Lokales FD 27.09.2026

Menschen in Krisen begleiten: Bischof Gerber würdigt Algermissen

Fulda (pm/sim) – Sein Dienst als Seelsorger geht auch im Ruhestand weiter: Zum 30. Jahrestag der Bischofsweihe von Bischof emeritus Heinz Josef Algermissen hat Bischof Dr. Michael Gerber dessen Einsatz für das Leben und für Menschen in schwierigen Lebenslagen gewürdigt. Beim Pontifikalamt am Sonntag (27. September) im Fuldaer Dom verband Gerber den Dank an seinen Vorgänger zugleich mit einem Blick auf die Zukunft des Bistums. Die Kirche müsse ihre Kräfte dort einsetzen, wo Menschen Zerbrechlichkeit, Krisen und Verlust erfahren, und ihnen beistehen. Unter den Konzelebranten war auch der neue Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Hubertus van Megen.

Foto: Silas Messing.

Mit einem Rückblick auf das Wirken von Bischof emeritus Heinz Josef Algermissen hat Bischof Dr. Michael Gerber am Sonntag im Fuldaer Dom eine Perspektive für die Zukunft des Bistums verbunden. Algermissen stand dem Pontifikalamt zum 30. Jahrestag seiner Bischofsweihe als Hauptzelebrant vor, Gerber hielt die Predigt.

Zu Beginn erinnerte Gerber an eine Primizfeier im Jahr 1990 in seiner Heimatstadt Oberkirch. Über eine dort auftretende Musikgruppe aus Lippstadt im Erzbistum Paderborn kam Gerber erstmals indirekt mit Heinz Josef Algermissen in Berührung: Auf dem Cover einer Schallplatte aus dem Jahr 1984 dankten die Musiker dem damaligen Pfarrer H. Algermissen für seine Unterstützung.

Dieser Dank passe auch heute noch, sagte Gerber und fragte mit Blick auf den Jubilar: „Was und vor allem wen hast Du nicht alles unterstützt in diesen 30 Jahren im Bischofsamt!“ Den Titel der Schallplatte „Wir alle wollen leben“ deutete Gerber als Hinweis auf einen Schwerpunkt, der Algermissens Wirken bis heute prägt.

Gerber erinnerte an Algermissens „vielfältigen und sehr klaren Einsatz für den Lebensschutz, für den Einsatz für die Schwächsten in unserer Gesellschaft, von der Empfängnis bis zum Tod“. Er nannte Menschen, die Frauen in schwierigen Schwangerschaftssituationen begleiten, sich für Menschen mit Behinderung einsetzen oder Schwerstkranke und Ältere unterstützen. Auch Algermissens Engagement für die katholische Friedensbewegung Pax Christi gehöre zu diesem Einsatz. „Im Bistum und über das Bistum hinaus warst und bist du aktiv im Einsatz für das Leben“, sagte Gerber.

Auch nach seinem Rücktritt als Bischof von Fulda setzt Algermissen seinen seelsorglichen Dienst fort. Gerber hob besonders die Begleitung älterer Menschen und seinen Einsatz als „Bischof in Reichweite“ in den Pfarreien der Region hervor.

Gerber erinnerte zugleich an die Menschen, die Algermissens eigenen Weg geprägt hätten. Seine Eltern, seine Schwestern sowie weitere Weggefährtinnen und Weggefährten hätten dazu beigetragen, dass er seinen Weg der Nachfolge Christi gefunden habe. Von diesem Glauben gebe Algermissen durch sein Wort und sein Tun Zeugnis, so Gerber.

Algermissens bischöflicher Wahlspruch vom „Schatz in den zerbrechlichen Gefäßen“ stammt aus dem zweiten Korintherbrief des Apostels Paulus. „Nie war dieses Wort so bedeutsam wie heute“, sagte Gerber. Er verwies auf das Bemühen um Resilienz, also Widerstandskraft, im persönlichen Leben und in der Gesellschaft. Als Beispiele nannte er Gesundheitsvorsorge, den Schutz vor Cyberangriffen, Hochwasserschutz und die Sicherung kritischer Infrastruktur. „Dies alles erfordert Kompetenz und Klugheit und ist eine unbestreitbare Notwendigkeit gerade in unseren Tagen.“

Das biblische Bild gehe jedoch darüber hinaus. Menschen könnten ihre Zerbrechlichkeit unvermittelt erfahren, etwa durch den Tod eines nahestehenden Menschen, eine Krebsdiagnose oder einen Unfall. Paulus habe diese Verletzlichkeit am eigenen Leib erlebt. „Aber nicht trotz, sondern genau inmitten dieser Zerbrechlichkeit erfährt er die Gegenwart Gottes“, sagte Gerber. Diese Erfahrung habe seinem Leben eine neue Richtung gegeben.

 

Gerber grenzte diesen Gedanken ausdrücklich davon ab, Leid zu suchen oder herbeizuführen: „Christliche Existenz bedeutet nicht, Momente des Zerbrechens aktiv zu suchen oder gar herbeizuführen. Denn Gott ist und bleibt der Gott des Lebens.“ Wo Zerbrechlichkeit schmerzlich erlebt werde, könne sie aber zum Ort einer neuen Glaubenserfahrung werden. Als Beispiele nannte Gerber Franz von Assisi und Ignatius von Loyola, deren Lebenswege durch existenzielle Krisenerfahrungen eine neue Richtung erhalten hätten.

Wie solche Erfahrungen heute wirken können, schilderte Gerber anhand einer Pilgerwanderung mit gut 35 jungen Erwachsenen. Diese hätten ihm von Verlust und Einsamkeit während der Corona-Pandemie, von Flucht und Vertreibung aus dem Mittleren Osten sowie von Gewalt im familiären Umfeld erzählt. Zugleich hätten sie davon berichtet, wer ihnen in diesen Situationen liebevoll, wertschätzend und selbstlos beigestanden habe. „Genau diese Begleitung durch einen Menschen, der selbst im Glauben verwurzelt ist, hat sie neu auf die Spur des Glaubens gebracht“, sagte Gerber.

Die Würdigung seines Vorgängers verband Gerber mit dem Blick auf die künftige Ausrichtung des Bistums. „Denn ich glaube, gerade Dein Bischofswort weist uns in die Zukunft“, sagte er zu Algermissen. Angesichts „schwindender Kräfte und Mittel“ müsse das Bistum Fulda neu überlegen, wo es seine Kräfte einsetze. Das Leitwort gebe die Richtung vor: dort gegenwärtig sein, wo Menschen Zerbrechlichkeit erfahren, und mit ihnen die Gegenwart des Auferstandenen suchen.

„Um dieser Suchbewegung willen werden wir so manches, anders als bisher, stärken müssen – und um dieser Suchbewegung willen werden wir vieles auch loslassen können.“ Christen teilten mit vielen Menschen die Erfahrung von Zerbrechlichkeit und Verlust, führte Gerber aus. In der Art, wie Christen mit diesen Erfahrungen umgingen, könnten sie Zeugnis von ihrem Glauben geben.

Bischof emeritus Heinz Josef Algermissen stand dem Pontifikalamt als Hauptzelebrant vor. Zu den Konzelebranten gehörte der neue Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Hubertus van Megen. Am folgenden Tag nahm er an der Eröffnungssitzung der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda teil.

Weitere Konzelebranten waren Bischof Dr. Michael Gerber, Weihbischof und Domdechant Prof. Dr. Karlheinz Diez, Generalvikar Dr. Martin Stanke, Bischof Dr. Philippe Mbarga aus Ebolowa, Erzbischof em. Hans-Josef Becker aus Paderborn und Abt Nikodemus Schnabel OSB aus Jerusalem.

Musikalisch gestalteten Domorganist Max Deisenroth, Kantorin Dr. Julia Maria Kim und Sopranistin Rebecca Haag den Festgottesdienst. Zu hören waren unter anderem „Laudate Dominum“ von Wolfgang Amadeus Mozart, „Lasst uns singen von der Gnade des Herrn“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, „O salutaris hostia“ von Gioachino Rossini und die Toccata aus der V. Symphonie von Charles-Marie Widor.

Hintergrund: Heinz Josef Algermissen

Heinz Josef Algermissen wurde am 15. Februar 1943 in Hermeskeil bei Trier geboren. Nach dem Abitur studierte er Philosophie und Theologie in Freiburg und Paderborn. Am 19. Juli 1969 wurde er in Paderborn zum Priester geweiht. Nach Stationen als Vikar in Bielefeld und Meschede war er von 1974 bis 1980 auch Studentenpfarrer an der Universität Paderborn. 1980 wurde er Pfarrer in Bielefeld-Schildesche, später Dechant und Regionaldekan. In der überwiegend protestantisch geprägten Stadt setzte er früh ökumenische Akzente.

Papst Johannes Paul II. ernannte Algermissen im Juli 1996 zum Weihbischof in Paderborn. Die Bischofsweihe empfing er am 21. September 1996 im Paderborner Dom durch Erzbischof Dr. Johannes Joachim Degenhardt. Am 20. Juni 2001 wurde Algermissen zum Bischof von Fulda ernannt und am 23. September 2001 in sein Amt eingeführt. Er leitete das Bistum bis 2018; am 5. Juni 2018 nahm Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch an.

In der Deutschen Bischofskonferenz gehörte Algermissen der Liturgiekommission und der Ökumenekommission an, deren stellvertretender Vorsitzender er war. Von 2002 bis 2019 war er Präsident der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Von 2003 bis 2018 war er zudem Vizepräsident des Maximilian-Kolbe-Werkes. Auch im Ruhestand ist er seelsorglich in den Gemeinden und in der Begleitung älterer Menschen tätig.

30. Jahrestag von Bischof Heinz Josef Algermissen. Fotos: Silas Messing