Der Regen und die kühlen Temperaturen machen es den Veranstaltern nicht leicht. Rund 200 Menschen kommen dennoch auf den Universitätsplatz. Für Andreas Goerke, Vorsitzender von „Fulda stellt sich quer“, steht nicht allein die Zahl im Mittelpunkt. Entscheidend sei, dass Menschen aufstehen, Haltung zeigen und deutlich machen, wofür sie stehen. Die Kundgebung solle nicht nur ein Protest gegen Rechtsextremismus sein, sondern vor allem ein positives Zeichen für die Stadt und ihre demokratische Zivilgesellschaft.
„Wir wollen heute nicht nur gegen etwas sein, sondern auch für etwas“, macht Goerke gegenüber der Osthessen-Zeitung deutlich. Er sei stolz darauf, wie viel in Fulda für die Demokratie getan werde. Trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen gebe es in der Stadt viele Menschen, die sich für ein friedliches und respektvolles Miteinander engagierten. Genau diese Vielfalt solle an diesem Abend sichtbar werden.
Musik als Auftakt, klare Worte auf der Bühne
Dass eine solche Veranstaltung nicht nur von ernsten Reden leben muss, zeigt bereits der Auftakt. Die „Panzerkekse“ sorgen als Vorband für Stimmung und bringen musikalische Energie auf den Universitätsplatz. Später stehen weitere Programmpunkte und Redebeiträge auf dem Plan.
Die Musik schafft einen gemeinsamen Rahmen für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen gekommen sind. Manche wollen ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen, andere für Vielfalt und Menschenwürde eintreten. Wieder andere möchten zeigen, dass ihnen die demokratische Kultur in ihrer Heimatstadt wichtig ist. Gerade darin liegt die Botschaft des Abends: Menschen müssen nicht in allen politischen Fragen einer Meinung sein, um gemeinsam für grundlegende demokratische Werte einzustehen.
Als Goerke die Kundgebung eröffnet, richtet er den Blick zunächst auf ein Ereignis, das sich an diesem Tag zum dritten Mal jährt: den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Er erinnert an die rund 1200 Menschen, die bei dem Angriff ermordet wurden, und an die vielen Verschleppten. Die Erinnerung an die Opfer sei untrennbar mit der Verantwortung verbunden, Antisemitismus entschieden entgegenzutreten.
„Jüdisches Leben gehört zu uns, jüdisches Leben gehört zu Deutschland“, betont Goerke. Jüdische Menschen müssten hier sicher und ohne Angst leben können. Seine Solidarität gelte den Opfern des Terrors und ihren Familien, zugleich allen unschuldigen Menschen, die unter Terror, Krieg und Gewalt litten. Anschließend bittet er die Anwesenden um eine Schweigeminute.
„Wir sind hier, weil wir Haltung zeigen“
Nach dem Gedenken richtet Goerke den Blick auf die politische Situation. Besonders die jüngsten Entwicklungen in Sachsen-Anhalt und die Wahl des Landtagsvizepräsidenten beschäftigen ihn. Für den Vorsitzenden von „Fulda stellt sich quer“ ist das ein Anlass, die demokratischen Parteien zu einer klaren Abgrenzung gegenüber Rechtsextremisten aufzurufen.
„Eine Brandmauer, die beim ersten politischen Gegenwind einstürzt, ist keine Brandmauer mehr. Sie ist eine Kulisse“, sagt Goerke. Er fordert, die Voraussetzungen für ein AfD-Verbotsverfahren konsequent zu prüfen. Zugleich macht er deutlich, dass ein mögliches Verfahren allein nicht ausreiche, um rechtsextremen Tendenzen entgegenzuwirken.
Auch die gesellschaftlichen Ursachen müssten angegangen werden. Dazu gehörten bezahlbarer Wohnraum, gute Schulen, funktionierende Kommunen, sichere Arbeitsplätze und eine Politik, die die Sorgen der Menschen ernst nehme. Wer verhindern wolle, dass Menschen sich von der Demokratie abwendeten, müsse ihnen das Gefühl geben, gehört zu werden.
Goerke richtet sich deshalb auch an diejenigen, die enttäuscht seien, Vertrauen in die Politik verloren hätten oder sich Sorgen um ihre Zukunft machten. Es müsse wieder mehr miteinander gesprochen und gestritten werden – ohne dass berechtigte Sorgen in Hass auf andere Menschen umschlügen.
Seine Botschaft an diesem Abend ist eindeutig: Die demokratische Gesellschaft dürfe nicht schweigen, wenn Menschen ausgegrenzt, bedroht oder abgewertet würden. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, in sozialen Netzwerken oder im persönlichen Umfeld – es brauche Menschen, die widersprechen und Haltung zeigen.
„Wir sind hier, weil wir Haltung haben, weil wir Haltung zeigen, weil wir die Demokratie verteidigen wollen“, ruft Goerke den Teilnehmern zu.
Solidarität, die im Alltag gelebt wird
Wie wichtig Zusammenhalt im täglichen Leben ist, macht anschließend Monika Schnell deutlich. Die Betriebsratsvorsitzende des Klinikums Fulda bringt die Perspektive aus dem Gesundheitswesen auf die Bühne. Sie zeigt sich bewegt davon, dass trotz des schlechten Wetters so viele Menschen gekommen sind.
Für sie ist Solidarität ein Grundwert, der sowohl im Krankenhaus als auch in der Gewerkschaft eine zentrale Rolle spielt. Das Klinikum Fulda beschäftigt nach ihren Angaben rund 3800 Mitarbeiter und ist damit einer der größten Arbeitgeber der Region. Besonders stolz sei sie darauf, dass dort Menschen aus 80 verschiedenen Nationen zusammenarbeiten.
Im Klinikalltag spiele es keine Rolle, woher ein Mensch komme oder welche Religion er habe. Entscheidend sei das gemeinsame Ziel: Menschen helfen, Schmerzen lindern und Leben retten. Pflegekräfte, Ärzte, medizinisches Personal und viele weitere Beschäftigte arbeiteten Tag für Tag und Nacht für Nacht Hand in Hand.
Schnell macht damit deutlich, dass Vielfalt keine abstrakte politische Forderung ist. Sie ist längst gelebter Alltag – auch in Fulda. Unterschiedliche Herkunft, Erfahrungen und Lebenswege stehen einer funktionierenden Gemeinschaft nicht im Weg. Sie können vielmehr eine Stärke sein, wenn Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Ein Zeichen für die Stadt
Genau diese Botschaft zieht sich durch die Kundgebung: Demokratie bedeutet nicht, dass alle gleich denken. Sie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Meinungen vertreten, miteinander diskutieren und trotzdem gemeinsame Werte verteidigen.
Goerke will deshalb auch die Menschen erreichen, die an diesem Abend nicht auf dem Universitätsplatz stehen. Demokratie brauche Engagement nicht nur bei Demonstrationen, sondern jeden Tag. Wenn rassistische Sprüche fallen, Menschen ausgegrenzt werden oder Hass verbreitet wird, dürfe Wegsehen keine Option sein.
Dabei gehe es nicht darum, mit Hass oder Gewalt zu antworten. Entscheidend seien Mut, Haltung und Solidarität. Eine offene Gesellschaft müsse jedem Menschen ermöglichen, ohne Angst zu leben – unabhängig von Herkunft, Glauben, Identität oder Lebensweise.
Während die „Panzerkekse“ zu Beginn für Stimmung gesorgt haben, geben die Redner dem Abend seine politische Botschaft. Musik, Gedenken und klare Worte stehen nebeneinander und machen deutlich, dass Demokratie viele Formen des Engagements braucht.
Der Universitätsplatz wird so zum Treffpunkt für Menschen, die trotz aller Unterschiede eine gemeinsame Überzeugung teilen: Menschenwürde, Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen geschützt und im Alltag mit Leben gefüllt werden.
„Fulda steht zusammen“ ist deshalb nicht nur der Titel der Veranstaltung. Es ist der Anspruch, den die Organisatoren an diesem Abend sichtbar machen wollen – für eine Stadt, in der Vielfalt dazugehört, Solidarität gelebt wird und Menschenfeindlichkeit keinen Platz haben soll.
