Im Mittelpunkt von „Im ersten Licht“ steht Adrian. Sein Vater, ein Kriegsgegner, verhindert mit einem Axthieb, dass sein Sohn im Ersten Weltkrieg kämpfen muss. Adrian wird dadurch für den Krieg „untauglich“ gemacht – und möglicherweise gerettet. Doch die Verschonung wird für ihn zu einer lebenslangen Last.
Denn Adrian entwickelt ein obsessives Verhältnis zu jungen Männern, die aus den Kriegen zurückkehren. Zunächst sind es Männer aus dem Ersten Weltkrieg, später jene aus dem Zweiten. Viele von ihnen kommen schwer verletzt zurück. Adrian selbst war zwar nie an der Front, doch auch er trägt Verletzungen davon – andere, unsichtbare.
Genau diese Verbindung zwischen Verschonung und Schuld beschäftigt Gstrein. „Man kann es nicht genau sagen“, erklärte er im Gespräch mit der Osthessen-Zeitung. Vielleicht fühle Adrian sich gegenüber den Männern schuldig, weil er selbst verschont geblieben sei. Am Ende des Romans werde deutlich, wonach sich Adrian eigentlich sehne: Wenn er die Macht gehabt hätte, hätte er die jungen Männer am liebsten vor dem Krieg bewahrt.
Gerade darin liegt eine der zentralen Fragen des Romans: Wie lebt man mit dem Wissen um Krieg und Gewalt – auch dann, wenn man selbst nicht unmittelbar beteiligt war? Adrian erlebt gleich zweimal, wie seine Welt durch einen Krieg aus den Fugen gerät. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass auch ein Mensch, der nicht an der Front war, durch die Folgen des Krieges geprägt und versehrt werden kann.
Gstreins Interesse am Ersten Weltkrieg reicht dabei weit zurück. Bereits vor rund 30 Jahren beschäftigte ihn das Thema. Besonders während seiner Reisen durch England sei ihm aufgefallen, welchen Stellenwert der Erste Weltkrieg dort bis heute einnimmt. In nahezu jeder englischen Buchhandlung habe es eine eigene Abteilung zu diesem Krieg gegeben.
In Deutschland liege der Fokus dagegen stärker auf dem Zweiten Weltkrieg, sagt Gstrein – vor allem wegen der Verbrechen der Nationalsozialisten. In England sei der Blick stärker auf den Ersten Weltkrieg gerichtet. Schon damals habe er gedacht: „Da würde ich gerne etwas machen.“
Gut drei Jahrzehnte später ist daraus „Im ersten Licht“ geworden. Ein Roman über einen Mann, der dem Krieg entkommt und ihm dennoch nicht entkommt. Über junge Männer, die versehrt zurückkehren. Und über die Frage, wie sehr Krieg auch jene Menschen verändert, die selbst keine Waffe tragen.
Warum er schließlich genau diese Geschichte schreiben musste, kann Gstrein selbst nur schwer erklären. „Es ist schwer zu sagen, warum man auf etwas anspringt“, sagte der Schriftsteller. Damit aus einer Idee schließlich ein 400 Seiten langer Roman werde, müsse vieles zusammenkommen.
Mit „Im ersten Licht“ richtet Gstrein den Blick weit zurück – und stellt dabei eine Frage, die angesichts heutiger Kriege und Konflikte aktueller kaum sein könnte: Wie leben Menschen im Schatten von Krieg und Töten weiter?
