Ein elektrisch betriebener Pick-up, speziell entwickelt für den Bergbau. Keine umgebaute Serienlösung, kein angepasstes Standardfahrzeug – sondern ein komplett eigenständig entwickeltes Modell, das auf keiner bestehenden Fahrzeugplattform basiert. Vorgestellt wurde der TerraCharge erst vor wenigen Wochen auf der weltweit größten Bergbaumesse „Electric Mine“ in Lissabon. Für das Fuldaer Autohaus Jakob markiert das Projekt nicht weniger als einen radikalen Wandel: weg vom klassischen Autohaus, hin zum internationalen Spezialfahrzeug- und Technologieanbieter für den Bergbau.
„Wenn mich vor vier Jahren jemand gefragt hätte, ob ich Automobilhersteller werden will, hätte ich gesagt: Du hast einen Knall“, sagt Benjamin Jakob mit blickt auf das Fahrzeug. „Und jetzt steht da plötzlich ein fertiges Fahrzeug.“
Schon äußerlich unterscheidet sich der TerraCharge deutlich von klassischen Nutzfahrzeugen. Breit, massiv und futuristisch wirkt der Wagen wie eine Mischung aus Offroad-Pick-up und Militärfahrzeug. Hohe Bodenfreiheit, kantige Linien, robuste Bauweise – alles an diesem Fahrzeug soll vermitteln: Hier geht es nicht um Komfort oder Luxus, sondern um maximale Belastbarkeit. Gleichzeitig spielte auch das Design bewusst eine Rolle. „Wenn man schon so viel Geld für Design ausgibt, dann muss das Fahrzeug am Ende auch gut aussehen“, sagt Jakob schmunzelnd.
Denn die Geschichte des Projekts beginnt lange vor dem ersten Prototypen. Seit mittlerweile 17 Jahren beliefert das Autohaus Jakob gemeinsam mit dem Partnerunternehmen EDAG Bergwerke mit speziell angepassten Fahrzeugen. Bisher wurden dafür Serienfahrzeuge umgebaut und technisch auf den Einsatz unter Tage vorbereitet. „Wir haben normale Fahrzeuge genommen und sie bergbautauglich gemacht“, erklärt Jakob. „Das bedeutet: spezielle Umbauten, verstärkte Komponenten, Nachversorgung, technische Anpassungen – alles, damit diese Fahrzeuge unter Tage überhaupt funktionieren und dort überleben.“
Insgesamt seien in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Spezialfahrzeuge ausgeliefert worden – im Schnitt rund 250 Fahrzeuge pro Jahr. Dabei habe das Unternehmen weltweit Erfahrungen gesammelt: in Goldminen in Südamerika, in europäischen Bergwerken oder bei Einsätzen unter extremen klimatischen Bedingungen.
Doch genau dieses Modell wurde zunehmend komplizierter. Moderne Serienfahrzeuge seien inzwischen vollgestopft mit Assistenzsystemen, Sensorik und Elektronik – vieles davon bringe im Bergbau keinerlei Mehrwert, sorge aber regelmäßig für Ausfälle. „Im normalen Straßenverkehr mag das alles sinnvoll sein“, sagt Jakob. „Aber unter Tage brauchen die Leute keinen Spurhalteassistenten oder irgendwelche Komfortsensoren. Diese Systeme gehen dort oft einfach kaputt.“
Die Konsequenzen seien gravierend. Ein technischer Defekt bedeute im Bergbau nicht einfach nur einen Werkstatttermin – sondern könne komplette Abläufe verzögern und hohe Kosten verursachen. „Das klingt vielleicht banal, aber wenn in einem Bergwerk ein Fahrzeug ausfällt, dann steht im Zweifel ein ganzer Prozess“, erklärt Jakob. „Die Werke brauchen absolute Zuverlässigkeit.“
2019 fiel deshalb eine Entscheidung, die das Unternehmen grundlegend verändern sollte. Statt bestehende Fahrzeuge weiter umzubauen, wollte man erstmals ein komplett eigenes Fahrzeug entwickeln – exakt zugeschnitten auf die Anforderungen des Bergbaus. „Wir haben uns damals wirklich ans Reißbrett gesetzt“, erinnert sich Jakob. „Und dann haben wir angefangen, unser eigenes Fahrzeug zu bauen.“
Was folgte, war eine jahrelange Entwicklungsphase – finanziert ausschließlich aus eigenen Mitteln. „Das Ganze ist zu hundert Prozent eigenfinanziert“, betont Jakob. „Da steckt kein großer Konzern dahinter.“ Um überhaupt zu verstehen, was Bergwerke weltweit tatsächlich benötigen, reiste Jakob rund um den Globus. Australien, Chile, Skandinavien oder Südamerika – überall besuchte er Minen und sprach mit Verantwortlichen, Fahrern und Technikern. „Ich bin einmal um die Welt gereist und habe ein Lastenheft erstellt“, erzählt er. „Wir wollten wirklich verstehen: Was brauchen diese Leute? Was funktioniert? Was funktioniert nicht?“
Dabei seien oft scheinbar kleine Dinge entscheidend gewesen. Beispielsweise verstärkte Dächer, spezielle Sicherheitszonen oder die Fähigkeit, unter extremsten Temperaturen zuverlässig zu arbeiten. „Bei normalen Serienfahrzeugen muss vieles nachträglich angepasst werden“, erklärt Jakob. „Bei unserem Fahrzeug ist das alles direkt integriert.“
Der TerraCharge wurde deshalb bewusst simpel, robust und wartungsarm konstruiert. Viele Systeme klassischer Straßenfahrzeuge wurden bewusst weggelassen. Stattdessen konzentrierte man sich auf Belastbarkeit, einfache Wartung und maximale Funktionalität. Gleichzeitig setzt das Fahrzeug vollständig auf Elektroantrieb. Die 87-Kilowattstunden-Batterie soll selbst unter härtesten Bedingungen ausreichen, um eine komplette Schicht im Bergbau zu bewältigen. „Unter realen Bergbaubedingungen schaffen wir rund 350 Kilometer“, sagt Jakob. „Damit kann man locker eine komplette Schicht fahren.“
Besonders stolz ist das Unternehmen dabei auf die extreme Einsatzfähigkeit des Fahrzeugs. Der TerraCharge sei sowohl für eisige Temperaturen von minus 40 Grad als auch für Wüstenbedingungen mit über 60 Grad ausgelegt. „Unsere Fahrzeuge funktionieren in extremer Kälte genauso wie in der Wüste“, sagt Jakob. „Und wir sind aktuell die Einzigen, deren Antrieb sowohl in großen Höhenlagen als auch tief unter Tage zuverlässig funktioniert.“
Gerade dieser Punkt sei im internationalen Bergbau enorm wichtig. In Ländern wie Chile liegen viele Minen auf mehreren tausend Metern Höhe. Herkömmliche Motoren verlieren dort häufig an Leistung, weil die Luft dünner wird. „Unser Fahrzeug funktioniert selbst in Höhenlagen von 4000 Metern zuverlässig“, erklärt Jakob. Chile sei deshalb auch unteranderem einer der wichtigsten Zukunftsmärkte für das Unternehmen.
Offiziell läuft der TerraCharge dabei übrigens nicht als klassischer Pkw, sondern als Maschine beziehungsweise „Traktor“. Das vereinfache viele Zulassungs- und Sicherheitsfragen im industriellen Einsatz unter Tage erheblich.
Produziert werden soll der TerraCharge allerdings nicht in Fulda. Dafür fehlten die industriellen Möglichkeiten. Stattdessen fand das Unternehmen im schwedischen Trollhättan einen passenden Produktionspartner. Dort, wo einst Saab-Fahrzeuge gebaut wurden, hat das Unternehmen bereits Produktionsflächen angemietet. „Wenn wir das in Fulda gemacht hätten, wäre das wirtschaftlich kaum darstellbar gewesen“, sagt Jakob offen. „Wir brauchten jemanden mit bestehender Infrastruktur und vorhandenen Kapazitäten.“
Eine vollautomatisierte Fertigung wie bei großen Automobilkonzernen werde es bewusst nicht geben. „Mercedes hat hochautomatisierte Produktionsstraßen – die haben wir natürlich nicht“, sagt Jakob. „Deshalb waren wir darauf angewiesen, jemanden zu finden, der bereits die entsprechenden Kapazitäten besitzt.“ Perspektivisch sollen in Schweden zunächst bis zu 2000 Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden können.
Trotzdem bleibt das Projekt eng mit Osthessen verbunden. Denn die gesamte Entwicklung stammt aus Fulda. Und auch emotional schließt sich für die Familie ein Kreis. „Der erste Automobilvertrag meines Vaters damals war mit Saab“, erzählt Jakob. „Und jetzt entwickeln wir plötzlich unser eigenes Fahrzeug.“
Preislich soll der TerraCharge deutlich unter vielen bisherigen Spezialfahrzeugen liegen. Rund 79.000 Euro seien aktuell geplant. Vergleichbare umgebaute Spezialfahrzeuge im Bergbau würden oft erst bei 150.000 Euro beginnen.
Noch befindet sich das Projekt allerdings in der Test-, Optimierungs- und Lizenzierungsphase. Verkauft wurde bislang noch kein Fahrzeug. Die Serienproduktion soll nach aktuellem Stand Ende kommenden Jahres anlaufen. Trotzdem war die Resonanz in Lissabon offenbar enorm. „Das Auto ist dort eingeschlagen wie eine Rakete“, sagt Jakob und grinst. „Jetzt müssen wir nur noch welche verkaufen.“
Aktuell arbeitet das Unternehmen gemeinsam mit Partnern an weiteren Optimierungen. Parallel laufen intensive Gespräche mit Investoren. Denn die nächsten Entwicklungsschritte werden teuer. „Die Entwicklung hat bereits mehrere Millionen Euro gekostet“, sagt Jakob. „Und die nächsten Phasen kosten nochmal deutlich mehr.“
Dabei setzt das Unternehmen bewusst auf bestehende und bewährte Komponenten statt auf komplette Neuentwicklungen. „Wir haben keine komplett neue Technologie erfunden“, erklärt Jakob. „Wir setzen auf hochwertige Lieferanten und bewährte Systeme – aber eben in einer komplett neuen Kombination für den Bergbau.“
Auch technisch soll der TerraCharge weiterentwickelt werden. Gemeinsam mit der Universität Warschau arbeitet das Unternehmen bereits an neuen Batteriekonzepten. „Wir stellen dort das Trägerfahrzeug für neue Batteriesysteme“, erklärt Jakob. Außerdem beschäftigt man sich mit autonomen Fahrfunktionen. Die Idee: Fahrzeuge könnten künftig selbstständig durch Bergwerke navigieren. „Wir schauen uns aktuell an, wie autonomes Fahren im Bergbau funktionieren kann“, sagt Jakob. „Vielleicht kann man sich das Fahrzeug irgendwann einfach per Handy rufen.“
Langfristig schließt Jakob sogar eine zivile Straßenversion nicht aus. „Nicht nächstes Jahr“, sagt er lachend. „Aber wenn wir die ersten tausend Stück verkauft haben, kann man darüber nachdenken.“ Vergleiche mit der Mercedes G-Klasse kommen dabei nicht zufällig auf. Auch sie begann einst als reines Nutzfahrzeug.
Zunächst bleibt der Fokus jedoch klar auf dem Bergbau. Dort sieht Jakob enormes Potenzial – nicht nur im klassischen Untertagebau, sondern auch in anderen extremen Einsatzbereichen. Langfristig sollen aus derzeit rund 250 Spezialfahrzeugen pro Jahr einmal bis zu 5000 Fahrzeuge jährlich werden. „Wir wollen die Transformation schaffen – weg vom klassischen Autohaus hin zum Bergbau-Provider“, sagt Jakob.
Und genau dieser Wandel macht das Projekt so außergewöhnlich. Während viele Autohäuser über schwierige Zeiten, Elektromobilität und Strukturwandel diskutieren, arbeitet ein Unternehmen aus Fulda plötzlich an einem eigenen Spezialfahrzeug für den weltweiten Einsatz unter Tage. „Es ist für mich persönlich eine der spannendsten Arbeitsumgebungen überhaupt“, sagt Jakob. „Auf den ersten Blick wirkt vieles ähnlich – aber die technischen Anforderungen dahinter sind extrem komplex. Und genau deshalb macht das so unglaublich viel Spaß.“
