Anselm las beim Fachtag der Fachschule für Sozialwesen an der Konrad-Zuse-Schule Hünfeld aus ihrem Buch „Das ist (nicht) mein Zuhause“. Sie berichtete vom Alltag in einer Wohngruppe, in der Kinder und Jugendliche Geborgenheit suchen, während die Fachkräfte zugleich für viele junge Menschen da sein müssen. Wer „Hab dich lieb“ sagt, macht sich verletzlich. Eine kühle Antwort aus Sorge um professionelle Distanz kann deshalb tief treffen. Ehrlichkeit, Vertrauen und Liebe gehören für Anselm zu einer guten pädagogischen Beziehung. Fachkräfte dürfen Gefühle zeigen und menschlich sein, solange sie verantwortungsvoll handeln und die Grenzen der Kinder achten. Professionelle Nähe bedeutet aus dieser Sicht, Zuwendung bewusst zu gestalten.
Wie schwer das unter den Bedingungen des Alltags sein kann, wurde ebenfalls deutlich. Manchmal eröffnet schon ein kleiner Umweg beim Einkaufen die Gelegenheit, einem Kind ungestört zuzuhören. Doch solche Momente können fehlende Zeit nicht aufwiegen. „Eine Fachkraft ist schließlich kein Oktopus“, schrieb eine Studierende der Fachschule in ihrem Rückblick. Wer zeitweise acht Kinder betreut, kann nicht allen gleichzeitig Trost, Aufmerksamkeit und ein offenes Ohr schenken. Auf die Lesung und den Vortrag folgten vier Workshops, in denen sich die Teilnehmenden weiter mit dem Thema auseinandersetzten. Auch in der abschließenden Fragen- und Diskussionsrunde war das Interesse an Anselms Erfahrungen groß. Nicht jedes Kind kann aussprechen, was ihm fehlt. Manche werden laut, andere ziehen sich zurück. Junge Menschen, die als „Systemsprenger“ bezeichnet werden, zeigen oft besonders deutlich, wo die Jugendhilfe an ihre Grenzen gerät. Der Fachtag lud dazu ein, diese Grenzen zu hinterfragen. Damit Fachkräfte den Kindern und Jugendlichen die nötige Zeit und Zuwendung geben können, braucht es auch politische Entscheidungen für ausreichend Personal und bessere Arbeitsbedingungen.
