Warum es sehr zu bedauern ist, dass dieser Komponist und Zeitgenosse von Mendelssohn, Schumann und Spohr viel zu jung im Alter von nur 22 Jahren verstorben ist, erklärte die künstlerische Leiterin und Ideengeberin von „Hommage – Fulda hört hin“ Uta Weyand in ihrer kurzen Begrüßung. Besonders an diesem Abend sei nicht nur, dass Staehles Streichquartett zur Welt-Uraufführung kommen sollte und seine Tre Scherzi für Klavier ebenfalls nur äußerst selten aufgeführt worden seien. Der Reifeprozess zwischen seinem mit 16 Jahren komponierten Streichquartett und dem nur fünf Jahre später entstandenen Klavierquartett sei kaum zu begreifen.
So begann Dongping Wang diesen spannenden Nachmittag mit den „Tre Scherzi“ op. 4 für Klavier Solo. Drei äußerst charmante Stücke, welche in ihrer Manier sehr an Staehles Zeitgenossen erinnerten und ähnlichen Werken aus seiner Zeit, die weit mehr an Berühmtheit genießen, in keiner Weise nachstehen. Mit herzhafter Leichtigkeit gewann Dongping Wang, welcher 2022 bei der Pianale mit dem Steingraeber&Söhne Preis sowie dem emcy Preis ausgezeichnet worden war, das Publikum für Hugo Staehle und machte Lust auf mehr.
Vor der Pause erklang zum ersten Mal in der Geschichte Staehles Streichquartett Nr. 1 G-Dur. Nach 184 Jahren kam es endlich zur Uraufführung dieses Werkes. Mit nur knapp 16 Jahren hatte er es geschrieben. Gelobt wurde es von seinem damaligen Lehrer Louis Spohr, der sich für seinen hochbegabten Schüler sehr einsetzte. Das Alinea Quartett, dessen Violinistin Fanny Anais Schell als Kind die Dalberg-Schule in Fulda besuchte, fesselte das Publikum mit einer lebhaften und eindrucksvollen Darbietung dieses bis dato völlig unbekannten Werkes. Die vier Musiker, Fanny Anais Schell, Mario Sögtrop, Justus Schimmer und David Fuchs widmeten sich klar und mit großer Hingabe ihrer Verantwortung, ein Werk zur Uraufführung zu bringen und damit ihr Publikum von dem Werk eines nahezu vergessenen Komponisten zu überzeugen.
Staehle war ein großer Freund von Quartettmusik und spielte oft die zweite Geige oder sogar die Bratsche. Besonders gediegen war aber sein Klavierspiel, welches sich weniger durch eine vollendete Technik, als vielmehr durch eine tiefe Erfassung und eines wahrhaft geistreichen Vortrags auszeichnete. Drei Streicher und Klavier war die Besetzung für das meist aufgeführte sogenannte Klavierquartett von Hugo Staehle im zweiten Teil des Konzertes. Berauschend romantisch und mit tiefgründigem Epos präsentierten Fanny Schell, Justus Schimmer und David Fuchs gemeinsam mit Dongping Wang ein Werk mit enormer Strahlkraft. Das Publikum konnte sich der berührenden Interpretation nicht entziehen und belohnte alle Beteiligten dieses Abends mit lang anhaltendem Applaus und standing ovations. Dass das Alinea Quartett und Dongping Wang nun unabhängig voneinander ein postgraduales Studium an der Kunstuniversität in Graz antreten, mag den vielleicht glücklichen Nebeneffekt haben, dass diese jungen Musikerinnen und Musiker auch in Zukunft gemeinsam auftreten und Staehles Musik von Fulda in die Welt tragen. Wer das Konzert nicht live miterleben konnte, hat dank der live-Aufnahme des Hessischen Rundfunks die Möglichkeit dieses am 1. November um 20 Uhr bei hr2-kultur in der Sendung mit Niels Kaiser nachzuhören.
