Die CDU-Fraktion stimmte mit 22 Stimmen geschlossen gegen eine Umbenennung, die AfD schloss sich mit zehn Stimmen an. Alain Kaffo vom Bündnis C stimmte ebenfalls gegen eine Rückbenennung der Dyba-Allee in Kastanienallee. Für die Umbenennung stimmten Bündnis 90/Die Grünen (Sieben Stimmen), die SPD (Fünf Stimmen), FDP/FWG/FGG (Drei Stimmen), Volt (Drei Stimmen), Die Partei (Eine Stimme), ein Mitglied der AfD sowie drei Mitglieder der Linken, die sich innerhalb der Stadtverordnetenversammlung aufgelöst hatte. Insgesamt votierten also 23 Stadtverordnete für eine Umbenennung, 33 dagegen – und der Name bleibt bestehen.
Der entscheidenden Abstimmung war zunächst ein gescheiterter Antrag der AfD vorausgegangen, die Frage durch einen Bürgerentscheid klären zu lassen. AfD-Stadtverordneter Frank Schüssler kritisierte anschließend, damit sei vielen Menschen die Möglichkeit genommen worden, selbst über die Zukunft der Straße zu entscheiden. Er verwies unter anderem auf einen Betroffenen sexuellen Missbrauchs, der sich trotz seiner eigenen Erfahrungen für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen habe. Dieser könne seine Position nun nicht mehr an der Wahlurne vertreten. Schüssler kündigte deshalb an, selbst gegen die Umbenennung zu stimmen. Die AfD hob für die anschließende Entscheidung allerdings die Fraktionsdisziplin auf. Jeder Stadtverordnete solle nach seinem eigenen Ermessen entscheiden.
Die anschließende Debatte zeigte allerdings schnell, dass sich eine breite Mehrheit im Stadtparlament für die Umbenennung aussprach. Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder eine grundsätzliche Frage: Ist ein Straßenname lediglich eine Ortsbezeichnung – oder eine öffentliche Ehrung? „Ein Straßenname ist keine neutrale Ortsangabe“, sagte der inzwischen fraktionslose Stadtverordnete Robin Burkard. Eine Stadt bringe mit einer Straßenbenennung zum Ausdruck, dass eine Person in besonderer Weise erinnert und geehrt werden solle. Für Burkard ging es dabei ausdrücklich nicht darum, Dyba aus der Geschichte zu streichen oder Menschen ihre persönlichen Erinnerungen an den früheren Bischof zu nehmen. Gerade für viele gläubige Menschen in Fulda sei Dyba eine prägende Persönlichkeit gewesen. Die öffentliche Ehrung durch einen Straßennamen müsse jedoch von der Erinnerung an eine historische Person unterschieden werden. „Erinnern ist nicht verehren“, sagte Burkard.
Auch Michael Grosch (FDP) stellte den Charakter der öffentlichen Ehrung in den Mittelpunkt. Mit der Benennung einer Straße nach einer Person bringe die Stadt zum Ausdruck, dass sie deren Lebenswerk für besonders erinnerungs- und ehrwürdig halte. Diese Entscheidung müsse aber überprüft werden können, wenn neue Erkenntnisse bekannt würden. Dabei gehe es weder um einen „Schauprozess“ noch darum, vergangenes Handeln ausschließlich an heutigen moralischen Maßstäben zu messen. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei bereits damals Unrecht gewesen, sagte Grosch.
Die FDP machte gleichzeitig deutlich, dass sich eine persönliche Beteiligung Dybas an konkreten Missbrauchsfällen anhand der vorliegenden Erkenntnisse nicht nachweisen lasse. Dies entbinde ihn aus Sicht der Fraktion jedoch nicht von seiner Verantwortung als Bischof. Dyba habe die oberste Verantwortung für die Strukturen des Bistums, die Personalführung und den Umgang mit beschuldigten oder bereits auffällig gewordenen Geistlichen getragen. „Wer Verantwortung trägt, hat auch die Pflicht, sich zu informieren“, sagte Grosch. Gerade bei gravierenden Missständen sei es Aufgabe einer Führungskraft, hinzusehen, nachzufragen und Konsequenzen zu ziehen.
Jonathan Wulff (SPD) verwies auf den Abschlussbericht der unabhängigen Kommission und das darin dokumentierte Ausmaß sexualisierter Gewalt im Bistum Fulda. Für ihn unterscheide sich die Johannes-Dyba-Allee deutlich von anderen historischen Straßennamen, über deren Umbenennung seit Jahren diskutiert werde. Die frühere Kastanienallee sei erst im Jahr 2000 nach dem Tod Dybas nach ihm benannt worden. „Diese wunderschöne, mit Kastanien gesäumte Straße hat einen historischen Namen, der treffender nicht sein könnte: Kastanienallee“, sagte Wulff.
Nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts stelle sich die Frage, welche herausragende Leistung Dybas eine weitere öffentliche Ehrung rechtfertige, noch einmal mit besonderer Dringlichkeit. Wulff verwies dabei auf die im Bericht dokumentierten Fälle und auf das Vorgehen des Bistums. Auch die Feststellung der Kommission, wonach keine „manifesten Belege“ für eine persönliche Beteiligung Dybas an konkreten Vertuschungen gefunden worden seien, ändere aus Sicht der SPD nichts an seiner grundsätzlichen Leitungsverantwortung. Wulff verwies unter anderem auf die an Weihbischof Johannes Kapp delegierten Personalentscheidungen und argumentierte, Dyba könne sich dadurch seiner Verantwortung für die Vorgänge innerhalb des Bistums nicht entziehen. Besonders schwer wog für ihn der Umgang mit Betroffenen. „Kann diese zentrale Straße in Fulda, dieses Aushängeschild unserer Stadt, nach jemandem heißen, der einen solchen Umgang mit Tätern und Opfern des sexuellen Missbrauchs verantwortet hat?“, fragte Wulff. Der Betroffenenbeirat habe die Stadtverordneten gebeten, die Straße umzubenennen. Dieser Bitte müsse die Stadt folgen. Wulff bezeichnete die Entscheidung zugleich als eine der seltenen echten Gewissensentscheidungen in der Kommunalpolitik. „Folgen Sie Ihrem Gewissen“, appellierte er an die Stadtverordneten.
Auch Marie-Louise Puls von Bündnis 90/Die Grünen verwies auf die intensive Beschäftigung ihrer Fraktion mit dem Abschlussbericht sowie auf Gespräche mit Vertretern der Kirche, der unabhängigen Kommission und des Betroffenenbeirats. „Nach allem, was wir heute wissen, verbietet es sich aus unserer Sicht, Bischof Dyba weiterhin mit einem Straßennamen zu ehren“, sagte Puls. Es gehe aus Sicht der Grünen nicht darum, die damalige Zeit ausschließlich mit heutigen Maßstäben zu bewerten. Entscheidend sei vielmehr, welche Verantwortung und welche Pflichten ein Bischof bereits damals gegenüber Minderjährigen und Betroffenen gehabt habe. Die Grünen stimmten deshalb für die Rückbenennung der Johannes-Dyba-Allee in Kastanienallee. Gleichzeitig sprach sich die Fraktion dagegen aus, eine weitere städtische Kommission zur Überprüfung anderer Straßen- und Platznamen einzurichten. Hier setze man auf weitere Aufarbeitung und einen Dialog mit der Kirche.
Auch Volker Elm (Volt) stellte die Betroffenen in den Mittelpunkt. Johannes Dyba wirke in Fulda bis heute nach und genieße weiterhin große öffentliche Aufmerksamkeit. Gerade deshalb müsse auch über die Bedeutung der weiteren Ehrung diskutiert werden. „Benennen Sie die Johannes-Dyba-Allee um“ – diese Bitte des Betroffenenbeirats wolle Volt „mit tiefem Respekt vor den Betroffenen“ folgen, sagte Elm. Das systematische Versagen müsse auch als solches benannt werden. Für Volt sei die Umbenennung deshalb die „einzige logische Folge“.
Eine andere Position vertrat dagegen die CDU. Patricia Fehrmann stellte zunächst ebenfalls ausdrücklich das Leid der Betroffenen und das institutionelle Versagen innerhalb der Kirche in den Mittelpunkt. „Der Schutz der Institution Kirche und auch der weitere Lebensweg der Beschuldigten standen zu häufig im Mittelpunkt – und nicht das Leid der Betroffenen“, sagte Fehrmann. „Das tut uns sehr, sehr leid.“ Die CDU-Fraktion habe sich intensiv mit dem Abschlussbericht beschäftigt und zusätzlich Gespräche mit Bischof Dr. Michael Gerber, Vertretern der unabhängigen Kommission und des Betroffenenbeirats geführt. Entscheidend sei aus Sicht der CDU jedoch eine klare Unterscheidung zwischen der allgemeinen Leitungsverantwortung Dybas und einer persönlich nachweisbaren Beteiligung an konkreten Vertuschungen. Die unabhängige Kommission habe Hinweise, jedoch keine belastbaren Belege dafür gefunden, dass Dyba selbst an der Versetzung von Missbrauchstätern oder der Vertuschung konkreter Verdachtsmomente beteiligt gewesen sei. „Das entbindet ihn nicht von seiner Leitungsverantwortung“, betonte Fehrmann. Zwischen dieser Verantwortung und einer persönlich nachweisbaren Schuld müsse aber klar unterschieden werden. Die CDU sprach sich deshalb gegen die Umbenennung aus. Stattdessen schlug die Fraktion einen dauerhaften Erinnerungsort für die Betroffenen vor – „einen Ort, der erinnert, der mahnt und der den Betroffenen dauerhaft Raum und Stimme gibt“.
Auch Alain Kaffo von Bündnis C plädierte für die Beibehaltung des Namens und verwies unter anderem auf das Wirken Dybas und dessen Engagement in Afrika. Ute Riebold von Die PARTEI sprach sich dagegen ebenfalls für die Umbenennung aus. Die Stadtverordneten diskutierten aber auch nach den Statements der Fraktionen noch ausführlich über das Für und Wider der Namensänderung, ehe es zur finalen Abstimmung kam – wobei sich mehrheitlich gegen eine Umbenennung der Johannes-Dyba-Allee zurück in Kastanienallee ausgesprochen wurde.
