Lokales VB 15.10.2026

100 Jahre Schlitzer Trachtenfest: Mehr als ein Fest – ein Stück Heimat

Schlitz – Von Silas Messing – Es gibt Feste, die kommen und gehen. Ein paar Tage Ausnahmezustand, danach wird abgebaut, aufgeräumt und im Alltag geht alles weiter wie vorher. Und dann gibt es das Schlitzer Trachtenfest, das im kommenden Jahr zum 100 Mal stattfindet. Es beginnt schon Tage vorher. Wenn die Fahnen wieder an den Straßen hängen, die ersten Vorbereitungen sichtbar werden und sich die Stadt langsam auf diese besonderen Tage einstellt, verändert sich etwas in Schlitz. Es ist, als würde die ganze Stadt kurz einen Gang zurückschalten – und gleichzeitig auf etwas hinfiebern. Bürgermeister Heiko Siemon und Klaus Hohmeier, Vorsitzender des Heimat- und Trachtenfestvereins Schlitz blickten auf das Besondere, das das Trachtenfest ausmacht.

Heiko Siemon (links) auf dem Trachtenfest 2025. Foto: Görlich Media.

Klaus Hohmeier bei der Kürung der Miss Slitisa. Foto: Janosch Hensel

2027 wird dieses Gefühl noch einmal eine besondere Dimension bekommen. Dann feiert das Schlitzer Trachtenfest sein 100-jähriges Bestehen. Ein Jahrhundert Festgeschichte. Ein Jahrhundert, in dem sich die Welt verändert hat, Schlitz sich verändert hat und auch das Fest selbst immer wieder neue Formen angenommen hat. Was geblieben ist, ist die Verbindung der Menschen zu ihrer Heimat. Für Bürgermeister Heiko Siemon und Klaus Hohmeier, den Vorsitzenden des Heimat- und Trachtenfestvereins Schlitzerland sowie Repräsentanten der internationalen Folklore-Organisation CIOFF, ist genau das der Kern dessen, was das Trachtenfest bis heute ausmacht.

Die Geschichte beginnt dabei nicht erst 1927. 1922 fand in Pfordt ein Bauernfest statt, das als wichtiger Vorläufer des heutigen Trachtenfestes gilt. 1926 folgte ein größerer Trachtenumzug durch Schlitz. Ein Jahr später wurde aus dem Sommermarkt schließlich das erste Schlitzerländer Trachtenfest. Seitdem ist viel passiert. Das Fest musste über die Jahrzehnte mehrfach pausieren, unter anderem während der Kriegsjahre und zuletzt wegen der Corona-Pandemie. Seit 1957 findet es regelmäßig alle zwei Jahre am zweiten Juliwochenende statt. 2027 steht nun das 46. Trachtenfest an. Mehr als 65 Nationen waren im Laufe der Jahre bereits mit Folkloregruppen in Schlitz zu Gast.

Für Siemon ist die Verbindung zum Trachtenfest schon lange Teil seines Lebens. Er kommt aus Schlitz und hat das Fest über viele Jahre als Besucher erlebt. 2023 war dann sein erstes Trachtenfest als Bürgermeister der Stadt. „Wenn du hier aufwächst, dann ist das Trachtenfest für dich im Endeffekt immer alle zwei Jahre ein Highlight“, beschreibt er. Und dieses Gefühl verändert sich über die verschiedenen Phasen des Lebens hinweg. Die Rolle, die man dabei einnimmt, mag sich ändern – die besondere Bedeutung des Festes bleibt.

Als Bürgermeister erlebte Siemon das Trachtenfest 2025 schließlich aus einer neuen Perspektive. Auch beim Festzug war seine Rolle eine andere: Gemeinsam mit seiner Frau stand er an der Ehrentribüne und begrüßte die Gruppen persönlich. Für Hohmeier sind es dagegen vor allem die Begegnungen, die das Trachtenfest zu etwas Besonderem machen. Besonders eindrucksvoll ist für ihn der ökumenische Gottesdienst am Sonntagmorgen, bei dem die internationalen Gruppen zusammenkommen. „Da krieg ich auch Gänsehaut, wenn ich drüber erzähle“, sagt er. Es sei beeindruckend zu sehen, wie Menschen aus unterschiedlichen Ländern in diesem Moment zusammenkommen.

Hohmeier kann auf eine jahrzehntelange Verbindung zum Trachtenfest zurückblicken. Seit 1977 ist er Mitglied der Trachtengruppe, 1979 erlebte er sein erstes Trachtenfest. Seitdem hat sich die Veranstaltung durch verschiedene Phasen seines Lebens gezogen. Für ihn ist das Fest längst mehr als ein Termin im Kalender. „Also, das ist ein Muss-Termin“, sagt er. Wie tief diese Verbindung gehen kann, erzählt Hohmeier mit einer Geschichte aus den späten 1980er-Jahren. Damals flog er für drei Wochen in die USA. Eigentlich kein Problem: Das Trachtenfest fand schließlich alle zwei Jahre statt, beim nächsten Mal wäre er wieder in Schlitz gewesen. Doch als er sich am Freitagabend von den anderen verabschiedete, kamen ihm die Tränen. „Ich muss wirklich sagen, also die Tage in den USA, ich hab nur an das Fest gedacht“, erzählt er. Seine Gedanken seien ständig in Schlitz gewesen – und kaum bei dem, was er in den Vereinigten Staaten erlebte. „Und dann sagte ich mir: Also, das passiert dir mit Sicherheit nie wieder.“

Es ist eine Geschichte, die ziemlich genau beschreibt, was Heimatgefühl im Zusammenhang mit dem Trachtenfest bedeutet. Es geht nicht allein um Tracht, Musik oder einen Festzug. Es geht um Erinnerungen. Um Menschen. Um einen Ort, mit dem man so viele persönliche Erlebnisse verbindet, dass selbst Tausende Kilometer Entfernung daran wenig ändern.

Und dieses Gefühl endet für Hohmeier nicht an der Stadtgrenze. Durch seine Arbeit für CIOFF ist er regelmäßig bei internationalen Festivals und Veranstaltungen unterwegs. Immer wieder trifft er dort Gruppen, die schon einmal in Schlitz waren. Manchmal dauert es nicht lange, bis die Erinnerungen zurückkommen. „Wann können wir wieder nach Schlitz kommen?“, werde er dann gefragt. Für Hohmeier ist das eine besondere Bestätigung. „Das zeigt mir, dass wir hier in Schlitz wirklich vieles richtig machen“, sagt er. Ob Quartiere, Organisation oder Gruppenbetreuung – entscheidend sei, dass sich die internationalen Gäste in Schlitz zu Hause fühlen.

Dabei ist es gerade diese Mischung, die das Trachtenfest besonders macht. Schlitz zeigt seine eigene Geschichte und Heimat – und öffnet gleichzeitig die Türen für Menschen aus aller Welt. Bürgermeister Siemon beschreibt diese Offenheit als einen wichtigen Teil des Festes. Die internationalen Gruppen seien nicht nur wegen ihrer Auftritte interessant. Viel wichtiger seien oft die Begegnungen dazwischen. „Für mich, muss ich ganz ehrlich sagen, sind die Begegnungen zwischen den Auftritten noch mehr in Erinnerung“, sagt er. Wenn man abends oder nachts plötzlich mit Menschen aus Italien, Serbien oder anderen Ländern zusammensitze, entstehe genau das, was das Fest im Kern ausmache.

Das passt zu einem Satz, der die Geschichte des Trachtenfestes vielleicht besser beschreibt als jede Zahl: „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Für Hohmeier ist dieses Motto längst mehr als ein schöner Spruch. Es spiegelt wider, was er seit Jahrzehnten mit dem Fest verbindet. Schlitz bleibt Schlitz – bodenständig, verwurzelt und eng mit seiner eigenen Geschichte verbunden. Gleichzeitig kommt die Welt hierher. Und sie soll nicht nur auftreten, sondern Teil des Festes werden. Genau deshalb ist das 100-jährige Bestehen für beide noch einmal etwas Besonderes. „Damit gehört das Trachtenfest hier mit zu einem der ältesten Folklore-Festivals überhaupt“, sagt Hohmeier. Die Bedeutung für die Bevölkerung werde dadurch noch einmal größer. Auch der Zuspruch aus der Stadt sei bereits jetzt spürbar. Viele Menschen würden sich melden und fragen, ob sie beim Jubiläumsfest mithelfen könnten.

100 Jahre bedeuten dabei nicht, dass alles so geblieben ist wie 1927. Im Gegenteil: Das Trachtenfest hat sich verändert, ist größer und internationaler geworden. Es musste schwierige Zeiten überstehen und sogar ganz ausfallen. Gerade die Corona-Absage 2021 sei besonders schwergefallen. Lange habe man gehofft, das Fest doch irgendwie durchführen zu können. Am Ende sei aber klar gewesen, dass eine abgespeckte Version nicht mehr dasselbe gewesen wäre. „Schweren Herzens“ habe man sich zur Absage entschlossen. Vielleicht ist genau das ein Teil der Erklärung, warum die Vorfreude auf 2027 so groß ist. Das Trachtenfest ist nicht selbstverständlich. Es ist etwas, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Kinder erleben es, Jugendliche wachsen hinein, Erwachsene übernehmen Verantwortung – und irgendwann erzählen sie selbst Geschichten von ihren Trachtenfesten.

Siemon und Hohmeier haben unterschiedliche Perspektiven auf das Trachtenfest – und doch verbindet sie dieselbe Erfahrung: Für beide ist es weit mehr als eine Veranstaltung. Siemon kennt das Fest seit seiner Kindheit als Schlitzer und Besucher und erlebt es inzwischen auch aus der Verantwortung als Bürgermeister. Hohmeier ist seit Jahrzehnten eng mit dem Trachtenfest verbunden, seit 1977 Mitglied der Trachtengruppe und heute in zentraler Funktion für das Fest und seine internationalen Kontakte tätig. Beide erleben damit unterschiedliche Seiten derselben Geschichte – und beide wissen, wie tief das Trachtenfest in Schlitz und bei den Menschen verwurzelt ist. Es ist ein Stück Schlitz. Vielleicht merkt man das am deutlichsten dann, wenn das Fest längst vorbei ist. Wenn die internationalen Gruppen wieder nach Hause gefahren sind, die Musik verstummt und die Straßen wieder aussehen wie an jedem anderen Wochenende. Dann bleiben die Erinnerungen. An Menschen, die man kennengelernt hat. An Begegnungen, die vielleicht nur wenige Stunden gedauert haben. An den Festzug, den Gottesdienst, die Musik – und an das Gefühl, dass eine ganze Stadt für ein paar Tage etwas ganz Besonderes war. Und dann dauert es wieder nicht lange, bis die Vorfreude beginnt. Bis irgendwann die ersten Fahnen wieder hängen. Bis die Menschen auf den Straßen merken: Jetzt ist es wieder so weit.

2027 wird es dieses Gefühl zum 46. Mal geben. Und vielleicht ist das die eigentliche Geschichte des Schlitzer Trachtenfestes: Ein Fest kann 100 Jahre alt werden. Heimatgefühl aber kennt kein Alter.