Lokales FD 30.09.2026

Vesper im Fuldaer Dom: Bätzing über die Schule des Bonifatius

Fulda (pm/pf) – Im Rahmen der Herbst-Vollversammlung 2026 der Deutschen Bischofskonferenz stand am Samstagabend die Bonifatiusvesper im Dom zu Fulda auf dem Plan. Die Predigt im Dom hielt der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing.

Die Bonifatiusvesper zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 30. September 2026 im Dom zu Fulda. Die Predigt hielt Bischof Dr. Georg Bätzing, Bischof von Limburg. Fotos: Deutsche Bischofskonferenz / Marko Orlovic

Die Predigt von Bischof Dr. Georg Bätzing im Wortlaut:

Lesung: Röm 8,28–30

„Wie nähert man sich als Prediger einer überragenden Gestalt wie dem hl. Bonifatius, liebe Geschwister im Glauben? Hier an diesem Ort, von wo aus Bonifatius sein Werk maßgeblich organisierte und wo er nach seiner Ermordung die letzte Ruhestätte fand, ist seine Aura stark. Das spüre ich jedes Mal, wenn wir Bischöfe uns zur Herbst-Vollversammlung an seinem Grab versammeln und uns in dieser Vesper gemeinsam mit Ihnen allen unter seine Fürsprache stellen. Dann empfinde ich, was der Liturgiewissenschaftler Theodor Schnitzler (1910–1982) einmal sagte: Bonifatius – das ist der heimliche Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz durch die Jahrhunderte hindurch. Sein Bild wurde kraftvoll gezeichnet, sicher manchmal überzeichnet, neu konturiert in späteren Zeiten. An die historische Gestalt kommen wir nur vermittelt heran. Erst 400 Jahre nach seinem Tod verbreitete sich der Ehrenname des „Apostels Germaniens“, und unser heutiges Bild wurde stark gemacht in den bedrängten Zeiten eines wehrhaften Katholizismus im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts. Wie also nähern wir uns dem Charisma des Bonifatius in gebührender Weise?

Ich will es als Schüler dieses großen Meisters tun, und dafür nehme ich mir ein Beispiel an einem 15-jährigen Jungen namens Gregor. Sie wissen vielleicht, meine kirchliche Heimat ist das Trierer Land. In dieser Region – und dazu gehörte ursprünglich auch der Lahngau – gab es längst Christen, als der angelsächsische Missionar den Boden unseres Landes betrat. Auch wenn die äußeren Zustände eine Neuorganisation der Strukturen und der Glaubensverkündigung im fränkischen Gebiet ratsam erscheinen ließen, in meiner Heimatregion lebten damals schon überzeugte Christinnen und Christen, die fest im Glauben standen. Ganz in der Nähe von Trier, auf der gegenüberliegenden Seite der Mosel hatte die fromme Witwe Adula ein Kloster gegründet. Sie gehörte zum fränkischen Hochadel und unterstützte die angelsächsischen Missionare. Und so war es selbstverständlich, dass auch Wynfrith im Jahr 721 (noch bevor er in Rom mit seinem Auftrag auch einen neuen Namen erhielt) im Pfalzeler Kloster Rast machte. Adulas Enkel Gregor trat bei Tisch als hervorragender Lektor auf. Wynfrith war erstaunt und lobte den Jungen. Aber der erfahrene Lateinlehrer fragte ihn: „Verstehst du auch, was du liest?“ Da wiederholte Gregor, was er gelesen hatte – nicht, weil er es nicht verstanden hätte, sondern weil es für einen Schüler der Hofschule völlig selbstverständlich war, mal Latein und mal den fränkischen Dialekt zu sprechen. Verstehen konnte er beides. In den alten Römerstädten war Doppelsprachigkeit völlig normal. Dagegen hatte der Angelsachse erst fleißig Latein lernen müssen, um zu verstehen, was er las. Der junge Gregor war aber so fasziniert von der folgenden Auslegung durch den Mönch aus dem fernen Land, dass er seine Großmutter bat, sich ihm anschließen zu können.

So, liebe Geschwister, verbreitet sich der gute Ruf des Evangeliums offenbar zu allen Zeiten am besten: von Mund zu Ohr, von Herz zu Herz, durch Verkünden und Überzeugen; und es geht stets darum, einzelnen Menschen das „Komm und sieh“ (vgl. Joh 1,39) des Herrn auszurichten. Die Boten des Evangeliums faszinieren. Eltern und Großeltern von heute kennen das, was von Gregor berichtet wird. Er setzte seine Großmutter förmlich unter Druck: „Wenn du mir kein Pferd geben willst, dass ich mit ihm reiten kann, werde ich ohne Zweifel meinen Weg zu Fuß mit ihm machen.“ Da gab ihm die kluge Adula Diener und Pferde, damit er Bonifatius folgen konnte.

Was mag den jungen Mann an seinem Vorbild so fasziniert haben? Wenn ich heute in die Schule des Bonifatius gehe, dann entdecke ich Dreierlei:

1. Da begegne ich einem gebildeten Menschen. Bonifatius ist ja nicht in jugendlichen Jahren ungestüm losgezogen, um die Friesen und Sachsen, die Hessen und die Thüringer zu missionieren. Zuerst hat er sich ein halbes Leben lang im Kloster intensiv vorbereitet: die Heilige Schrift verinnerlicht, die zugängliche Literatur des Mittelalters über Philosophie und Theologie studiert, Sprachen gelernt und unterrichtet, sich kirchenrechtliche Kenntnisse angeeignet. Als Wynfrith europäisches Festland betrat, da war er ein hoch gelehrter Mann, nicht als stupender Einzelgänger, sondern ganz geprägt durch das Leben in Gemeinschaft. Im klösterlichen Zusammenleben wurde ihm eine kirchliche Gesinnung zu eigen, die ihn zeitlebens kennzeichnete. Er konnte vorpreschen, konnte Alleingänge starten und Grenzen überschreiten, um Menschen für Christus zu gewinnen; aber stets hat er sich dazu einen Auftrag geben lassen, sich seiner Sendung vergewissert, damit sie kein einsames Hirngespinst sei. Es sind zwei wesentliche Aspekte, die solche Art Bildung ausmachen: „interius devotus et exterius doctus“ – im Herzen demütig, nach außen gelehrt. Herzensbildung und Gelehrsamkeit: Ohne dass wir uns persönlich darum bemühen, werden wir heute kaum Zeitgenossen für den Gottesglauben gewinnen können. Polarisierende Rechthaberei und Besserwisserei können die Herzen nicht für die Frohe Botschaft aufschließen.

2. Die markante Szene von der eigenhändigen Fällung der Donareiche durch Bonifatius bei Geismar im Jahr 723 gehört gewiss zu den bekanntesten Legenden der Christianisierung hierzulande. Aus heutiger Perspektive scheint sie ein radikaler Akt. Und doch möchte ich behaupten, dass „aufhören können“ auch heutzutage durchaus eine Voraussetzung ist, um eine neue Kultur zu etablieren. Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa (*1965) entdeckt in dieser Kunst einen wesentlichen Beitrag der Religion zu einer neuen Grundierung unserer Demokratie. Denn allenthalben stoßen wir ja an die Grenzen eines „rasenden Stillstands“ des Fortschrittsversprechens, das sich totgelaufen hat und in vielen Krisenphänomenen unserer Zeit seine bedrohlichen Auswirkungen zeigt. Immer mehr, immer höher, immer weiter: Die zuträglichen Grenzen eines „grenzenlosen Wachstums“ sind längst überschritten. Die Zahl der Opfer von Armut, Hunger, Krieg und Klimanot nimmt täglich zu. Wir müssen aufhören, menschliches Wohlergehen vornehmlich durch wirtschaftliches Wachstum, wissenschaftlichen Fortschritt und ökonomischen Wohlstand zu definieren. Menschsein ist mehr, darauf hat Papst Leo in seiner Enzyklika Magnifica humanitas hingewiesen. Und die nötige Umkehr beginnt mit dem „Auf-hören“ im wahrsten Sinn, mit dem Hören auf den Anruf Gottes, der uns in die Gemeinschaft von Menschen mit gleicher Würde ruft und verpflichtet. Ja, eine nachhaltige Kultur globaler Verantwortung braucht Religion und Gottesglauben „at its best“.

Aufhören werden wir – so denke ich – auch innerhalb der Kirche lernen müssen, um eine neue evangelisierende Kultur zu etablieren angesichts kleiner Zahlen und geringerer Ressourcen. Nicht alles, was einmal gute katholische Praxis war und zum kirchlichen Angebot gehörte, ist „auf ewig“ gestellt; vieles war zeitbedingt und hatte seine Zeit. In manchen Fragen verhindert die theologische Fiktion der Kontinuität sogar die Erneuerung, die unsere Kirche so dringend braucht. Aufhören können und Neues anfangen – von Bonifatius kann man es lernen.

3. Und zu guter Letzt: Erneuerung braucht Strukturen. Evangelisierung braucht Strukturen. In Bonifatius haben wir dafür einen sicheren Gewährsmann, wenn wieder einmal behauptet wird, wir kümmerten uns so sehr um Strukturen und Reformvorhaben, dass wir unter der Hand die Verkündigung des Evangeliums vernachlässigten. Wenn die große Erkenntnis von Papst Franziskus, vielleicht sein bleibendes Erbe, dass die katholische Kirche eine synodale Kirche sein muss, sich als Kultur weltweit etablieren soll, dann geht das nicht bloß durch methodische Stilübungen. Es braucht gesicherte Verfahren und Prozesse, um Verantwortlichkeiten mit Transparenz zu unterlegen und in wichtigen Fragen gemeinsame Entscheidungen zu ermöglichen; und das auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens.

Bei Bonifatius in die Schule gehen, liebe Geschwister im Glauben, das ist auch heute sinnvoll und möglich. Da werden wir eingeladen zu gründlicher Bildung unseres Herzens und Geistes. Da lernen wir aufhorchen und aufhören, um Kirche für Menschen von heute sein zu können. Und wir sehen vielleicht neu den Sinn mühsamer Arbeit an Strukturen und Rahmenbedingungen. Kirche in der Welt und Kirche in der Zeit bleibt eine spannende Aufgabe. Hl. Bonifatius, erbitte uns die Kraft, uns ihr zu widmen. Amen.“