Wilmer richtete seinen Blick zum Auftakt zunächst weit über Deutschland hinaus. Besonders die Situation in Afrika, vor allem im Sudan und in der Sahelzone, beschäftige ihn. „Wir dürfen den Sudan nicht vergessen“, sagte der Bischof. Der Sudan dürfe nicht daran sterben, „dass die Welt wegschaut“. Zugleich warnte Wilmer davor, die Konflikte in der Sahelzone auf einen Kampf zwischen Christen und Muslimen zu reduzieren. Die dortigen Bischöfe setzten vielmehr auf den interreligiösen Dialog. „Das Leiden hat keine Konfession“, zitierte Wilmer einen Bischof aus Mali.
Anschließend ging es um Deutschland. Wilmer sprach von einem „Rechtsruck in Deutschland, auch in ganz Europa“. Gleichzeitig kritisierte er das Schlechtreden des Landes: „Unser Land ist besser, als es geredet wird.“ Er würdigte Menschen, die sich für eine offene und gerechte Gesellschaft einsetzten, und verwies auf das Engagement von Christen für Demokratie und soziale Gerechtigkeit.
Auch der Umgang mit der AfD wurde zum Thema. Auf die Frage nach einem möglichen Verbotsverfahren sagte Wilmer, die Kirche müsse zunächst mit den Menschen ins Gespräch kommen, die AfD wählen. Auch Katholikinnen und Katholiken gehörten dazu. Es brauche Formate, „in denen wir zuhören, in denen wir keine Ansagen machen“, sagte der Bischof.
Gleichzeitig machte Wilmer deutlich, dass die Bischöfe an ihrer bisherigen Haltung festhalten. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, sagte er und verwies auf die entsprechende Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2024. Beim Thema eines möglichen AfD-Verbots sehe er die Kirche hingegen nicht in der Rolle, ein solches Verfahren zu fordern. Die Entscheidung darüber liege bei den Verfassungsorganen.
Ein weiterer großer Themenblock der Vollversammlung ist die Künstliche Intelligenz. Wilmer bezeichnete KI als „Jahrhundertthema“. Die Auswirkungen könnten die Menschheit ähnlich stark beschäftigen wie die industrielle Revolution – möglicherweise sogar noch stärker. Entscheidend sei für ihn die Frage, was das menschliche Leben bestimmt: Algorithmen oder eigene Kriterien für ein gutes Zusammenleben.
Dabei warnte Wilmer ausdrücklich vor zwei Extremen: weder gehe es um eine grundsätzliche Feindlichkeit gegenüber KI noch um naive Euphorie. Die Chancen seien beispielsweise in der Medizin oder bei schwerer Arbeit groß. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass KI die Schere zwischen Arm und Reich weiter vergrößere. Besonders kritisch werde es, wenn Maschinen irgendwann darüber entscheiden sollten, „wer sterben soll“. Dafür brauche es eine klare Ethik und internationale Regeln.
Die Bischöfe wollen sich während der Vollversammlung auch intensiver mit der neuen Enzyklika von Papst Leo XIV. beschäftigen. Ein ganzer Studientag ist dem Schreiben Magnifica humanitas gewidmet. Ziel sei es, die Inhalte nicht nur innerhalb der Kirche zu beraten, sondern „auf die Straße zu bringen“. Nach Angaben Wilmers seien bereits mehr als 35.000 Exemplare der Enzyklika vergriffen.
Auch die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, die Entwicklung von Erwachsenentaufen, die Synodalität und die Neuordnung der bischöflichen Kommissionen stehen auf der Tagesordnung. Aus bislang 14 Kommissionen sollen künftig acht werden. Die Vorsitzenden der neuen Kommissionen werden während der Vollversammlung gewählt.
Einen besonderen Blick richtete Wilmer zudem nach Frankreich. Dort beobachte er eine Entwicklung, bei der junge Menschen ihren Glauben zunehmend über soziale Medien vermitteln. Influencer und Ordensleute erreichten teilweise Hunderttausende Menschen und sprächen über ganz konkrete Fragen des Glaubens – vom Beten und Fasten bis hin zu Beziehungen und dem Verhältnis zu anderen Religionen. Wilmer zeigte sich beeindruckt davon, wie humorvoll und zugleich tiefgründig diese jungen Christinnen und Christen über ihren Glauben sprächen.
Für Wilmer ist die Kirche deshalb gefordert, aus ihrer eigenen Komfortzone herauszukommen. Christen müssten „aus der Sakristei hinausgehen, auf die Straße“ und sich in gesellschaftliche Debatten einbringen. Gleichzeitig brauche es Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen.
Die Herbst-Vollversammlung läuft noch bis Donnerstag. Neben den inhaltlichen Beratungen stehen in Fulda auch zahlreiche Personalentscheidungen an. Am Montagabend ist zunächst der Eröffnungsgottesdienst im Fuldaer Dom vorgesehen, bei dem Wilmer die Predigt hält.
