Lokales FD 31.10.2026

Historiker zu Gast bei der Veranstaltungsreihe „Unbekannte Nachbarn“

Fulda (pm/st) – Der Historiker Götz Aly stellt am Donnerstag, 12. November, um 19 Uhr (Einlass ab 18.30 Uhr) in der Aula der Alten Universität Fulda sein Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ vor. Veranstalter sind die Stadt Fulda, der Fuldaer Geschichtsverein und Ingeborg Kropp-Arend (Erinnerungsort Historische Rabbinervilla) im Rahmen der Reihe „Unbekannte Nachbarn“. Der Eintritt ist frei.

Foto: Susanne Schleyer

Cover: Verlag

Mit dem Buchtitel greift Aly jene Frage auf, die er selbst die „zentralste Frage aller deutschen Fragen“ nennt. An ihr arbeitet sich die Geschichtsschreibung seit Jahrzehnten ab, und ganz beantworten lässt sie sich wohl nie: Wie konnte ein Volk, das zuvor weder auffälliger noch krimineller war als andere, zum Träger der Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus werden? 

Götz Aly, 1947 in Heidelberg geboren, ist durch zahlreiche Bücher zu Wirtschaft und Gesellschaft des NS-Staats und zum Holocaust bekannt geworden. Mit dem 2025 bei S. Fischer erschienenen Band legt er die Summe einer lebenslangen Forschung vor: Auf gut 760 Seiten führt er die vielen Stränge seiner Arbeit zu einer Gesamtdeutung zusammen.

Der Anstoß zu dem Buch war persönlich. Vor bald 30 Jahren besuchte Aly mit seiner Tochter die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Dort fragte sie ihn: „Sag mal, und bei all dem war Opa irgendwie dabei?“ Seine Antwort: „Ja – irgendwie auch.“ Alys Vater, der in der Hitler-Jugend Karriere machte, begleitet die Leserinnen und Leser durch das ganze Buch. Der Sohn nennt ihn einen „unbedeutenden Mitläufer“ – einen jener vielen Menschen, ohne deren Mitwirken das Regime nicht hätte funktionieren können. So verbindet Aly die große Geschichte mit einer Frage, die sich viele Familien bis heute stellen.

Aly misstraut den vertrauten Bildern. Wer beim Nationalsozialismus nur an Schaftstiefel, Uniformen und Gewalt denke, warnt er, verkenne, wie sich das Regime seinen Rückhalt sicherte – anfangs weniger durch Terror als durch verlockende Angebote. Mieterschutz, Pfändungsstopp, Schutz des Einzelhandels, Schuldenerleichterungen und unzählige weitere „Gefälligkeiten“ kauften das Wohlwollen der Bevölkerung, finanziert auf Pump, bis der Staat mehrfach am Rand des Bankrotts stand. Gerade diese Zahlungsnot, so Alys These, habe den Krieg unausweichlich gemacht und die Enteignung und Ermordung der europäischen Juden zum wirtschaftlich kalkulierten „Raubmord“, dessen Beute der „Volksgemeinschaft“ zugutekam.

Aly denkt die Geschichte nicht vom bekannten Ende her, sondern zeichnet die vielen kleinen Schritte einer sich radikalisierenden Herrschaft nach. Sein Fazit ist zugleich eine Mahnung: Was geschah, kann wieder geschehen. Stimmungsmache, die Suche nach Schuldigen, das Streben nach eigenem Vorteil auf Kosten anderer Gruppen – all das sei nicht verschwunden, sondern jederzeit wieder abrufbar.

Der Abend verspricht damit mehr als eine Buchvorstellung: ein Gespräch über die deutsche Vergangenheit – und darüber, was sie uns über die Gegenwart zu sagen hat.