„Das wird ein spannender Abend“, betonte Akademiedirektor Gunter Geiger zu Beginn der Veranstaltung. Die zahlreichen Wortbeiträge aus dem Publikum zeigten, dass seine Einschätzung zutraf. Unter den Gästen waren auch Schülerinnen des 12. Klasse des POWI-Leistungskurses der Fuldaer Marienschule mit ihrem Lehrer.
Geiger ermutigte die Schülerinnen und alle weiteren Teilnehmenden, nicht nur Konsumierende zu bleiben, sondern sich einzubringen und die Gesellschaft mitzugestalten. Dazu gehöre beispielsweise auch, sich in Parteien zu engagieren und sich für die Demokratie in Deutschland einzusetzen. „Es braucht Menschen, die sich einmischen“, betonte er.
Politik ist auch eine Frage des „Wie“
Dr. Ole Meinefeld eröffnete die Vorstellung der Studie mit einem Foto. Es zeigte den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, der gemeinsam mit seiner Frau zum Landtag geht und dabei den Kinderwagen mit seiner Tochter schiebt. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ beschrieb die Aufnahme mit den Worten: „Kurz vor der Sondersitzung schob Wüst demonstrativ einen Kinderwagen in den Landtag, vorbei an den wartenden Journalisten. Er wird ein Ministerpräsident sein, der die Macht der Bilder kennt und nutzt.“
Das Beispiel verdeutliche, worum es bei Politikstilen gehe, erklärte Meinefeld, Leiter der Grünen Akademie der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Politikstile beschäftigten sich mit dem „Wie“ politischer Arbeit – also damit, wie Politik gemacht werde, und nicht allein mit der Frage, was politisch entschieden werde.
Genau diesen Aspekt untersuchte die Studie: Wie werden Politikstile in den Medien dargestellt und gedeutet? Das Wissenschaftsteam konzentrierte sich dabei auf sogenannte Leitmedien, also Massenmedien mit einer entsprechenden Reichweite. Untersucht wurden unter anderem Tageszeitungen wie die Bild-Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Welt, die Frankfurter Allgemeine (FAZ), das Handelsblatt und die taz. Hinzu kamen Magazine wie Spiegel und Stern sowie die Wochenzeitung Die Zeit.
Der Blick richtet sich auf die Personen
Die Frage nach dem „Wie“ von Politik führt zwangsläufig dazu, dass die handelnden Personen stärker in den Mittelpunkt rücken. „Das ist in einer Demokratie problematisch“, erklärte Meinefeld. Gleichzeitig hätten Politikerinnen und Politiker für Medien einen hohen Nachrichtenwert. Insbesondere im Zusammenhang mit Wahlen werde daher stark auf einzelne Personen fokussiert.
Dabei sei der Grundton der Berichterstattung überwiegend negativ. Für die Autoren der Studie hängt dies auch mit einer kritischen Haltung gegenüber den Regierenden zusammen. Diese unterscheide sich von der Hofberichterstattung aus der Zeit der Monarchien oder von der Berichterstattung in autokratischen Regimen, wie etwa aktuell in Russland.
Mehr als 600 Medienbeiträge untersucht
Einblicke in die wissenschaftliche Vorgehensweise gab Aryan Shooshtari. Er ist Doktorand im Forschungsprogramm „Digitale Demokratische Innovationen“ am Center for Advanced Internet Studies (CAIS) in Bochum.
Für die Studie wurden insgesamt mehr als 600 Beiträge aus Zeitungen und Magazinen ausgewertet, die sich mit Politikstilen beschäftigten. Mithilfe von Internetsuchen wurde ermittelt, in wie vielen Artikeln Spitzenpolitiker und ihr Politikstil thematisiert wurden. Nicht im Mittelpunkt standen dabei ihre politischen Positionen und Entscheidungen, sondern die Art und Weise, wie sie Politik machen.
Der Untersuchungszeitraum von 2021 bis 2025 liegt vor der Regierung Merz. Entsprechend führt Bundeskanzler Olaf Scholz die Liste mit 161 Artikeln an. Es folgen Friedrich Merz mit 93 und Robert Habeck mit 60 Artikeln.
Scholz: Vom besonnenen zum zögerlichen Politikstil
Am Beispiel von Olaf Scholz zeigte Meinefeld, wie sich die Deutung eines Politikstils im Laufe der Zeit verändern kann. Seine ruhige und besonnene Art des Regierens sei zunächst positiv bewertet worden. Später habe dieselbe Eigenschaft jedoch einen negativen Anstrich bekommen: Warum mache er nichts, warum sei er so zögerlich?
Eine Besonderheit der Untersuchung sei Verteidigungsminister Boris Pistorius gewesen. Sein Politikstil sei von Sachlichkeit geprägt – ohne große Gesten, Symbole oder Emotionen. „Er sticht mit erfolgreicher Sachkompetenz hervor“, sagte Meinefeld.
Welche Folgen hat die Darstellung für das Demokratievertrauen?
Die Moderatorin des Abends, Birgit Simon, war Bürgermeisterin der Stadt Offenbach und ist seit 2024 Vorstandsvorsitzende der Böll-Stiftung Hessen. Sie fragte, ob die überwiegend negative Deutung von Politikstilen Auswirkungen auf den Vertrauensverlust in die Politik und in die Demokratie habe.
Meinefeld bejahte dies. Es sei anzunehmen, auch wenn die Studie selbst diesen Zusammenhang nicht belege. Hilfreich sei sicherlich eine Berichterstattung, die auch Kompetenzen oder Erfolge anerkenne und damit trotz einer kritischen Haltung nicht ausschließlich negativ deute.
Simon lenkte die Diskussion wiederholt auf aktuelle Bezüge und sprach dabei auch den Umgang mit dem amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz an. Die Herausforderungen, auf die die Politik Antworten finden müsse, seien enorm, die Demokraten müssten zusammenhalten, außerdem sei Merz gewählt.
Demgegenüber stünden Schlagzeilen wie „Werden sie jetzt den Kanzler vom Hof jagen?“. Für Meinefeld könne eine zugespitzte Schlagzeile zwar verlockend sein, zugleich liege darin aber auch ein Problem. „Vielleicht ist es einfacher, über Stile zu sprechen – als über Inhalte“, sagte er.
Damit verbunden sei die Gefahr einer inhaltlichen Entleerung der politischen Berichterstattung. Der Blick darauf, worauf es politisch tatsächlich ankomme, könne dadurch in den Hintergrund treten. Der kritische Blick auf die politischen Ziele einer Partei und auf ihr Wahlprogramm falle dann möglicherweise aus.
