Der Abend in der Katholischen Akademie des Bistums Fulda stand unter dem Titel „Das gebrochene Versprechen – Sicher leben im Alter?“. Eingeladen hatten der DGB Fulda, die KAB Fulda und die Akademie. Dr. Sebastian Koch, Bildungsreferent der Akademie, begrüßte die Teilnehmenden zur Auftaktveranstaltung der diesjährigen Reihe. Rolf Müller, Vorsitzender des DGB Fulda, stellte den Referenten des Abends vor: Stefan Würzbach ist beim DGB Hessen-Thüringen Abteilungsleiter für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Manchmal sagt ein Bild mehr als viele Worte. So präsentierte Würzbach zu Beginn seines Vortrags zwei Grafiken mit den Bevölkerungspyramiden von 1990 und den Prognosen für das Jahr 2050. Aus der klassischen Pyramidenform werde dabei zunehmend eine eher zwiebelförmige Struktur mit breiterer Spitze. Gleichzeitig machte der Referent deutlich, dass langfristige Bevölkerungsprognosen mit Unsicherheiten behaftet seien. So habe etwa eine Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 1951 die Einwohnerzahl Deutschlands für das Jahr 1980 um rund neun Millionen Menschen unterschätzt. Ursachen hierfür seien unter anderem die gestiegene Lebenserwartung, Zuwanderung und historische Entwicklungen wie der Mauerfall gewesen.
Eine weitere Erkenntnis Würzbachs lautete, dass zwar der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung steige, sich der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter jedoch weniger stark verändere als häufig angenommen. Zudem verwies er auf die gestiegene Erwerbstätigkeit von Frauen. Bereits vor der Wiedervereinigung habe die Erwerbsquote von Frauen in der DDR deutlich über jener in Westdeutschland gelegen. Dies zeige sich bis heute bei den Rentenansprüchen. Die durchschnittliche Bruttorente von Frauen betrage in Ostdeutschland 1218 Euro, gegenüber 929 Euro in Westdeutschland. Bei Männern liege die durchschnittliche Bruttorente im Westen bei 1355 Euro und im Osten bei 1271 Euro.
Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Altersarmut haben, verdeutlichte der Gewerkschafter anhand aktueller Zahlen. So stieg der Anteil der Menschen, die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beziehen, von 3,1 Prozent im Jahr 2016 auf 4,1 Prozent im Jahr 2024. Auch die zunehmende Zahl älterer Menschen, die auf Wohngeld angewiesen sind, deute auf eine wachsende Problematik hin. Die Bundesregierung versuche mit ihrer geplanten Rentenreform gegenzusteuern. Nach den derzeitigen Plänen soll unter anderem die Zahl der Beitragszahlenden erhöht werden. Künftig sollen auch Minijobberinnen und Minijobber stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Zudem ist vorgesehen, Selbstständige in die Rentenversicherung aufzunehmen, sofern sie nicht bereits über berufsständische Versorgungssysteme, etwa für Ärzte oder Apotheker, abgesichert sind. Darüber hinaus wird über eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters diskutiert.
Würzbach gab darüber hinaus Einblicke in die Pläne zur Neugestaltung der Altersvorsorge. Künftig soll diese auf drei Säulen beruhen: der gesetzlichen Rentenversicherung, einer zusätzlichen Kapitalrente und der betrieblichen Altersvorsorge. Insbesondere die betriebliche Vorsorge solle gestärkt und gefördert werden. Die geplante Kapitalrente sehe einen zusätzlichen Beitrag von zwei Prozent des Einkommens vor, der paritätisch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert werde. Kritisch merkte Würzbach jedoch an, dass diese zusätzliche Kapitalrente ausschließlich der Altersvorsorge diene. Leistungen bei Erwerbsminderung, Hinterbliebenenversorgung oder regelmäßige Rentenanpassungen seien darin nicht vorgesehen.
Abschließend stellte der Referent die Vorschläge der DGB-Rentenkommission vor. Diese plädiert unter anderem für eine stärkere Steuerfinanzierung der Rentenversicherung, etwa durch eine höhere Beteiligung großer Vermögen. In diesem Zusammenhang verwies Würzbach darauf, dass bereits heute die Grundsicherung im Alter aus Steuermitteln finanziert werde, wenn auch aus einem anderen Haushaltstitel. Mit dem Akademieabend wurde deutlich, dass die Sicherung eines würdevollen Lebens im Alter eine der zentralen sozialpolitischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bleibt. Die Diskussion zeigte zugleich, dass über die Wege dorthin unterschiedliche Vorstellungen bestehen, der Handlungsbedarf jedoch von allen Beteiligten anerkannt wird.
Nächster Termin im Rahmen der Reihe „Kirche – Gewerkschaft“ ist am 23. September um 19 Uhr in der Katholischen Akademie. Das Thema dann lautet: „Wenn die Sommer heißer werden – Warum die Klimakrise soziale Fragen aufwirft“
