Meinungsumfragen gehören heute zur alltäglichen Berichterstattung. In der DDR-Öffentlichkeit gab es dagegen keine solchen Stimmungsbilder. Trotzdem wurde das öffentliche Meinungsbild von der SED, aber auch in der Bundesrepublik hinterfragt und dokumentiert. Diese Befragungen wertete Gieseke aus. Seine Erkenntnisse veröffentlicht der Historiker in seinem neuen Buch „Die ostdeutsche Volksmeinung. Politische Einstellungen in der DDR-Gesellschaft 1961-1989“, das im November im Ch. Links Verlag erscheint.
Für seine Forschung nutzte Gieseke vier verschiedene Erfassungsquellen. „Die Auswertung ist sehr komplex und gestaltete sich schwierig. Jede Quellenart hat ihre Eigenheiten und Tücken. Sie müssen sehr kritisch gelesen und bewertet werden, doch im Vergleich sind bei bestimmten Themen klare Muster erkennbar“, erklärte der Referent den Zuschauern auf Point Alpha.
Die DDR-Führung erforschte die Meinung im Land über Umfragen des Instituts für Meinungsforschung, das der SED unterstand. Diese Umfragen sollten die Befindlichkeit der Bevölkerung abbilden. Allerdings war der Anteil der Befragten, die keine Angaben machen wollten oder aus Angst vor Repressionen staatstreu antworteten, stets hoch. Nur wenige Umfragen sind tatsächlich überliefert, da das Institut 1979 auf Weisung von Erich Honecker geschlossen wurde. Grund dafür war, dass die Ergebnisse aus Sicht des Staatsrats-Vorsitzenden zu kritisch waren.
Auch die Stasi hörte genau hin. 80 Prozent der Bevölkerung standen der SED-Führung positiv gegenüber – so jedenfalls die Annahme. Seitenlange Berichte belegten jedoch, dass auch als treu geltende Genossen teils scharfe Kritik an der Politik übten.
In der Bundesrepublik wurde die Stimmung in der DDR unter anderem über Beobachtungen des Bundesnachrichtendienstes (BND) verfolgt. Die meisten Informationen sammelten die Agenten durch das Abhören des Telefonverkehrs innerhalb des Zentralkomitees der SED. „Das Institut Infratest München (heute: Infratest dimap) hat im Auftrag des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen in den 1950er Jahren Flüchtlinge befragt. Als es nach dem Mauerbau 1961 deutlich weniger Geflüchtete gab, wurden Stellvertreterbefragungen durchgeführt. Dabei haben Personen, die die DDR besucht haben, stellvertretend für einen DDR-Bürger die Umfrage beantwortet“, erläuterte Gieseke den Gästen. Die Personen wurden dabei in fünf Typen eingeteilt, die entweder eher der DDR oder der Bundesrepublik zugewandt oder politisch nicht interessiert waren.
Die Gesamtstimmung der DDR-Bevölkerung lässt sich laut Gieseke mit diesen Umfragemethoden nicht vollkommen unabhängig bestimmen. Dennoch zeigen sich klare Tendenzen: Von Mitte der 1960er-Jahre bis etwa 1975 wurde eine stabile Zufriedenheit mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage und in der Folge eine zunehmende Akzeptanz des politischen Systems in der DDR registriert. Besser war die Stimmungslage demnach, wenn die Wirtschaft im Land weitgehend stabil blieb. Mit dem Rückgang des Lebensstandards ab Mitte der 1970er-Jahre nahm die Unzufriedenheit allerdings zu und spitzte sich bis 1989 merklich zu.
Zum Abschluss betonte Gieseke, dass es aufgrund der Komplexität keine einfache Antwort auf die Frage nach der Stimmung in der DDR gebe. Wie in der Bundesrepublik habe es auch in der DDR nicht die eine vorherrschende Meinung gegeben, sondern viele unterschiedliche Wahrnehmungen und Perspektiven. Dementsprechend könne man auch keine direkten Linien in die Gegenwart ziehen. Meinung bilde sich unter vielen Faktoren auf komplexe Weise und müsse immer wieder neu untersucht werden. Im Anschluss an den Vortrag gab es zahlreiche Fragen aus dem Plenum, die Dr. Jens Gieseke ausführlich beantwortete.
