Lokales FD 04.09.2026

„Letztes Abendmahl“: 38. Früchteteppich in Sargenzell eröffnet

Sargenzell – Von Silas Messing – Körner, Samen und Blütenblätter werden zu einem der bekanntesten Kunstwerke der Welt: In der Alten Kirche in Sargenzell ist am Freitagabend der 38. Früchteteppich eröffnet worden. In diesem Jahr zeigt das ehrenamtlich gefertigte Kunstwerk Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“. Rund zehn Wochen hat das Team um die künstlerische Leiterin Heike Richter daran gearbeitet.

Heike Richter. Fotos: Silas Messing.

„Wir freuen uns sehr, dass heute so viele Menschen gekommen sind, um unseren Früchteteppich zu betrachten“, sagte Richter zur Eröffnung. Das Motiv habe bereits seit Jahren im Raum gestanden. Die Übertragung des 8,80 Meter breiten und rund 4,50 Meter hohen Originals auf die Fläche in der Alten Kirche sei allerdings eine besondere Herausforderung gewesen.

Von Montag bis Donnerstag arbeitete das Team zehn Wochen lang an dem Teppich. Rund 1000 ehrenamtliche Arbeitsstunden stecken allein in dem Kunstwerk. „Wir haben hier jeden Abend gehockt, gesessen, gelegen, uns unterhalten und Problemchen auf den Grund gegangen, wenn wir welche hatten“, erzählte Richter. Insgesamt wurden etwa 70 bis 80 verschiedene Körner- und Samenarten verwendet. Zur Verfügung stehen dem Team rund 120 verschiedene Sorten. Das Material wird dabei hauchdünn auf dem Boden verteilt.

Eine Besonderheit in diesem Jahr ist der rote Vorhang. Dafür verwendete das Team Annatto-Samen aus Bulgarien. Auch bei den Gesichtern der zwölf Jünger gab es eine Neuerung: Getrocknete und gemahlene Rote Bete und Möhren sowie Reis sorgen für unterschiedliche Hauttöne und Schattierungen.

Die größte Herausforderung sei diesmal die räumliche Wirkung gewesen, erklärte Richter. Der Verlauf von der Mitte zu den helleren Rändern habe auf beiden Seiten möglichst gleichmäßig gestaltet werden müssen. „Das war tatsächlich die größte Herausforderung“, sagte sie. Auch die Schrift stellte das Team vor Probleme, da sich die verwendeten Reiskörner immer wieder drehten.

Im Mittelpunkt des Motivs steht eine Szene, die fast 2000 Jahre alt ist und dennoch aktuell wirkt. Jesus sitzt in der Mitte, während die zwölf Apostel ganz unterschiedlich auf seine Ankündigung reagieren, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Für Richter steckt darin eine Botschaft, die weit über die biblische Geschichte hinausgeht.

„Wir haben heute so viele unterschiedliche Meinungen und so viele unterschiedliche Menschen“, sagte sie. Gerade in sozialen Medien würden Diskussionen schnell eskalieren und Menschen andere Meinungen verurteilen. Der Früchteteppich soll deshalb auch dazu anregen, wieder genauer hinzuhören. „Begegnet einander mit Respekt. Hört einander zu. Lasst unterschiedliche Meinungen zu.“

Auch die Gestaltung greift diese Botschaft auf. Eine steinerne Rahmung trägt eine entsprechende Inschrift, während ein gedeckter Tisch die Besucher symbolisch dazu einlädt, selbst Platz zu nehmen. „Wir müssen nicht alle gleich sein“, betonte Richter. Jeder könne aber seinen Teil dazu beitragen, dass aus vielen kleinen Dingen etwas Großes entstehe.

Damit passt auch die Herstellung des Früchteteppichs zur Botschaft des Motivs. Jedes einzelne Korn sei nur ein kleines Teilchen, erst die vielen verschiedenen Materialien würden am Ende ein Gesamtbild ergeben. „Ohne meine Mädels würde das hier überhaupt nicht funktionieren“, sagte Richter mit Blick auf ihr Team. Wie eng sie mit dem Projekt und den Frauen verbunden ist, wurde bei ihren Worten immer wieder deutlich. Hinter den zehn Wochen Arbeit stehen für sie nicht nur unzählige Arbeitsstunden, sondern auch gemeinsame Abende, Gespräche, Diskussionen und die vielen kleinen Probleme, für die gemeinsam Lösungen gefunden werden mussten. Entsprechend emotional fiel auch ihr Dank an die Helferinnen aus.

Auch Manuel Mohr, Vorsitzender des Fördervereins, stellte die Gemeinschaft in den Mittelpunkt. „Wenn ich heute Abend hier in die Alte Kirche schaue, dann sehe ich nicht zuerst den Früchteteppich“, sagte er. Er sehe die Menschen dahinter: das Team, Helfer, Nachbarn, Freunde und Unterstützer. Der Teppich sei ein „Gemeinschaftswerk“, das nur durch das Engagement vieler Menschen entstehen könne.

Mohr erinnerte zugleich an die Geschichte der Alten Kirche. Vor rund 40 Jahren sei der Abriss des Gebäudes beschlossen worden. Menschen aus Sargenzell setzten sich jedoch für den Erhalt ein. Heute sei die Kirche ein Ort für Kunst, Kultur, Geschichte, Glauben und Begegnung. „Nicht alles, was alt ist, muss ersetzt werden“, sagte Mohr.

Auch die Spenden, die rund um den Früchteteppich gesammelt werden, kommen sozialen und kulturellen Projekten zugute. Im vergangenen Jahr konnten laut Mohr 25.000 Euro ausgeschüttet werden.

Die Grußwortredner griffen ebenfalls die Gemeinschaft als zentrales Thema auf. Pfarrerin Kirsten Schulte betonte, dass Gemeinschaft nicht bedeute, dass alle einer Meinung sein müssten. „Gemeinschaft beginnt nicht damit, dass alle gleich sind. Gemeinschaft beginnt damit, dass alle einen Platz haben am Tisch.“

Landtagsabgeordneter Thomas Hering würdigte das außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement und die Ausstrahlung des Früchteteppichs weit über Sargenzell hinaus. Auch Vizelandrat Frederik Schmitt hob die Arbeit des Teams hervor und verwies auf die Vergänglichkeit des Kunstwerks. Gerade weil der Teppich nicht dauerhaft bestehe, werde die gemeinsame Arbeit besonders wertvoll.

Bürgermeister Benjamin Tschesnok zeigte sich von der Wirkung des Motivs beeindruckt und dankte den zahlreichen Ehrenamtlichen. Ortsvorsteher Volker Biedenbach bezeichnete die Alte Kirche und den Früchteteppich als wichtigen Anziehungspunkt für die Region.

Pater Christoph Heinemann OMI, Provinzial der Mitteleuropäischen Provinz der Oblatenmissionare, schlug den Bogen zwischen Leonardo da Vincis Original und der heutigen Interpretation in Sargenzell. Das „Letzte Abendmahl“ stehe bis heute für Gemeinschaft, Versöhnung und Zusammenhalt. Leonardo da Vinci habe dabei Menschen mit unterschiedlichen Charakteren und Reaktionen an einen Tisch gesetzt. Jeder der Jünger reagiere anders auf die Ankündigung Jesu, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Gerade diese Unterschiedlichkeit mache das Motiv bis heute so aktuell.

Heinemann erinnerte daran, dass Leonardo mit Farben, Formen und Perspektiven gearbeitet habe, während in Sargenzell Körner, Samen und andere natürliche Materialien zum Einsatz kommen. Doch hinter beiden Werken stecke mehr als die reine Gestaltung. Viele einzelne Teile würden erst gemeinsam ein großes Ganzes ergeben. „Viele Körner und viele Hände, viele Menschen mit einem gemeinsamen Ziel, lassen ein Bild entstehen, das niemand hätte alleine schaffen können“, sagte er.

Auch die Vergänglichkeit des Früchteteppichs spiele dabei eine Rolle. Das Werk werde nicht für die Ewigkeit geschaffen, sondern für einen begrenzten Zeitraum. Entscheidend sei deshalb nicht nur, was am Ende auf dem Boden zu sehen ist, sondern auch, was während der Entstehung zwischen den Menschen passiert. Gemeinschaft, Begegnung und das gemeinsame Arbeiten an einem Ziel seien Dinge, die sich nicht allein an dem fertigen Bild ablesen ließen.

Auch Schwester Brunhilde zeigte sich von dem Motiv bewegt und überbrachte Grüße der Generaloberin. Kaplan Andreas Szumski würdigte den Früchteteppich als Beispiel dafür, wie Kunst helfen könne, Bekanntes neu zu entdecken und „ins Staunen“ zu kommen.

Am Ende der Eröffnung stand damit nicht nur Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde im Mittelpunkt, sondern vor allem die Menschen, die es gemeinsam aus natürlichen Materialien geschaffen haben. Rund 1000 Arbeitsstunden, zahlreiche Körner und Samen und viel ehrenamtliches Engagement machen das diesjährige Werk zu einem besonderen Gemeinschaftsprojekt. Die Musikalische Umrahmung des Abends kam von Stefan Wagner. Der 38. Früchteteppich ist bis zum 8. November täglich von 10.30 bis 16.30 Uhr in der Alten Kirche in Sargenzell zu sehen.

38. Früchteteppich in Sargenzell eröffnet. Fotos: Silas Messing.