Lokales FD 20.09.2026

Marie Pfungst: Akademieabend erinnert an jüdische Unternehmerin

Fulda (pm/sim) – Eine außergewöhnliche Unternehmerin, eine engagierte Stifterin und eine Frau, die sich für Bildung und Frauenrechte einsetzte: Ein Akademieabend an der Katholischen Akademie im Bonifatiushaus hat sich mit dem Leben und Wirken der jüdischen Frankfurter Unternehmerin Marie Eleonore Pfungst beschäftigt. Im Mittelpunkt standen der Dokumentarfilm „Maries Vermächtnis“ von Dr. Ina Knobloch sowie eine anschließende Gesprächsrunde.

Die Akteure des Akademieabends (von links): Thomas Altmeyer, Dr. Ina Knobloch, Gunter Geiger Fotos: Katholische Akademie

Akademiedirektor Gunter Geiger begrüßte Ina Knobloch als Referentin im Bonifatiushaus. Mit ihr war auch Maximilian Graeve, Geschäftsführer der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung, zu Gast. Die Stiftung, die bis heute unter anderem Stipendiaten fördert, wurde 1918 von Marie Pfungst gegründet. Arthur Pfungst war ihr Bruder und leitete die 1871 gegründete Naxos-Union von 1899 bis zu seinem Tod im Jahr 1912. Marie Pfungst führte das Unternehmen gemeinsam mit ihrer Mutter Rosette weiter.

Ein weiterer Referent des Abends war Thomas Altmeyer vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945/Geschichtsort Adlerwerke in Frankfurt. Auf dem Gelände der Adlerwerke bestand während der NS-Zeit das Konzentrationslager Katzbach. Dort waren bis zu 1.600 Zwangsarbeiter interniert. Geiger nannte in seiner Begrüßung außerdem die Kooperationspartner des Abends: die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und den Deutschen Journalisten-Verband (DJV).

Die Dr. Arthur Pfungst-Stiftung war vor der NS-Zeit die größte Stiftung in Deutschland. Die Familie Pfungst besaß die Naxos-Union. Der Firmenname geht auf die gleichnamige griechische Insel zurück. Auf Naxos wird in Minen Schmirgelgestein abgebaut, das zum Schleifen verwendet wird. Dieses Material benötigte die Frankfurter Firma für ihre Schleifprodukte.

Marie Pfungst und die anderen Mitglieder der Familie zeichneten sich durch ihr soziales Engagement für ihre Mitarbeiter aus. Über die Stiftung ermöglichten sie Menschen eine Bildung, die für sie sonst finanziell nicht erreichbar gewesen wäre. Dabei wurden Menschen unabhängig von ihrer Religion unterstützt. Knobloch wies darauf hin, dass diese liberale und säkulare Haltung typisch für viele Frankfurter Juden in den 1920er-Jahren gewesen sei. Dazu gehörte auch Marie Pfungsts Einsatz für Frauenrechte.

Die große Wohltäterin der Mainmetropole fand während der NS-Zeit ein qualvolles Ende im Konzentrationslager Theresienstadt. Im Alter von 80 Jahren wurde Marie Pfungst dorthin deportiert. Ein Augenzeuge berichtet im Film, dass die älteren Menschen dort auf dem nackten Boden schlafen mussten. Marie Pfungst starb 1942.

Was von Marie Pfungst bleibt, zeigt sich unter anderem an einem Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus im Frankfurter Gärtnerweg. Auch die Naxos-Halle, ein ehemaliges Fabrikgebäude, ist bis heute erhalten und wird für Theateraufführungen genutzt. Im Film werden Szenen aus einem Theaterstück gezeigt, in dessen Mittelpunkt die Person Marie Pfungst steht.

Für den Politikwissenschaftler Altmeyer gibt es neben Film und Dokumentation zahlreiche weitere Möglichkeiten der Bildung und Aufklärung, etwa durch Comics für Schülerinnen und Schüler oder durch Theaterprojekte.

Auch die heutige Situation jüdischer Menschen in Deutschland wurde bei dem Akademieabend thematisiert. Manche trügen die Kippa, die traditionelle jüdische Kopfbedeckung, nicht mehr in der Öffentlichkeit, berichtete Knobloch. Die Filmemacherin erzählte zudem von einem Münchner Metzger, der koschere Produkte verkauft. „An seinem Laden gibt es kein Schild. Kunden melden sich vorher telefonisch an. Das ist die Realität“, sagte Knobloch.

Hinter dem Antisemitismus sieht die Filmemacherin immer wiederkehrende Vorgehensweisen. Juden würden seit Jahrhunderten für unterschiedlichste Unglücke verantwortlich gemacht – mit Verfolgung und Tod, unter den Nationalsozialisten millionenfach. Das Widersinnige daran sei, dass Angehörige der jüdischen Religion in Deutschland und weltweit eine kleine Minderheit seien. Dennoch werde ihnen unterstellt, die Mehrheit überrollen zu wollen.

Knobloch sagte zudem, der linke beziehungsweise muslimische Antisemitismus werde hierzulande unterschätzt beziehungsweise sei tabu. Als Beispiel verwies sie auf eine Rede des palästinensischen Präsidenten Abbas, in der dieser behauptet habe, Israelis würden Wasser in Brunnen vergiften. Dabei handele es sich um ein altes antisemitisches Vorurteil. Die Filmemacherin erinnerte außerdem an den Händedruck zwischen Adolf Hitler und dem Großmufti von Jerusalem im Jahr 1941.

Kaum jemand bekenne sich offen als antisemitisch. Bilder sowie das Andeuten oder Hervorheben von Stereotypen – auch religiösen – könnten jedoch dazu beitragen, Menschen zu der Vorstellung zu führen, dass Juden die Bösen seien, die das Gute vernichten wollten und deshalb bekämpft werden müssten. „Denn: Wer will nicht auf der Seite des Guten stehen?“, so Knobloch. Dies sei eine seit Jahrhunderten angewandte Methode, mit der Populisten und Demagogen auf Menschenfang gingen.

Marie Pfungst habe in ihrem Leben dagegen etwas anderes erkannt, das auch heute noch zukunftsweisend wirken könne. Ihr Vermächtnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Wenn dein Herz den Hass der Menschen spürt, dann beschäme sie durch Güte.“