsabgeordneter und nur wenige Kilometer neben dem Weihershof wohnhaft, erinnerte daran, dass unsere Region und unsere Landschaft durch Familienbetriebe geprägt sind: „Für diese müssen wir sorgen. Jeder kann sich da einbringen, indem man regionale Lebensmittel kauft.“
Nach dem Ende des feierlichen Gottesdienstes wich die Nachdenklichkeit einer wunderbar geselligen Atmosphäre auf dem Hofgut. Die Trachtenkapelle Elters sorgte nach der Begleitung des kirchlichen Teils mit schwungvollen, zünftigen Klängen für den passenden musikalischen Rahmen, während sich die kleinen und großen Festbesucher beim reichhaltigen Mittagstisch sowie Kaffee und selbstgebackenem Kuchen stärkten. Die Landwirte nutzten den Nachmittag für intensive, unverfälschte Gespräche an den Tischen. Sie gaben den Verbrauchern bereitwillig Einblicke in ihre tägliche Arbeit im Stall und auf dem Feld, um ganz gezielt das Bewusstsein dafür zu schärfen, woher unser tägliches Brot kommt. Am Ende des ereignisreichen Tages stand für die Festgemeinde fest: Das Kreiserntedankfest in Hofbieber war kein verstaubter Brauchtumstermin, sondern ein lebendiges, wichtiges Forum für das ländliche Leben in Osthessen.
