Für Dr. Wolfram Geiger, Vorsitzender der St. Antonius-Stiftung, war der Tag mehr als ein gewöhnlicher Baufortschritt. „Heute ist ein großer Tag, nicht nur für die Stiftung, sondern vor allem für die Menschen, die hier in Zukunft ihren Arbeitsplatz finden und das Projekt mit Leben füllen“, sagte er. Geiger erinnerte daran, dass die Idee vor rund fünf Jahren mit einem symbolischen Samenkorn begonnen habe. Entscheidend sei dabei ein Perspektivwechsel: Nicht die Behinderung eines Menschen solle im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, welche Fähigkeiten und Talente er mitbringe. Aus dieser Haltung sei die Vision für die neue Gärtnerei entstanden. Auch der Ort selbst ist eng mit dem Gedanken der Gemeinschaft verbunden. Vor einigen Jahren entstand in Haimbach gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und antonius der Gemeinschaftsgarten. Zur Eröffnung des Festaktes wurde deshalb zunächst symbolisch ein Steg eröffnet. Gemeinsam darüber zu gehen, stand für den Beginn eines weiteren gemeinsamen Weges. Geiger betonte zudem, dass „das Gebäude selbst nicht das eigentliche Ziel ist“. Viel wichtiger sei das, was darin geschehen soll: Dass Menschen dort arbeiten, ihre Fähigkeiten einbringen und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Produkte herstellen können. „Wir wollen sehen, dass das, was hier produziert wird, sich auch trägt“, machte er deutlich. Die hohe Spendensumme sei dabei nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Vorhaben.
Durch das Programm führte Stiftungsmitglied Stephanie Mosler. Sie bezeichnete den erreichten Bauabschnitt als wichtigen Meilenstein nach einem „langen und herausfordernden Weg“. Die Projektleitung liegt bei Rainer Sippel, Janina Goldbach und Ulrich Schmitt. Rainer Sippel knüpfte in seiner Ansprache an die Grundidee von Gründerin Maria Rang an, nach der jeder Mensch einen Platz in der Gesellschaft finden soll. Vieles sei daraus bereits entstanden, mit der Bio-Gemüsegärtnerei solle nun „eine weitere Lücke geschlossen werden“. Goldbach beschrieb den geplanten Neubau als einen Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten einen Arbeitsplatz finden können, ausdrücklich auch Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. „Teilhabe, wirtschaftliches Handeln sowie Verantwortung gegenüber Menschen und Umwelt sollen dabei miteinander verbunden werden“, betonte sie. Schmitt verwies auf die lange Tradition des Gemüseanbaus bei antonius: Schon früher hätten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gearbeitet und Verantwortung übernommen. Man wolle nun hochwertige Bio-Lebensmittel produzieren und zugleich echte Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen: „Hier wächst Zukunft“, erklärte er. Beides müsse kein Gegensatz sein, sagte Schmitt: „Wertschätzung kann die Grundlage für Qualität, Innovation und nachhaltigen Erfolg sein.“
Auch Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld zeigte sich bei der Feier begeistert. Beim Spatenstich hätten alle noch an die Vision glauben müssen, inzwischen werde sie Schritt für Schritt Wirklichkeit. „Das entstehende Projekt ist ein Gewinn für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt”, so Wingenfeld. Besonders hob er die Verbindung von Arbeit, regionaler Produktion und Teilhabe hervor. Ab Frühjahr 2027 soll erstmals Bio-Gemüse aus der neuen Gärtnerei erhältlich sein. Auch Manfred Belle, Ortsvorsteher von Haimbach, machte deutlich, dass die Verantwortlichen vor Ort auf Unterstützung aus dem Stadtteil zählen können.
Besonders anschaulich wurde der Gedanke des Projekts bei einem symbolischen Akt vor dem künftigen Gewächshaus. Dort war ein Hügel mit vorbereiteter Muttererde aufgeschüttet worden. Daneben standen 15 Zinkeimer, stellvertretend für die 15 neuen Arbeitsplätze, die mit Unterstützung der St. Antonius-Stiftung entstehen sollen. Jeder Eimer stand dabei für einen „Nährstoff“, den das Projekt benötigt: Unter anderem wurden Erfahrung, Vision, Vertrauen, Mut, Talente, Teilhabe, Gemeinschaft, Partnerschaft, Engagement, Spenden, Arbeit und Ausbildung, Verantwortung, Nachhaltigkeit und die Region genannt. Unter anderem OB Wingenfeld und Vorsitzender Rainer Sippel schütteten jeweils eine der Nährstoffeimer voll Erde auf und setzen anschließend Paprika, Peperoni und Wintersalate wurden ein. Die Botschaft dahinter: Das Gewächshaus selbst ist nicht das Ziel, sondern soll die Bedingungen schaffen, unter denen Menschen, Ideen und letztlich auch Gemüse wachsen können.
Lioba Wingenfeld, zweite Vorsitzende der St. Antonius-Stiftung, blickte bei der Spendenübergabe auf mehrere Jahre Arbeit und das Ringen um die Verwirklichung des Projekts zurück. Dass am Ende 740.000 Euro zusammengekommen seien, habe alle Beteiligten überwältigt. Statt eines klassischen Spendenschecks wurde symbolisch eine riesige Tomate überreicht. Sie sprach den Spenderinnen und Spendern ihren ausdrücklichen Dank aus. Das Projekt könne nur gemeinsam mit der Bürgerschaft und den zahlreichen Unterstützern auf den Weg gebracht werden. „Viele Menschen in Fulda leben Inklusion“, sagte sie und betonte, wie stolz sie darauf sei. Pater Thomas segnete anschließend die Pflanzaktion. Musikalisch begleitete die Band EASY Jazz sowie die Schülerinnen und Schüler der Antonius-von-Padua-Schule die Feier. Kulinarisch richtete sich passend zum Anlass der Feiern alles rund um die Tomate mit Pizza, Buscetta und Tomatensuppe.
Am Ende der Veranstaltung konnten sich Besucherinnen und Besucher selbst ein Bild vom aktuellen Stand machen. Bei Führungen ging es durch den ersten fertiggestellten Bauabschnitt und über das Gelände der künftigen Bio-Gemüsegärtnerei. Geplant sind drei Gewächshäuser mit jeweils rund 1440 Quadratmetern Grundfläche. Sie sollen sich klimatisch unterschiedlich steuern lassen, sodass verschiedene Kulturen angebaut werden können. Daneben befindet sich ein kleineres, rund 300 Quadratmeter großes Haus, in dem eigene Gemüsepflanzen für den Freilandanbau produziert werden. Eine weitere Halle mit rund 2000 Quadratmetern Fläche soll künftig der Verarbeitung dienen. Dort werden Tomaten und Gurken aus dem Gewächshaus sowie Freilandgemüse sortiert, gewaschen und verpackt. Vorgesehen sind außerdem Kühl- und Lagermöglichkeiten sowie eine Lkw-Laderampe. Personal- und weitere Betriebsräume befinden sich derzeit noch im Ausbau. Insgesamt sollen neben den 15 von der St. Antonius-Stiftung geförderten Arbeitsplätzen für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf rund 60 weitere Menschen in der Gärtnerei beschäftigt werden. Dabei bleibt die Grundidee des Projekts auch bei der Planung der Arbeitsabläufe entscheidend, wie Janina Goldbach bei der Führung erklärte: „Es soll nicht zuerst danach geschaut werden, welche Defizite ein Mensch hat. Vielmehr geht es darum, wo seine Talente liegen und an welcher Stelle der Produktionskette er diese einbringen kann.”
