Sinner gab am Dienstag bekannt, seine Saison vorzeitig zu beenden. Gemeinsam mit seinen Ärzten habe er entschieden, sein Knie weiter behandeln zu lassen. „Das bedeutet, dass die Saison 2026 offiziell vorbei ist“, sagte der 25-Jährige. Seit dem Wimbledon-Finale im Juli, das er gegen Zverev gewann, hatte der Südtiroler kein Match mehr bestritten.
Für Zverev ist das Saison-Aus seines größten Konkurrenten ein entscheidender Moment. 11.000 Punkte stehen aktuell auf Sinners Konto, Zverev kommt auf 9720. Doch der Italiener kann in den kommenden Wochen zahlreiche Zähler aus dem vergangenen Jahr nicht verteidigen. Zverev dagegen hat deutlich weniger Punkte zu verlieren. Der Vorsprung des Weltranglistenersten wird damit Stück für Stück verschwinden.
Schon Ende Oktober könnte es so weit sein. Nach dem Turnier in Wien besteht für Zverev erstmals die Möglichkeit, ganz oben im Ranking zu stehen. Spätestens bei den ATP Finals in Turin im November dürfte der Hamburger die Spitze übernehmen. Wie schnell es geht, hängt dabei auch von seinen Ergebnissen in Shanghai und Wien ab.
Für Zverev wäre es die Erfüllung eines Traums, den er selbst längst ausgesprochen hat. Nach seinem ersten Grand-Slam-Triumph bei den French Open sagte er: „Ich habe noch ein Ziel, das ich nicht erreicht habe: die Nummer eins der Welt.“ Am liebsten würde er diesen Platz zumindest einmal für eine Woche einnehmen.
Nun könnte aus diesem Wunsch schon bald Realität werden.
Denn Zverev erlebt ohnehin ein außergewöhnliches Jahr. Nach dem ersten Grand-Slam-Titel seiner Karriere in Paris setzte er im September bei den US Open noch einen drauf. Dazu stand der Olympiasieger von Tokio in Wimbledon im Finale. Aus einem lange verfolgten Ziel ist damit plötzlich ein greifbarer Meilenstein geworden.
Ganz ohne Hilfe der Konkurrenz kam der Aufstieg allerdings nicht zustande. Zverev profitierte in diesem Jahr auch von den Verletzungsproblemen seiner größten Rivalen. Sinner fällt nun für den Rest der Saison aus, Carlos Alcaraz musste ebenfalls mehrere Monate pausieren und verpasste unter anderem die French Open und Wimbledon.
Und doch gibt es bei aller Vorfreude auch eine interessante sportliche Frage: Wie schlägt sich Zverev künftig als Nummer eins gegen die Spieler, die ihm den Platz wieder streitig machen wollen? Seine Bilanz gegen die Top 10 ist seit Anfang 2025 ausbaufähig. Besonders gegen Sinner wartet der Hamburger seit den US Open 2023 auf einen Sieg.
Die Weltrangliste erzählt allerdings ihre eigene Geschichte. Sie belohnt nicht einzelne Duelle, sondern die Ergebnisse über zwölf Monate – Titel, Konstanz und tiefe Läufe bei den großen Turnieren. Genau dort hat Zverev in diesem Jahr geliefert. Anfang Februar lag er noch mehr als 9000 Punkte hinter dem damaligen Spitzenreiter Carlos Alcaraz. Jetzt fehlen ihm nur noch wenige Schritte bis ganz nach oben.
Zverev wäre erst der zweite deutsche Tennisspieler nach Boris Becker, der die Weltrangliste anführt. Becker stand 1991 insgesamt zwölf Wochen an der Spitze. Für Zverev wäre die Nummer eins damit die Krönung eines Jahres, das schon jetzt zu den erfolgreichsten seiner Karriere gehört.
Doch der Hamburger hat noch längst nicht genug. Mit der deutschen Mannschaft wartet Ende November in Bologna die Davis-Cup-Finalrunde. Auch dort will Zverev Geschichte schreiben und erstmals den Titel holen.
Der Tennis-Thron ist inzwischen zum Greifen nah. Sinners Saison-Aus hat Zverev den letzten großen Stolperstein auf dem Weg an die Spitze aus dem Weg geräumt. Jetzt geht es nur noch um den Zeitpunkt der Krönung.
