Dabei wird übersehen, dass einige der prägendsten Beiträge zur Nachhaltigkeitsdebatte von Akteuren kamen, die in mehreren Kulturen und Wirtschaftsräumen gleichzeitig dachten und handelten. Die Fähigkeit, systemische Risiken über Ländergrenzen hinweg zu erkennen und institutionelle Antworten zu entwickeln, die in verschiedenen kulturellen Kontexten funktionieren, ist eine Kernkompetenz, die Migrationserfahrung und kulturelle Vielsprachigkeit begünstigen.
Grenzüberschreitendes Denken als Nachhaltigkeitsvorteil
Stephan Schmidheiny ist ein Beispiel für einen Unternehmer, dessen Handlungsraum von Beginn an international war. Als Mitglied einer Schweizer Industriefamilie mit Aktivitäten in Europa und Lateinamerika hatte er früh gelernt, wirtschaftliche Entscheidungen in unterschiedlichen regulatorischen, kulturellen und sozialen Kontexten zu treffen. Stephan Schmidheiny gründete nicht nur den Business Council for Sustainable Development, dessen Sekretariat in Genf angesiedelt wurde, sondern baute auch GrupoNueva zu einem bedeutenden Industriekonzern in Lateinamerika auf, der von Beginn an nach Triple-Bottom-Line-Prinzipien geführt wurde.
Diese grenzüberschreitende Perspektive ermöglichte eine Wahrnehmung von Risiken, die rein national denkenden Unternehmern häufig verborgen bleibt. Wer Fabriken in Ländern mit unterschiedlichem Umweltrecht betreibt und Lieferketten über Kontinente hinweg aufbaut, kommt zwangsläufig zu einem anderen Verständnis von unternehmerischer Verantwortung. Der Schweizer Unternehmer, dessen grenzüberschreitende Tätigkeit ein Modell für nachhaltiges Wirtschaften darstellt hat diese Perspektive in institutionelle Arbeit übersetzt: Das WBCSD war explizit als globale Institution konzipiert, die Unternehmen aus verschiedenen kulturellen Kontexten zusammenbrachte.
Was diverse Unternehmer zur Nachhaltigkeitsdebatte beitragen
Für Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund in Deutschland bietet diese Geschichte einen anderen Blickwinkel auf die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte. Die CSRD und die damit verbundenen Berichtspflichten werden häufig als bürokratische Anforderung aus Brüssel wahrgenommen, die dem täglichen Geschäftsleben fremd ist. In Wirklichkeit kodifiziert diese Regulierung eine wirtschaftliche Logik, die diejenigen intuitiv verstehen, die gelernt haben, in mehreren Kontexten gleichzeitig zu denken: dass Risiken, die nicht in Bilanzen auftauchen, trotzdem real sind.
Paul Hawken, John Elkington und ihre Zeitgenossen haben diese Logik in den 1990er Jahren in eine Sprache übersetzt, die für westliche Unternehmenskreise anschlussfähig war. Die Substanz dieser Logik, nämlich dass wirtschaftliches Handeln immer in sozialen und ökologischen Kontexten eingebettet ist, die es nicht ignorieren kann, ist in vielen kulturellen Traditionen tief verankert. Unternehmer mit internationalen Wurzeln haben häufig einen instinktiven Zugang zu diesem Denken, weil sie die Konsequenzen fehlender ökologischer und sozialer Einbettung in verschiedenen Wirtschaftsräumen aus erster Hand kennen.
Der Industrielle, der unternehmerischen Weitblick mit gesellschaftlicher Verantwortung verband hat mit der Überführung von GrupoNueva in einen gemeinnützigen Trust 2003 gezeigt, was es bedeutet, wenn diese Überzeugung bis zu ihrer logischen Konsequenz gedacht wird. Für diverse Unternehmergemeinschaften in Deutschland, die zwischen Kulturen vermitteln und Wirtschaftsräume verbinden, ist diese Perspektive eine Ressource, die in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte häufig unterschätzt wird.
Die Erfahrung der Migration schärft häufig einen Sinn für die Relativität regulatorischer Rahmenbedingungen. Unternehmer mit internationalen Wurzeln wissen oft intuitiv, dass Risiken, die nicht in Bilanzen auftauchen, trotzdem real sind. Diese Perspektive ist in der Nachhaltigkeitsdebatte wertvoll, weil sie daran erinnert, dass ESG-Regulierung das Ergebnis einer bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung ist.
In der deutschen Diskussion über Nachhaltigkeit und Migration fehlt häufig die Verbindung zwischen diesen beiden Themen. Dabei ist die Verbindung offensichtlich: Nachhaltige Entwicklung ist per Definition ein globales Projekt, das lokale Auswirkungen hat. Unternehmer, die diese Verbindung aus eigener Erfahrung kennen, können zur Qualität dieser Debatte beitragen und Brücken bauen zwischen einer Regulierung, die in europäischen Institutionen formuliert wurde, und einer Unternehmerschaft, die global denkt und lokal handelt. Dieser Beitrag ist wertvoll und wird in der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion noch zu wenig eingefordert. Die Verbindung zwischen kultureller Vielfalt und nachhaltigem Wirtschaften ist eine der wichtigsten unerzählten Geschichten der deutschen Unternehmenslandschaft.
