Seit 70 Jahren ist die Zeichnung bei Franz Erhard Walther Ausgangspunkt sowie Ort der Umsetzung und Weiterführung seiner radikalen Werkidee. Der vielschichtige zeichnerische Kosmos ist dabei nicht Begleiter der Werkentwicklung, sondern steht in deren Zentrum. Hier beginnen die Ideen, und hier werden sie in konkrete Entwürfe für Arbeiten überführt. Zeichnungen sind jedoch auch Ebenen der Reflexion der dreidimensionalen Objekte, ihrer Aktivierungen und Rezeption. Die Ausstellung „Dem Mond gewidmet“ zeigt, dass Walthers Zeichnungen nicht nur ebenbürtig zu seinem bedeutenden plastischen Werk sind, sondern darüber hinaus eine unmittelbare Nähe zu dem künstlerischen Prozess bieten. In acht Räumen auf zwei Ebenen werden die verschiedenen zeichnerischen Ansätze in einer aufwendigen Präsentation bewusst nicht chronologisch, sondern Fragestellungen und Themen folgend vorgestellt.
Während die plastischen Arbeiten seit 1963 fast ausschließlich durch Johanna Walther, durch Mitarbeiterinnen oder in Stahlwerken realisiert wurden, blieb die Zeichnung Walthers ureigenster Ort. Hier kann man aus der Nähe beobachten und nachvollziehen, wie die Entwürfe der verschiedenen Werkformen entstehen und sich Werkfindungsprozesse abbilden, wie sich in den Zeichnungen die Konzeption ordnet und sie als Instrument zur Strukturierung der Handlungsabläufe entscheidend sind. Gleichermaßen sind es die gezeichneten Werke, in denen Ebenen der Erinnerung gefiltert und zu etwas Neuem zusammengesetzt werden – einschließlich des Blickes des Künstlers auf die stattgefundenen Ausstellungen und deren Überführung in eine in dieser Form einzigartige Dokumentation in den sogenannten Planzeichnungen.
Es ist die aus dem Werkgedanken heraus zwingende Notwendigkeit, die Frage nach dem Wesen und der Erscheinungsform eines Werkes immer wieder neu zu stellen und darauf wechselnde Antworten zu finden, die sich in den zeichnerischen Arbeiten in ganz unterschiedlichen Formen präsentieren. Von den Schnurarbeiten in der ersten Hälfte der 60er Jahre, die in großen Dimensionen den Realraum strukturieren, über die als Beweisführung der durch die Handlungen ausgelösten inneren Prozesse in den Werkzeichnungen (1963–1974), bis zu der Bildkraft der Schichtenzeichnungen Ende der 70er Jahre oder den offenen Setzungen der vermehrt seit 2000 entstandenen Blätter spannt sich eines der vielschichtigsten zeichnerischen Werke unserer Zeit. Mehr Informationen unter www.villa-few.com.
