Die Vollversammlung hatte vom 28. September bis 1. Oktober in Fulda stattgefunden. Besonders ausführlich ging es um die politische Entwicklung in Deutschland, den Umgang mit Menschen, die AfD wählen, und die Frage, wie die katholische Kirche angesichts zunehmender Polarisierung ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten kann. Darüber hinaus sprach Wilmer unter anderem über Künstliche Intelligenz, Erwachsenentaufen, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs und die weitere Entwicklung der Synodalität.
Politisch richtete Wilmer den Blick zunächst auf die jüngsten Wahlen und die Entwicklung der AfD. Mit Sorge beobachte er die hohe Zustimmung für die Partei. Eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD bezeichnete er als Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Gleichzeitig würdigte er die Kampagne „Bewusst wählen“ des Bistums Magdeburg und stellte sich ausdrücklich hinter Bischof Dr. Gerhard Feige und das gesamte Bistum.
Besonders deutlich wurde Wilmer bei der Frage nach dem Verhältnis der katholischen Kirche zur AfD und ihren Wählerinnen und Wählern. Die Kirche müsse mit den Menschen im Gespräch bleiben, die AfD wählen. Es brauche Räume und Zeiten, „in denen wir zuhören, in denen wir keine Ansagen machen“. Die Kirche müsse zunächst fragen: Was bewegt die Menschen? Was bedrängt sie? Was bedrückt sie?
Dabei gehe es nicht darum, den Menschen unmittelbar kirchliche Positionen vorzuhalten. Vielmehr brauche es offene und angstfreie Gesprächsformate. Gleichzeitig müsse die Kirche ihre eigenen Grundlagen deutlich machen: die biblische Tradition, das Evangelium, die Botschaft Jesu Christi und die katholische Soziallehre. Wilmer räumte ein, dass die Kirche bei solchen Gesprächen noch am Anfang stehe. Es gebe kaum Bischöfe, die berichten könnten, dass Menschen, die AfD wählen, von sich aus auf sie zukämen, um über ihre Motive zu sprechen. „Es ist nicht ganz leicht“, sagte Wilmer.
An der grundsätzlichen Haltung der Bischöfe ließ er zugleich keinen Zweifel. „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, sagte Wilmer und verwies auf die entsprechende Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2024. „Wir gehen hinter der Erklärung keinen Schritt zurück.“
Die Grundlage der kirchlichen Haltung seien Menschenwürde, Nächstenliebe und eine demokratische Kultur. Die Würde jedes Menschen gelte unabhängig von Herkunft, sozialer Schicht, Gesundheit, Alter oder Religion. „Diese Grundhaltung ist für uns nicht verhandelbar“, betonte Wilmer. Politik dürfe sich nicht von extremen politischen Rändern bestimmen lassen – weder von rechts noch von links. Wilmer sprach sich für eine stabile und handlungsfähige demokratisch-politische Mitte aus. Die demokratischen Kräfte müssten miteinander arbeiten, zuhören, einander verstehen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Auch beim Thema Antisemitismus wurde Wilmer deutlich. Dieser dürfe in Deutschland keinen Platz haben. Die katholische Kirche stehe an der Seite der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Antisemitismus dürfe unabhängig von der politischen Richtung nicht hingenommen werden. Mit Blick auf die politische Entwicklung in Berlin äußerte sich Wilmer ebenfalls kritisch. Auch dort müsse klar sein, dass es keine ausreichende Distanz zu antisemitischen Positionen geben dürfe. Die Kirche wolle sich gegen jede Form von Antisemitismus stellen.
Gleichzeitig betonte Wilmer, dass sich die Kirche nicht ausschließlich auf Gespräche mit AfD-Wählerinnen und -Wählern konzentrieren wolle. Auch Menschen, die demokratische Parteien wählen, sich aber Sorgen um soziale Gerechtigkeit, ihre finanzielle Situation oder die Zukunft des Landes machten, müssten stärker erreicht werden. Es brauche mehr Formate, „die Zeit und Raum eröffnen, um mit allen Menschen in Kontakt zu kommen“. Wilmer verband diese Forderung mit einem grundsätzlichen Appell: Vielleicht sei die Zeit gekommen, „weniger Ansagen zu machen, sondern mehr hinzuhören, mehr zuzuhören“. Die Kirche müsse raus aus der eigenen Komfortzone und sich stärker in gesellschaftliche Debatten einbringen. Christen müssten „aus der Sakristei hinausgehen, auf die Straße“.
Neben der politischen Entwicklung beschäftigte sich die Vollversammlung auch mit der Frage, wie sich die Kirche auf Menschen einstellen kann, die neu zum Glauben finden. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung der Erwachsenentaufen in Europa. Besonders in Frankreich ist die Zahl der Taufen von Erwachsenen deutlich gestiegen. Nach Angaben der Bischofskonferenz wurden dort 2026 insgesamt 13.234 Menschen über 18 Jahren getauft.
Eine Trendumkehr der Säkularisierung sei das allerdings nicht, machte Wilmer deutlich. Der Anstieg müsse auch vor dem Hintergrund des deutlichen Rückgangs der Kindertaufen gesehen werden. Gleichzeitig stelle sich für die Kirche die Frage, wie sie Menschen mit unterschiedlichen Biografien, sozialen und kulturellen Wurzeln und persönlichen Motiven auf ihrem Weg begleiten könne.
Besonders Frankreich biete dabei interessante Erfahrungen. Dort gibt es seit Jahrzehnten ausgeprägte Strukturen des Katechumenats. Menschen werden über einen längeren Zeitraum begleitet, lernen den christlichen Glauben kennen und werden Schritt für Schritt in die kirchliche Gemeinschaft eingeführt.
Für Deutschland stelle sich deshalb die Frage, wie Gemeinden mit neuen Mitgliedern umgehen. „Wenn neue Leute kommen, heißt das für die bestehende Gemeinde, dass sie sich zu verändern hat“, sagte Wilmer. Es brauche mehr Dynamik und mehr Offenheit. Dabei müsse auch die junge Generation stärker in den Blick genommen werden. Wilmer verwies auf katholische Influencer in Frankreich, die über soziale Medien Hunderttausende Menschen erreichten. Die Kirche müsse jungen Gläubigen mehr zutrauen und ihnen Mut machen, ihren Glauben selbst weiterzugeben.
Ein weiterer großer Themenblock der Vollversammlung war die Künstliche Intelligenz. Wilmer bezeichnete KI als ein „Jahrhundertthema“. Die Auswirkungen könnten die Gesellschaft ähnlich stark verändern wie die industrielle Revolution – möglicherweise sogar noch stärker. Entscheidend sei deshalb die Frage, was menschliches Leben künftig bestimmt: Algorithmen oder eigene Kriterien für ein gutes Zusammenleben. Auch die Bischofskonferenz hat die Bedeutung des Themas unterstrichen und einen eigenen Studientag zu KI, Menschsein und Gemeinwohl durchgeführt.
Dabei warnte Wilmer vor zwei Extremen: Weder gehe es um eine grundsätzliche Ablehnung von KI noch um naive Euphorie. Die Technologie könne beispielsweise in der Medizin oder bei körperlich belastender Arbeit große Chancen bieten. Gleichzeitig müsse verhindert werden, dass KI soziale Ungleichheiten verstärke oder Entscheidungen über Menschen übernehme.
Die Bischöfe beschäftigten sich deshalb auch mit den ethischen Grenzen der Technologie. Verantwortung dürfe nicht an Maschinen delegiert werden. Notwendig seien internationale Regeln und eine klare Orientierung an der Menschenwürde. Die Erkenntnisse des Studientags sollen künftig in die Arbeit der neu geordneten bischöflichen Kommissionen einfließen.
Auch die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs blieb ein wichtiger Punkt der Vollversammlung. Die bischöfliche Fachgruppe für Fragen des sexuellen Missbrauchs und von Gewalterfahrungen wurde neu berufen. Zudem wird im Dezember 2026 der erste Jahresbericht des Sachverständigenrats zum Schutz vor sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrungen erwartet. Das Gremium soll die Prävention und Intervention in den deutschen Bistümern überdiözesan beobachten und Empfehlungen für die Weiterentwicklung der entsprechenden Ordnungen geben.
Darüber hinaus beschäftigten sich die Bischöfe mit der weiteren Entwicklung der Synodalität in der katholischen Kirche. Nach Abschluss der Weltsynode im Oktober 2024 soll der weltweite synodale Weg bis zu einer Kirchenversammlung 2028 in Rom weitergeführt werden. Deutschland soll dabei seine Erfahrungen einbringen. Das nationale synodale Team soll die Vorbereitung begleiten und die nationale Evaluierungsversammlung vorbereiten.
Auch die Arbeitsweise der Bischofskonferenz selbst verändert sich. Die bislang 14 bischöflichen Kommissionen werden auf acht reduziert. Die neuen Kommissionen sollen unter anderem die Bereiche Glaube und Wissenschaft, Liturgie und Kultur, missionarische Pastoral, Familie und Jugend, gesellschaftliche und caritative Fragen, Medien, Ökumene und interreligiöser Dialog sowie Weltkirche und Migration abdecken.
Zum Abschluss richtete Wilmer den Blick auf Franz von Assisi, dessen 800. Todestag in den kommenden Tagen begangen wird. Für den Heiligen sei die Erde kein Besitz, sondern Verwandtschaft gewesen. „Wer Verwandter hat, plündert sie nicht“, sagte Wilmer.
Darin sieht der Bischof auch eine Botschaft für die Gegenwart. Europa habe keinen Mangel an Angst, sondern einen Mangel an Begegnung. Franz von Assisi könne deshalb auch heute Orientierung geben. „Er ist eine Zumutung“, sagte Wilmer. Er hinterlasse keine Theorie, sondern eine Lebensform: „Das Evangelium nicht nur lesen, sondern leben.“
