Eröffnet wurde die Veranstaltung von Tino Mickstein, Vorsitzender des Marketing-Netzwerks Region Fulda. In seiner Begrüßung machte er deutlich, dass die zunehmende Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz auch die Anforderungen an gutes Marketing verändert. „Heutzutage ist es von entscheidender Bedeutung, gutes Marketing zu denken, statt nur Marketing zu produzieren“, formulierte Mickstein eine der zentralen Botschaften des Tages. Wenn künftig jeder mithilfe von KI hochwertige Inhalte erstellen könne, verliere guter Content allein zunehmend seinen Charakter als Alleinstellungsmerkmal. „Wenn künftig jeder schnell guten Content erzeugen kann, ist der Content allein nichts Besonderes mehr“, gab er zu bedenken.
Entscheidend sei deshalb, wer die besseren Gedanken habe und die passende Form der Kommunikation finde. Es gehe nicht darum, möglichst viel zu produzieren, sondern zu erkennen, was wirklich relevant sei, Menschen bewege und Vertrauen schaffe. Auch mehr Daten bedeuteten nicht automatisch bessere Entscheidungen oder Kommunikation. Vielmehr würden Eigenschaften wie Neugier, Empathie, kritisches Denken und vor allem Urteilsvermögen wichtiger. Micksteins Fazit: „In Zukunft entscheidet sich der Wettbewerb nicht allein daran, was KI kann, sondern daran, was Menschen daraus machen.“
Den ersten inhaltlichen Impuls setzte Christian Knoll von Perspektiva Fulda mit einer Keynote zum menschlichen Alleinstellungsmerkmal im Marketing. Anschließend rückte Dr. Boris Konrad, Gedächtnisexperte und Neurowissenschaftler, die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns in den Mittelpunkt. Unter der Leitfrage, ob Menschen kreativer bleiben als Roboter, verband er wissenschaftliche Erkenntnisse mit anschaulichen Experimenten. Dabei demonstrierte er unter anderem, wie sich große Mengen an Zahlen und Informationen mithilfe bestimmter Gedächtnistechniken einprägen lassen. Sein eigener Rekord liegt bei 170 Ziffern, am Freitagvormittag wiederholte er mühelos und zügig 30 Ziffern einer willkürlichen Zahlenfolge aus dem Kopf.
Dabei ging es Konrad nicht allein um beeindruckende Gedächtnisleistungen, sondern auch um die Frage, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und miteinander verknüpft. Konrad verglich es sinngemäß mit einem Orchester und nicht mit einer Festplatte: Wissen werde nicht einfach nur abgelegt, sondern in Zusammenhänge gebracht. Gerade diese Fähigkeit, unterschiedliche Informationen miteinander zu verbinden und daraus neue Ideen entstehen zu lassen, sei eine wichtige Grundlage menschlicher Kreativität.
Einen besonders praxisnahen Einblick in die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz gab anschließend Florian Arndt von der Videoproduktionsfirma Sons of Motion Pictures. In seinem Vortrag stellte er 15 KI-Anwendungen vor, die den Arbeitsalltag in Marketingabteilungen grundlegend verändern können. Dabei ging es längst nicht mehr nur um die Erstellung von Texten oder Bildern. So zeigte Arndt unter anderem, wie sich mithilfe von KI innerhalb weniger Stunden komplette Websites erstellen lassen, Stimmen geklont und in andere Sprachen übertragen werden können oder sich selbst die Tonqualität älterer Filmaufnahmen deutlich verbessern lässt – bis hin zu komplett mit Künstlicher Intelligenz erstellten Werbefilmen.
Auch bei der internen Organisation von Unternehmen sieht Arndt großes Potenzial. KI-gestützte Assistenten könnten E-Mails, Termine, Kundendaten und Aufgaben miteinander verknüpfen und so zahlreiche Arbeitsprozesse vereinfachen. Gleichzeitig warb er dafür, sich nicht von amerikanischen Softwarekonzernen abhängig zu machen, und stellte verschiedene europäische und deutsche Alternativen vor. Seine Botschaft an die Teilnehmer war eindeutig: „KI kommt, ob ihr wollt oder nicht. Die gute Nachricht ist: Sie kommt mit euch oder mit eurem Wettbewerb.“
Dass die Beschäftigung mit den neuen Technologien nicht erst beginnen sollte, wenn die Konkurrenz bereits einen Schritt voraus ist, unterstrich Arndt auch mit einem Beispiel aus seinem eigenen Unternehmen. Bereits vor vier Jahren habe er seine Mitarbeiter dazu verpflichtet, sich jede Woche zwei Stunden mit künstlicher Intelligenz und neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Was zunächst wenig Begeisterung ausgelöst habe, sei inzwischen zu einem festen Bestandteil der Unternehmenskultur geworden.
Nach den beiden Keynotes standen am Mittag fünf praxisorientierte Breakout-Sessions unter dem Titel „Die Skills, die wir Menschen jetzt brauchen“ auf dem Programm. Die Teilnehmer konnten sich unter anderem mit der Methode LEGO Serious Play beschäftigen, neue Ansätze für Targeting und KI-Kampagnen kennenlernen oder erfahren, wie sich Marketingteams durch Improvisation auch bei unsicheren Rahmenbedingungen handlungsfähig halten. Weitere Themen waren die Kennzeichnungspflicht KI-generierter Inhalte und der EU-KI-Verordnung sowie der Wandel von einzelnen KI-Tools hin zu fest etablierten Routinen im Unternehmen.
Am Nachmittag rückt schließlich noch das datengetriebene Marketing in den Mittelpunkt. René Seppeur, Gründer und CEO von Brandl Nutrition, berichtet unter dem Titel „Turnaround dank Meta Ads? – So hat Performance-Marketing mein Unternehmen gerettet“, wie gezielte Werbekampagnen zur wirtschaftlichen Entwicklung seines Unternehmens beigetragen hatten. Olivia Ulbing-Sommeregger widmet sich anschließend der Frage, wie Marketingteams das Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz, Daten und menschlicher Erfahrung sinnvoll gestalten können. Unter dem Titel „Daten schlagen Bauchgefühl. Viel KI. Eine Prise Mensch.“ zeigt sie, wann Algorithmen Entscheidungen erleichtern und an welchen Stellen menschliches Eingreifen weiterhin entscheidend ist.
Neben den Vorträgen und Workshops bot der 9. Fuldaer Marketingtag auch Gelegenheit zum Austausch und Netzwerken – entscheidend im Marketingbereich. Damit griff die Veranstaltung ihr zentrales Anliegen immer wieder auf: Künstliche Intelligenz eröffnet der Marketingbranche neue Möglichkeiten und kann zahlreiche Aufgaben erleichtern. Die entscheidende Herausforderung besteht jedoch darin, die Technologie sinnvoll einzusetzen, ohne dabei die menschlichen Fähigkeiten aus dem Blick zu verlieren.
