Lokales FD 23.09.2026

EDAG Smart Industry Summit: So sieht die Industrie von morgen aus

Fulda – Von Silas Messing – Eine Produktionsanlage, die sich erst einmal am Bildschirm planen und testen lässt. Ein digitales Modell, das mögliche Fehler sichtbar macht, bevor das erste Bauteil gefertigt ist. Oder ein autonomer Roboter, der Material durch eine Fertigungszelle transportiert, während zwei weitere Roboter die Bearbeitung übernehmen: Was nach Zukunftsmusik klingt, wird beim EDAG Smart Industry Summit in Fulda greifbar. Doch hinter den technischen Demonstratoren steckt eine ganz konkrete Frage: Wie kann die Industrie schneller, produktiver und widerstandsfähiger werden – gerade in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld?

Dirk Keller, Florian Freund und Jörg Gehrmann. Fotos: Silas Messing

Dass diese Frage die Branche längst beschäftigt, machte Harald Keller, CEO der EDAG Group, gleich zu Beginn deutlich. „Industrielle Wertschöpfung: Die wesentliche Grundlage unseres Wohlstandes“, sagte er zur Eröffnung des vierten Industry Summit. Sie sichere Arbeitsplätze, Innovationskraft und technologische Handlungsfähigkeit. Doch genau diese Grundlage stehe zunehmend unter Druck: „Gleichzeitig steht der Industriestandort Deutschland unter erheblichem Druck.“

Hohe Energiekosten, lange Genehmigungsverfahren, fehlende Fachkräfte und ein härterer internationaler Wettbewerb stellen Unternehmen vor große Herausforderungen. Hinzu kommen notwendige Investitionen in Digitalisierung und Dekarbonisierung. Für Keller sind das keine vorübergehenden Schwierigkeiten: „Das sind keine kurzfristigen Einzelprobleme, es sind strukturelle Herausforderungen.“

Die Politik müsse zwar die passenden Rahmenbedingungen schaffen, machte der EDAG-CEO deutlich. Doch Unternehmen könnten nicht darauf warten, dass alle Voraussetzungen von außen geschaffen werden. „Die Politik muss uns die Rahmenbedingungen entsprechend liefern, aber die interne Umsetzung obliegt uns als Unternehmen.“ Gerade bei Produktivität, Geschwindigkeit und Kostenstrukturen gebe es Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. „Auf diesen Faktoren können wir selbst Einfluss nehmen, und zu diesen Themen brauchen wir auf Berlin nicht zu warten.“

Schneller entwickeln, wettbewerbsfähig bleiben

Wie groß der Druck ist, zeigt sich laut Keller besonders in der Fahrzeugentwicklung. Während es in Deutschland häufig 40 bis 45 Monate dauere, ein beschlossenes Fahrzeug auf die Straße zu bringen, seien in China teilweise nur 24 Monate nötig. Doch Keller verwies auch auf eigene Erfahrungen: „Und der EDAG ist es auch schon gelungen, solche Gesamtfahrzeugprojekte in diesen Zeiträumen umzusetzen.“ Das dabei gewonnene Wissen wolle das Unternehmen auch auf andere Branchen übertragen.

Genau darum geht es beim EDAG Smart Industry Summit, der von Mittwoch bis Freitag Fachleute, Entscheider und Technologieexperten in Fulda zusammenbringt. Neue Technologien sollen nicht nur vorgestellt, sondern vor allem diskutiert und auf ihre praktische Anwendbarkeit geprüft werden. „Wir wollen in diesen anstehenden drei Tagen den technologischen Austausch zwischen all unseren Kunden, Partnern und natürlich auch Kollegen im Hause ermöglichen“, sagte Keller.

Dabei gehe es um mehr als reine Präsentationen. Sein Wunsch sei es, „dass wir die nächsten drei Tage in transparenten und wertschöpfenden Diskussionen miteinander verbringen können“. Am Ende solle jeder etwas aus Fulda mitnehmen, das ihn oder sein Unternehmen weiterbringt.

Wie groß das Interesse ist, zeigen die Teilnehmerzahlen: Rund 300 Unternehmen und etwa 550 Teilnehmer sind nach Angaben von Dirk Keller, Geschäftsführer der EDAG Production Solutions GmbH & Co. KG, dabei. Gegenüber dem Vorjahr sei die Veranstaltung damit um 15 bis 20 Prozent gewachsen. Inhaltlich stehen an den ersten beiden Tagen die Themen Smart Product, Smart Factory und Defence im Mittelpunkt. Am Freitag kommt mit Public Solutions ein weiterer Bereich hinzu. Auch externe Partner wie NVIDIA, T-Systems, Fraunhofer, Siemens und Dassault Systèmes sind beteiligt.

Vom digitalen Modell zur realen Anwendung

Wie eng Produktentwicklung und digitale Technologien inzwischen zusammengehören, zeigt sich im Bereich Smart Product. Früher mussten viele Eigenschaften eines Produkts zunächst an einem physischen Prototyp getestet werden. Heute können zahlreiche Schritte bereits digital erfolgen: Produkteigenschaften werden am Bildschirm definiert, simuliert und weiterentwickelt.

Beim Anwendungsbeispiel „Realize: From Feature 2 Reality“ werden Produktmerkmale mithilfe künstlicher Intelligenz erarbeitet und in einen digitalen Zwilling überführt. Dahinter steckt ein virtuelles Abbild eines Produkts, an dem sich unterschiedliche Varianten testen und mögliche Auswirkungen von Veränderungen frühzeitig erkennen lassen.

Das kann Entwicklungsprozesse beschleunigen und helfen, Fehler zu entdecken, bevor sie in der tatsächlichen Fertigung teuer werden. Auch Software- und Elektronikdaten lassen sich mit dem digitalen Modell verknüpfen. So bleiben Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts hinweg verfügbar.

Ein weiterer Demonstrator setzt bereits bei der Konstruktion an: Die EDAG Toolbox Automate Design zeigt, wie sich mithilfe eines Engineering Dashboards unterschiedliche Konzepte erstellen und überprüfen lassen. Werden einzelne Parameter verändert, können die Auswirkungen direkt betrachtet werden. Das digitale Modell wird so nicht nur zum Werkzeug für die Konstruktion, sondern auch zur Entscheidungshilfe.

Hinter vielen dieser Anwendungen steht metys, das Industrial Metaverse von EDAG. Die Plattform soll Daten, Modelle und Prozesse aus Produktentwicklung, Industrialisierung und Produktion miteinander verbinden. Statt Informationen in einzelnen Systemen oder Projektphasen getrennt zu betrachten, sollen sie übergreifend nutzbar werden.

Denn je komplexer Produkte und Produktionsprozesse werden, desto wichtiger ist eine gemeinsame Datenbasis. Sie kann dabei helfen, Wissen weiterzuverwenden, Abstimmungen zu vereinfachen und Entscheidungen auf einer verlässlichen Grundlage zu treffen.

Wenn aus Daten Entscheidungen für die Fabrik werden

Nicht nur einzelne Produkte, auch ganze Fabriken lassen sich digital planen. Im Bereich Smart Factory geht es darum, technische, wirtschaftliche und organisatorische Faktoren zusammenzubringen. Der Smart Factory Network Configurator zeigt, wie sich Kapazitäten, Prozesse, Technologien, Layouts, Kosten und Risiken in einem gemeinsamen 3D-Modell abbilden lassen.

Das ist vor allem bei komplexen Produktionsvorhaben hilfreich. Denn eine Änderung an einer Stelle kann Auswirkungen auf viele weitere Bereiche haben. Werden diese Zusammenhänge bereits im digitalen Modell sichtbar, lassen sich mögliche Folgen prüfen, bevor Maschinen aufgestellt oder Produktionslinien umgebaut werden.

Wie weit die Automatisierung inzwischen gehen kann, zeigt ein Demonstrator zur sogenannten Physical AI. In einer automatisierten Produktionszelle übernimmt ein autonomer mobiler Roboter den Materialtransport. Zwei weitere Roboter, sogenannte Cobots, führen anschließend die Bearbeitung aus. Sie sind darauf ausgelegt, mit Menschen zusammenzuarbeiten.

Das Beispiel macht deutlich, wie unterschiedliche automatisierte Systeme ineinandergreifen können. Entscheidend ist dabei nicht nur die einzelne Maschine, sondern das Zusammenspiel aus intelligenter Steuerung, Vernetzung und Datenverarbeitung.

Für Dirk Keller steht deshalb fest: „Technologie allein macht noch keine intelligente Fabrik.“ Digitale Anwendungen müssten einen konkreten Nutzen für die Unternehmen bringen. Beim Summit gehe es daher darum, „konkrete Lösungen für Planung, Industrialisierung und Betrieb“ zu zeigen.

Denn eine digitale Anwendung muss sich letztlich im industriellen Alltag bewähren. Sie soll nicht nur in einem Pilotprojekt funktionieren, sondern Unternehmen dabei helfen, Abläufe zu verbessern, schneller auf Veränderungen zu reagieren und fundiertere Entscheidungen zu treffen. Die Demonstratoren in Fulda sollen zeigen, welche Möglichkeiten es dafür bereits gibt.

Defence: Komplexe Systeme langfristig einsatzbereit halten

Ein weiterer Schwerpunkt des Summits ist der Bereich Defence. Hier geht es weniger um die Entwicklung eines einzelnen Produkts als um die Frage, wie komplexe Systeme über viele Jahre hinweg zuverlässig einsatzbereit bleiben können.

Unter dem Stichwort Integrated Product Support werden dafür unterschiedliche Aspekte frühzeitig mitgedacht: von Wartung und Logistik über die Ersatzteilversorgung bis hin zum Umgang mit Bauteilen oder Technologien, die nicht mehr verfügbar sind.

Gerade bei sicherheitsrelevanten Systemen ist es wichtig, dass notwendige Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg zugänglich bleiben. Fehlende Ersatzteile, Ausfälle oder veraltete technische Dokumentationen können erhebliche Folgen haben. Ein ganzheitlicher Blick auf Betrieb und Instandhaltung soll deshalb helfen, die Verfügbarkeit zu sichern und Kosten besser zu steuern.

Wie digitale Informationen direkt in Wartungsprozesse eingebunden werden können, zeigt eine weitere Demonstration. Eine sogenannte Interactive Electronic Technical Publication verbindet technische Dokumentation, Ersatzteilkataloge und Schulungsinformationen mit Live-Fahrzeugdaten.

Am Beispiel des EDAG CityBot lassen sich unterschiedliche Wartungs- und Informationsszenarien aufrufen. Technische Informationen werden dadurch nicht nur abgelegt, sondern direkt mit einer konkreten Anwendung verknüpft.

Public Solutions: Digitale Lösungen für öffentliche Infrastruktur

Am Freitag erweitert der Public Solutions Summit das Programm um digitale Herausforderungen im öffentlichen Sektor. Im Mittelpunkt stehen Cybersecurity, IT Healthcare und digitale Transformation.

Fachvorträge und Diskussionen beschäftigen sich unter anderem mit NIS2, KRITIS, Zero Trust, Interoperabilität, KI-gestützten Datenräumen und digitalen Zwillingen. Dahinter stehen Fragen, die für Behörden, öffentliche Einrichtungen und Betreiber kritischer Infrastrukturen zunehmend wichtig werden: Wie lassen sich digitale Systeme besser schützen? Wie können unterschiedliche Anwendungen sicher miteinander kommunizieren? Und wie können vernetzte Gesundheitslösungen künftig funktionieren?

Gerade dort, wo zahlreiche Systeme und Institutionen zusammenarbeiten müssen, sind sichere Datenflüsse und kompatible Anwendungen entscheidend.

Damit bringt der EDAG Smart Industry Summit Bereiche zusammen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: Produktentwicklung, industrielle Fertigung, sicherheitsrelevante Systeme und öffentliche Infrastruktur. Sie alle stehen jedoch vor einer ähnlichen Aufgabe: Immer komplexere Prozesse müssen beherrschbar bleiben. Digitale Technologien können dabei helfen – vorausgesetzt, sie schaffen einen konkreten Mehrwert im Alltag.

Für EDAG ist der Summit zugleich eine Gelegenheit, das eigene Leistungsspektrum zu präsentieren. Die international tätige Engineering-Gruppe wurde 1969 in der Region gegründet und beschäftigt heute mehr als 8300 Mitarbeitende an 70 Standorten in 19 Ländern. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte das seit 2015 börsennotierte Unternehmen einen Umsatz von 714 Millionen Euro.

In Fulda bleibt es jedoch nicht bei Zahlen und Zukunftsversprechen. Die Besucher können anhand der gezeigten Anwendungen nachvollziehen, wie digitale Modelle, vernetzte Daten und automatisierte Systeme ineinandergreifen – und welche Herausforderungen noch vor den Unternehmen liegen, wenn aus technologischen Möglichkeiten belastbare Lösungen werden sollen. Harald Keller formulierte zum Abschluss seiner Eröffnungsrede einen Wunsch, der zugleich den Anspruch des Summits beschreibt: Jeder solle „einen Mehrwert für sich nach Hause“ nehmen.

Vierter EDAG Smart Industry Summit in Fulda. Fotos: Silas Messing.