Auf Einladung der Landesinitiative „+Baukultur in Hessen“ und im Auftrag des Hessischen Wirtschaftsministeriums versammelten sich zahlreiche Fachbesucher, Handwerker und Polit-Prominenz vor der historischen Kulisse des Marktplatzes in einem echten Vorzeigeprojekt regionalen Denkmalpflege.
Das geschichtsträchtige Elf-Apostelhaus aus dem Jahr 1619 und die benachbarte, ehemalige Jüdische Schule standen nach jahrelangem Leerstand kurz vor dem gesellschaftlich inakzeptablen Verfall. Dass aus den einstigen Sorgenkindern nun zwei architektonische Schmuckstücke und lebendige Orte der Begegnung für das Quartiers- und Nachbarschaftszentrum entstehen konnten, würdigte Bürgermeister Matthias Gelbe in seiner Begrüßung als Meilenstein für die Innenentwicklung: „Gerade für unseren wunderschönen Marktplatz hat es gedrängt. Hier ist etwas sehr Gutes für die Stadt entstanden.“ Die gemeinnützige Aktiv-Stiftung investierte rund 2,25 Millionen Euro brutto in die behutsame Umnutzung und energetische Sanierung zum hochmodernen „Energieeffizienzhaus Denkmal“. Wo einst Baumaterialien der 1960er bis 1980er Jahre das historische Gefüge belasteten, wurden historische Baustoffe wie Lehm, Kalkputz, Schilf und Holz sensibel restauriert, um eine Tagespflege für Senioren sowie neue Vereinsräume für den Bürgerschaftsverein „Tann aktiv e.V.“ zu schaffen.
Trotz der enormen Herausforderung durch verschiedene Ebenen innerhalb einer einzigen Etage gelang es den Planern, die neue Tagespflege komplett rollstuhlgerecht zu gestalten. Ein logistischer Kraftakt, der sich bezahlt macht. Pflegedienstleiterin Jacqueline Both wartete am Rande der Besichtigung zudem mit einer erfreulichen Nachricht für Tanner Senioren und pflegende Angehörige auf: „Über die Woche verteilt haben wir an den meisten Tagen noch einige Plätze frei. Wir würden uns sehr freuen, wenn diese an Klienten aus Tann oder der näheren Umgebung vergeben werden könnten.“
In ihrer Einführung zum Bauprozess verdeutlichte Britta Schack vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, dass Denkmalschutz weit mehr bedeutet, als nur starr zurückzublicken. Lücken und Brüche in der Historie seien schmerzhafte Kapitel der Geschichte, die zur Wachsamkeit auffordern. „Geschichte kann Orientierung geben, ohne uns vorzuschreiben, wie wir morgen leben sollen“, betonte Schack vor den Gästen. Ein besonderes Lob richtete sie an das traditionelle Handwerk der Region, welches die Originalsubstanz bewahrt: „Wer sich dieser Aufgabe stellt, bewahrt nicht nur ein Gebäude, sondern schafft etwas, von dem auch die ganze Gemeinde etwas hat.“ Der konsequente Verzicht auf künstliche Baustoffe vermeidet unnötige graue Energie und schützt das markante Ortsbild mit hohem Wiedererkennungswert.
Gemeinsam mit Planer Stephan Koch führte Britta Schack die Gruppen anschließend durch die sanierten Räumlichkeiten, bevor der Termin bei einem Rundgang durch den historischen Ortskern ausklang. Das gelungene Projekt beweist eindrucksvoll, dass ein geschichtsträchtiges Ensemble kein verschlossenes Denkmal bleiben muss. Entstanden ist ein offenes, lebendiges Haus, das ab heute unterschiedlichen Perspektiven Raum bietet und eine gemeinsame Zukunft für die gesamte Tanner Zivilgesellschaft möglich macht.
