Es war ein Abend, der in Zverevs Karriere einen besonderen Platz einnehmen wird. 6:4, 7:5 hieß es nach einem intensiven Achtelfinale gegen Griekspoor. Zwei Sätze, ein Sieg – und die Gewissheit, dass sich ein lang gehegter Traum erfüllt. Zverev ließ sich die große Chance nicht mehr nehmen und machte aus einer bereits feststehenden Entwicklung endgültig Geschichte. Schon zuvor war klar gewesen, dass er den bisherigen Weltranglistenersten Jannik Sinner überholen würde. Mit dem Erfolg in Wien steht der Wechsel an der Spitze nun auch sportlich fest.
„Es ist unfassbar, ein besonderes Gefühl, jetzt hier auf dem Platz zu stehen und zu wissen, dass ich am Montag, wenn die neue Weltrangliste rauskommt, Nummer eins der Welt bin“, sagte Zverev nach seinem Sieg. „Das ist eines der besten Gefühle auf der Welt.“ Worte, die zeigen, welche Bedeutung dieser Erfolg für den Hamburger hat. Nach Jahren auf höchstem Niveau, großen Siegen und bitteren Rückschlägen ist Zverev dort angekommen, wo jeder Tennisspieler einmal hinwill: ganz oben.
In den Fußstapfen von Boris Becker
Die Dimension dieses Erfolgs wird mit einem Blick in die Tennisgeschichte deutlich. Seit die ATP-Weltrangliste 1973 eingeführt wurde, werden mit Zverev insgesamt 30 Spieler die Spitzenposition erreicht haben. Der Hamburger ist damit erst der zweite Deutsche, dem dieses Kunststück gelingt. Boris Becker hatte 1991 den Tennisthron erklommen und damit eine Ära des deutschen Tennis geprägt. Nun folgt Zverev, mehr als drei Jahrzehnte später.
Für den 29-Jährigen ist die Nummer eins nicht einfach nur eine neue Position in einer Rangliste. Sie ist die Krönung einer Karriere, in der er sich über Jahre mit den besten Spielern der Welt gemessen hat. Immer wieder stand Zverev dicht vor dem ganz großen Durchbruch, immer wieder musste er Rückschläge verkraften. Nun hat er sich den Platz an der Spitze gesichert – und das in einer Saison, die bereits zuvor zu seiner erfolgreichsten geworden war.
Im Juni gewann Zverev bei den French Open in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel. Nach zahlreichen Anläufen auf der größten Bühne des Tennis gelang ihm damit der lang ersehnte Triumph bei einem der vier wichtigsten Turniere der Welt. In diesem Jahr folgte zudem der Erfolg bei den US Open. Zwei Grand-Slam-Siege und nun die Nummer eins: Zverev hat 2026 gleich mehrere Kapitel seiner Karriere neu geschrieben.
Sinner kann nicht mehr kontern
Dass Zverev den Italiener Jannik Sinner an der Spitze ablösen würde, hatte sich bereits abgezeichnet. Sinner musste seine Saison wegen einer Knieverletzung vorzeitig beenden und kann seine Punkte aus dem erfolgreichen Vorjahr deshalb nicht mehr verteidigen. Zverev hätte ihn spätestens am 9. November überholt. Mit seinem Sieg gegen Griekspoor machte er den Wechsel jedoch schon früher offiziell.
Der Erfolg in Wien war deshalb weit mehr als ein weiterer Schritt im Turnierverlauf. Er bedeutete den endgültigen Sprung auf den Tennisolymp. Zugleich unterstreicht er, wie konstant Zverev in diesem Jahr auf höchstem Niveau unterwegs war. Der Hamburger hat sich nicht nur einen großen Titel gesichert, sondern auch über die gesamte Saison hinweg die Grundlage dafür geschaffen, die Rangliste anzuführen.
Mit dem Viertelfinaleinzug bei den Erste Bank Open ist das Turnier für Zverev allerdings noch nicht beendet. Der Blick dürfte nun auch auf die nächste Aufgabe in Wien gerichtet sein. Der besondere Moment des Donnerstagabends aber bleibt: Zverev hat es geschafft. Ab Montag steht sein Name ganz oben – als Nummer eins der Welt und als zweiter deutscher Tennisspieler nach Boris Becker, der diesen Platz erreicht.
