Lokales FD 21.10.2026

Fulda erinnert an Holocaust-Überlebende Esther Bejerano

Fulda (pm/sim) – Elf Jahre nach ihrem Auftritt in der Orangerie Fulda kehrt das musikalische Vermächtnis der Holocaust-Überlebenden Esther Bejerano zurück. Am Samstag, 24. Oktober, gestalten ihr Sohn Joram Bejerano und die Microphone Mafia unter dem Titel „Mir leben ejbig – Wir leben trotzdem!“ einen literarischen und musikalischen Erinnerungsabend in der Lutherkirche Fulda. Beginn ist um 19 Uhr.

Fotos: Fulda stellt sich quer e.V

Für den Verein „Fulda stellt sich quer“ gehört die Begegnung mit Esther Bejerano im April 2015 zu den besonderen Momenten. Damals stand die Holocaust-Überlebende gemeinsam mit der Microphone Mafia in der Orangerie auf der Bühne. Sie erzählte von ihrer Lebensgeschichte, den Verbrechen des Nationalsozialismus und der Verantwortung nachfolgender Generationen.

„Wenn ich an Esther Bejerano und ihren Auftritt im April 2015 in der Orangerie zurückdenke, bewegt mich das bis heute. Da stand eine Frau vor uns, die Auschwitz überlebt hatte, die unvorstellbares Leid erfahren musste und die trotzdem voller Lebensfreude, Kraft und Zuversicht war. Esther hat uns nicht nur ihre Geschichte erzählt. Sie hat uns etwas mitgegeben, das weit über diesen Abend hinausreicht: die Verantwortung, niemals wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt, bedroht oder entrechtet werden. Dass wir ihr damals in Fulda begegnen durften, war ein großes Geschenk. Diese Begegnung werde ich niemals vergessen“, erklärt Andreas Goerke, Vorsitzender von „Fulda stellt sich quer“.

Esther Bejerano überlebte das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, wo sie im sogenannten Mädchenorchester Akkordeon spielte. Später wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt. Nach ihrer Befreiung setzte sie sich bis ins hohe Alter gegen Antisemitismus, Rassismus und das Vergessen ein. Gemeinsam mit der Microphone Mafia verband sie jüdische Lieder und traditionelle Melodien mit modernem Hip-Hop und schuf so ein musikalisches Zeichen gegen Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit.

Auch Katharina Kaufmann aus dem Vorstand von „Fulda stellt sich quer“ betont die Bedeutung des Erinnerns. „Esther Bejerano hat uns gezeigt, dass selbst die dunkelsten Erfahrungen einen Menschen nicht davon abhalten müssen, für Hoffnung, Menschlichkeit und Zusammenhalt einzutreten. Ihre Lebensgeschichte macht mich tief betroffen, aber ihr Mut beeindruckt mich noch viel mehr. Sie hätte allen Grund gehabt, sich nach dem Erlebten zurückzuziehen. Stattdessen hat sie ihre Stimme erhoben – für diejenigen, die ermordet wurden, für die Überlebenden und vor allem für die Generationen, die nach ihr kommen. Gerade heute, wo antisemitische und rassistische Parolen wieder offen zu hören sind, müssen wir uns fragen, was wir aus der Geschichte gelernt haben. Erinnern allein reicht nicht. Wir müssen aus der Erinnerung heraus handeln“, betont Kaufmann.

Für den Verein ist die Veranstaltung deshalb auch ein Zeichen für eine lebendige Erinnerungskultur. Mit dem Tod der letzten Überlebenden des Holocaust geht eine Generation verloren, die aus eigener Erfahrung von den nationalsozialistischen Verbrechen berichten konnte. Umso wichtiger sei es, ihre Geschichten weiterzuerzählen, ihre Zeugnisse zu bewahren und ihre Botschaften an junge Menschen weiterzugeben.

Esther Bejerano starb am 10. Juli 2021 im Alter von 96 Jahren. Ihr Sohn Joram Bejerano und die Musiker der Microphone Mafia führen ihr musikalisches Vermächtnis fort. Der Titel des Abends, „Mir leben ejbig – Wir leben trotzdem!“, steht für Überlebenswillen, Widerstandskraft und eine Lebensfreude, die selbst durch die nationalsozialistische Verfolgung nicht vollständig zerstört werden konnte.

„Mich berührt besonders, dass Esther Bejerano trotz allem, was sie erleben musste, nie aufgehört hat, an die Menschen zu appellieren. Sie hat nicht resigniert. Sie hat gesungen, erzählt, diskutiert und gekämpft. Sie hat uns gezeigt, dass man auch im hohen Alter noch etwas bewegen kann. Ihr Leben war eine Antwort auf den Hass. Und genau deshalb dürfen wir ihre Geschichte nicht vergessen. Wenn wir am 24. Oktober gemeinsam an sie erinnern, dann tun wir das nicht nur mit Trauer, sondern auch mit großer Dankbarkeit und mit dem festen Willen, ihre Botschaft weiterzutragen“, sagt Katharina Kaufmann.