Lokales FD 13.09.2026

Winfriedpreis: Nino Haratischwili wirbt für ein wehrhaftes Europa

Fulda (pn) – In einem feierlichen Rahmen wurde der diesjährige Winfriedpreis am Sonntagnachmittag im Fürstensaal des Stadtschlosses an die Schriftstellerin, Dramatikerin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili überreicht. Mit der mit 10.000 Euro dotierten Auszeichnung wird ihr entschlossenes Eintreten für Europa, Freiheit und Demokratie gewürdigt, besonders aufgrund ihres klaren Blickes für die Gefahren des russischen Imperialismus. Sowohl Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, als auch Osteuropa-Experte und FAZ-Redakteur Reinhard Veser lobten Haratischwili bei der Verleihung in höchsten Tönen.

Foto: Paula Nöllenheidt.

Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld erinnerte in seiner Begrüßung an die Geschichte des Winfriedpreises, der in diesem Jahr bereits zum 26. Mal verliehen wurde, und an dessen Stifter Heinz G. Waider. Dieser hatte selbst die Schrecken des Krieges erlebt und daraus die Überzeugung gewonnen, dass Kriege nur verhindert werden können, wenn „Menschen verschiedener Nationalitäten einander kennenlernen, respektieren und gemeinsam für den europäischen Gedanken eintreten.“ Diese Idee sei heute aktueller denn je, betonte Wingenfeld. Angesichts des Krieges in Europa stelle sich weltweit, aber auch unmittelbar vor Ort, die Frage, ob die demokratischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte dauerhaft bestand haben könnten. Gerade deshalb zeige sich, wie weitsichtig die Stiftungsidee Waiders gewesen sei. Entscheidend für die Auszeichnung Haratischwilis sei besonders ihre „öffentliche Positionierung für ein freies Europa, für Demokratie und Freiheit.“ Mit ihrem Werk „Europa, wach auf!“ habe sie ein eindringliches Zeichen gesetzt und daran erinnert, dass die Zukunft Europas ein „gesamtgesellschaftlicher Auftrag“ sei. 

Reinhard Veser stellte in seiner Laudatio insbesondere Haratischwilis Blick auf Europa aus der Perspektive einer in Georgien geborenen Autorin heraus. Ein Foto von Demonstranten in Tiflis, die sich mit einer Europafahne Wasserwerfern entgegenstellen, nahm er dabei zum Sinnbild: „So wie die Demonstranten in den Straßen ihrer Heimatstadt nimmt sie die Errungenschaften Europas nicht als naturgegeben und ewig, sondern als etwas, das brüchig ist, das erkämpft und verteidigt werden muss.“ Gerade angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sei diese Perspektive für Westeuropa von Bedeutung, so Veser. Viele Menschen hätten Schwierigkeiten, die Konsequenzen der „Zeitenwende“ zu akzeptieren. „Gerade deshalb sind die Wortmeldungen der diesjährigen Preisträgerin so wichtig“, erklärte er. Haratischwili gehe hart mit Europa ins Gericht, „weil sie an dessen Werte glaubt und will, dass sie verteidigt werden.“ Durch ihre persönlichen Erfahrungen in Georgien und die daraus beschriebenen Eindrücke resultiere ein Blick auf die Welt, den viele Menschen im Westen Europas lange verdrängt hätten. Veser verwies zudem auf ihren Essay „Europa, wach auf!“, in dem sie das Wegsehen Westeuopas gegenüber den Entwicklungen in Russland kritisiere. Ihr Text sei zugleich „Anklage und Liebeserklärung“ an Europa: Haratischwili fordere Solidarität mit den Völkern an den europäischen Rändern und frage nach der Bereitschaft Europas, für seine Werte einzustehen. „Daher braucht Europa, daher braucht Deutschland Stimmen wie die von Haratischwili, die Ländern wie Georgien einen Platz auf der geistigen Landkarte der Westeuropäer verschaffen“, betonte er.

In ihren Dankesworten bezeichnete Haratischwili die Auszeichnung als „Ehre, aber auch große Verantwortung.“ Gerade weil der Preis nicht für Literatur, sondern für große gesellschaftliche Werte verliehen werde, sei er für sie ein besonderer Ansporn. Die Autorin berichtete, wie sie durch den Krieg in der Ukraine und die Entwicklungen in ihrer Heimat zunehmend politisch geworden sei, wobei „Kunst nie unpolitisch sein“ könne. So warnte sie davor, sich angesichts der aktuellen Weltlage in Sicherheit zu wiegen. Die Werte von Demokratie, Freiheit und Vielfalt müssten immer wieder neu verteidigt werden. „Jedes Zögern, jedes Nichthandeln von uns ist eine Chance mehr, die den Diktatoren in die Hände gelegt wird“, warnte sie. „Mit meinen Waffen, Stift und Papier“ könne sie Menschen unterstützen und ermutigen, berichtete sie. „Wir können uns aktuell keine Hoffnungslosigkeit leisten, dieser Kampf muss gewonnen werden, denn die Alternative ist keine Alternative“, appellierte sie abschließend. Für die Botschaft erhielt sie stehende Ovationen. Musikalisch umrahmt wurde das festliche Programm von Mahina Chalcou-Freier und Erik Oldenburg von der Musikschule Fulda. 

Verleihung des Winfriedpreises. Fotos: Paula Nöllenheidt.