Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt in Lesen und Mathematik das Mindestniveau, das die OECD als Voraussetzung für Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe betrachtet. Besonders deutlich ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung: Sozial begünstigte Jugendliche erreichen in den Naturwissenschaften 125 Punkte mehr als benachteiligte Jugendliche; im OECD-Durchschnitt beträgt der Unterschied 85 Punkte. Während sich dieser Abstand im OECD-Raum seit 2015 verringert hat, ist er in Deutschland gewachsen.
Die hessische Landesregierung hat in der vergangenen Woche ein Bildungschancenpaket mit 680 zusätzlichen Lehrkräftestellen vorgestellt. Davon sind 200 Stellen über den Sozialindex für Schulen mit besonderem Unterstützungsbedarf vorgesehen. Zuvor waren zum laufenden Schuljahr 300 Sozialindex-Stellen sowie rund 90 Stellen für die Binnendifferenzierung an Integrierten Gesamtschulen gestrichen worden. Selbst nach der schrittweisen Rückgabe von 200 Sozialindex-Stellen wird das frühere Niveau damit nicht wieder erreicht. Die OECD empfiehlt ausdrücklich, zusätzliche Ressourcen gezielt auf benachteiligte Schüler*innen und Schulen zu konzentrieren.
„Es ist definitiv richtig, dass nach monatelanger Kritik wieder in Schulen mit schwieriger Ausgangslage investiert wird. Aber 200 neue Stellen können die vorherigen Kürzungen nicht ausgleichen. Wer Bildungsgerechtigkeit will, muss gerade dort dauerhaft mehr Ressourcen bereitstellen.“, erklärt Landesschulsprecher Laurenz Spies.
Den stärksten Rückgang verzeichnet die Lesekompetenz. Die OECD verweist auf ein verändertes Leseverhalten in der digitalen Welt und betont, dass gerade die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, einzuordnen und kritisch zu prüfen, weiter an Bedeutung gewinnt. Tägliche Lesezeit, Medienführerschein und das verpflichtende Angebot „KI und Digitale Welt“ gehen deshalb grundsätzlich in die richtige Richtung. Die LSV Hessen fordert flächendeckende Medienbildung seit Jahren von der Einschulung bis zum Schulabschluss. Viele der zentralen neuen Maßnahmen zur Stärkung von Basiskompetenzen und Medienbildung konzentrieren sich jedoch auf die jüngeren Jahrgänge und greifen teilweise erst in mehreren Jahren. Die zusätzliche Deutschstunde kommt beispielsweise erst zum Schuljahr 2028/29. Für die 15-Jährigen, die PISA untersucht, und für alle, die heute in der Mittel- oder Oberstufe sitzen, enthält das Paket nichts.
„Medienkompetenz ist eine zentrale Zukunftskompetenz. Trotzdem ist sie seit Jahren in den Lehrplänen nicht ausreichend verankert. Die PISA-Ergebnisse zeigen erneut, dass wir Medienbildung nicht als Zusatz behandeln dürfen. Schüler*innen müssen in jeder Jahrgangsstufe lernen, Informationen kritisch zu prüfen, digitale Medien sicher zu nutzen und sich kompetent in einer zunehmend von KI geprägten Welt zu bewegen“, so Spies.
Auch die Struktur des deutschen Schulsystems spielt für Bildungsgerechtigkeit eine wichtige Rolle. Im Lesen verfehlen an Gymnasien 5 Prozent der Jugendlichen das Mindestniveau, an nicht-gymnasialen Schulformen sind es 43 Prozent. Für die Landesschüler*innenvertretung Hessen bestätigt PISA damit eine langjährige Position: Wenn Kinder bereits nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schulformen verteilt werden, können soziale Unterschiede früh verfestigt werden, anstatt sie durch gezielte Förderung auszugleichen.
Leistungsstarke und zugleich vergleichsweise gerechte Bildungssysteme lassen Schüler*innen häufig länger gemeinsam lernen, erkennen Schwierigkeiten frühzeitig und fördern gezielt. Besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien besteht die Gefahr, dass aus unterschiedlichen Ausgangsbedingungen dauerhafte Bildungsunterschiede werden.
Die LSV Hessen fordert deshalb, die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg so lange wie möglich offenzuhalten, das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Sekundarstufe I auszubauen und individuelle Förderung in jedem Klassenraum zur Regel zu machen. Dazu gehören ausreichend Lehrkräfte, multiprofessionelle Teams, kleinere Lerngruppen und eine Förderung, die sich am tatsächlichen Unterstützungsbedarf der Schüler*innen orientiert.
„Wir kritisieren seit Jahrzehnten das, was die Zahlen erneut zeigen: Wo Kinder nach der vierten Klasse sortiert werden und individuelle Förderung auf dem Papier bleibt, prägt die soziale Herkunft den Bildungsweg stärker, als es ein gerechtes Schulsystem zulassen darf. Länger gemeinsam lernen ist keine Ideologie, sondern das, was die erfolgreichsten Bildungssysteme der Welt tun“, so Spies abschließend.
