Guardian P. Cornelius Bohl OFM stimmte schon bei seiner Begrüßung die Anwesenden auf einen interessanten Vortrag ein – 800 Jahre nachdem Ordensgründer Franziskus von Assisi verstorben war. Der franziskanische Gedanke sei heute genauso aktuell wie in den vergangenen Jahrhunderten und schon Franziskus habe gesagt: „Wir sollen wie Pilger unterwegs sein.“ Zentrale Kernpunkte von Geigers Bericht drehten sich um die konkrete Route sowie die tiefen Erlebnisse und Kontraste der Reise. Da der Pilgerweg bekanntlich an der eigenen Haustür beginne, nutzte er eine Sabbatzeit im Jahr 2024 für eine außergewöhnliche, fünfmonatige Reise quer durch Europa. Ohne die Ablenkung durch ein Smartphone beschritt er einen gewaltigen Weg, der ihn von der Türkei über Griechenland, Italien und Frankreich – Monaco durchwanderte er in zwei Stunden, ohne dass es ihn beeindruckt habe – bis nach Santiago de Compostela in Spanien führte. Auf diesen tausenden Kilometern habe er intensiv die tiefen Kontraste des Pilgerns erfahren: das absolute Alleinsein auf unberührten, einsamen Pfaden und die spirituelle wie physische Konfrontation mit offenen, aber eben auch verschlossenen Kirchentüren. Unvorhersehbare Wetterumschwünge, bürokratische Hürden an den Ländergrenzen und plötzliche Planänderungen stellten ihn immer wieder vor immense Herausforderungen.
Unter dem Eindruck des anhaltenden Nahostkonflikts zeigte Geiger auf, wie das alltägliche Leben der christlichen Minderheit zwischen den Stühlen der Weltpolitik stattfindet. Neben den unübersehbaren geopolitischen Spannungen rückte der Ordensbruder vor allem die bewegenden menschlichen Begegnungen, die bleibende Kraft des gemeinsamen Glaubens und die unermüdliche Hoffnung der Menschen vor Ort in den Fokus. Der Krieg in Syrien verhinderte, schon in Jerusalem zu starten – „der Krieg ist jetzt beendet, aber auch heute würde ich mich nicht trauen, dort zu pilgern“. In der Türkei bemerkte er kaum, in einem muslimischen Land zu sein – umso mehr aber die Hilfsbereitschaft der dortigen Bevölkerung. Nach einer Routenverkürzung per Schiff, da er merkte, dass er in seiner Geschwindigkeit von 25 bis 30 Kilometern pro Tag sonst in fünf Monaten sein Ziel nicht erreichen würde, kam er in Griechenland in eine vom orthodoxen Christentum geprägte Gemeinschaft, was in Jerusalem nicht immer spannungsfrei ist. „Aber auch in Griechenland machte ich nur gute Erfahrungen mit den Menschen“, erzählte Geiger. In Italien, das er von Süd nach Nord durchwanderte mit einem Besuch von Assisi, gab es eine hohe Klosterdichte mit vielen inspirierenden Begegnungen. Ganz anders der Weg durch Frankreich, wo es fast keine Klöster gibt – und auf dem Land, ähnlich wie in Deutschland, oft auch keinerlei Einkaufsmöglichkeiten mehr. Die letzten Wochen an der spanischen Nordwestküste entlang regnete es dann fast unentwegt, und gerade in Santiago wurde er bei der Ankunft enttäuscht. Vor der Kirche gab es Einlasskontrollen mit einer langen Schlange, und seine franziskanischen Mitbrüder wollten ihn ohne Anmeldung nicht einlassen. „Es kam der Gedanke, sofort heimzufahren. Vorher ging ich in die Kirche der Franziskaner und beschwerte mich beim lieben Gott – nicht sehr freundlich“, sagte Geiger. Dort wurde er von einem Mitbruder doch noch freundlich aufgenommen und verbrachte im Kloster drei Tage.
Geiger berichtete bewegt von einer grenzenlosen, oft unerwarteten Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft wildfremder Menschen, die ihn beherbergten, verpflegten und ihm den Weg wiesen. Diese Erlebnisse machten den Vortrag zu einem spirituellen und gleichzeitig sehr lebensnahen Zeugnis eines Mannes, der durch seine Schritte den konfliktreichen Nahen Osten und Europa zu Fuß miteinander verbunden und Brücken der Hoffnung geschlagen hat. Geiger hatte sich bewusst entschieden, ohne Telefon oder gar Smartphone unterwegs zu sein, was ihm wahrscheinlich leichter fiel, da er auch im Alltag darauf verzichtet. Das Wandern mit Karten und die Aufzeichnungen in einem Notizbuch habe seinen Blick auf das Wesentliche fokussiert: „Zuhause am Computer schaute ich mir die Route noch einmal an – und merkte, eigentlich nichts versäumt zu haben.“ Die Reise habe ihn verändert, berichtete Geiger weiter. Gestartet war er mit dem Gedanken „ein halbes Jahr weg würde mir guttun“. Seine Rückkehr in den Alltag war dann unproblematisch: „Aber ich glaube schon, mich verändert zu haben. Mit mir selbst habe ich Geduld gelernt – und auch mit anderen.“ An Tagen, wo es auf dem Weg keine Messfeier gab, habe er sie allein gefeiert. „Das ist mir sehr wichtig geworden und hat mir sehr gut getan, immer die gleichen Riten zu feiern und zu zelebrieren.“ Während der fünf Monate sei er kaum abgelenkt gewesen, was ihm half, Geduld zu lernen. Insgesamt habe er keine negativen Erfahrungen auf seinem langen Weg gemacht und er würde den Pilgerweg wieder antreten – bezweifelte aber, dass es noch einmal zu tun. Er könne kurzfristig kein weiteres Sabbatsemester einlegen und werde auch nicht jünger.
Die Veranstaltung wurde in bewährter Kooperation mit der Katholischen Akademie des Bistums Fulda durchgeführt und bot den zahlreichen Besuchern, die den Vortrag mit reichlich Beifall bedacht hatten, im Anschluss viel Raum für Fragen und den gemeinsamen, vertiefenden Austausch über den Dächern von Fulda.
