Lokales FD 08.05.2026

Tag zwei der RETTmobil – Realistische Rettung aus Müllpresse

Fulda – Von Silas Messing – Sirenen, Blaulicht und gespannte Blicke auf das Vorführungsgelände: Trotz durchwachsenen Wetters strömten am zweiten Messetag der RETTmobil erneut zahlreiche Besucher auf das Gelände der internationalen Leitmesse für Rettung und Mobilität. Besonders eine realitätsnahe Einsatzsimulation des Arbeiter-Samariter-Bundes Frankfurt zog am Donnerstag hunderte Zuschauer in ihren Bann – und sorgte stellenweise für bedrückte Stille.

Foto: Silas Messing.

Denn was auf der Vorführfläche gezeigt wurde, war keine gewöhnliche Übung. Im Mittelpunkt stand ein echter Rettungseinsatz aus Frankfurt am Main, der sich im Dezember 2023 ereignet hatte und selbst erfahrene Einsatzkräfte an ihre Grenzen brachte: Ein obdachloser Mann war bei der Entleerung einer Restmülltonne in einer Müllpresse eingeklemmt worden.

„Es war keine Übung, sondern ein Realeinsatz mit besonderen Herausforderungen“, erklärte Notfallsanitäter Thorsten Keul vom ASB Frankfurt, der gemeinsam mit den unmittelbar beteiligten Einsatzkräften durch die Vorführung führte. Mit auf der Bühne standen Michael Wehner vom ASB Frankfurt sowie Bastian Ufinger von der Berufsfeuerwehr Frankfurt – beide waren damals selbst vor Ort im Einsatz.

Schon die ersten Schilderungen ließen viele Zuschauer schlucken. Gegen 8.30 Uhr war der Alarm mit dem Stichwort „H2 P-klemm“ eingegangen – technische Hilfeleistung mit eingeklemmter Person. Vor Ort bot sich den Rettungskräften ein dramatisches Bild: Ein Mann, der offenbar in einer Restmülltonne geschlafen hatte, war beim Entleerungsvorgang von der hydraulischen Presse des Müllwagens erfasst worden.

„Die Müllwerker saßen völlig traumatisiert auf dem Boden“, schilderte Michael Wehner die ersten Eindrücke. Die Einsatzstelle befand sich mitten in der Frankfurter Innenstadt am Kaiserplatz – umgeben von Passanten, Lieferverkehr und zahlreichen weiteren Betroffenen.

Der Mann hing kopfüber in der Müllpresse fest, eingeklemmt bis kurz über den Brustkorb. Er schrie laut, atmete schnell, war aber ansprechbar. Weil die Arme eingeklemmt waren, konnten die Einsatzkräfte zunächst kaum Vitalwerte messen. Selbst ein normaler Venenzugang war unmöglich.

Die Vorführung auf dem Messegelände zeigte eindrucksvoll, wie kompliziert die Rettung tatsächlich war. Unterstützt von der Feuerwehr Fulda wurde ein Müllfahrzeug detailgetreu nachgestellt. Zuschauer konnten live verfolgen, wie sich Feuerwehr und Rettungsdienst Schritt für Schritt an die technische Rettung herantasteten.

Der ursprüngliche Plan klang zunächst simpel: Was hydraulisch vorwärts fährt, müsste sich auch rückwärts bewegen lassen. Doch genau das funktionierte nicht. Ein Softwarefehler blockierte das System. Auf dem Display erschien lediglich: „Systemfehler“.

„Damit hatte niemand gerechnet“, sagte Bastian Ufinger von der Berufsfeuerwehr Frankfurt. Weitere Ideen folgten im Minutentakt: Hebekissen, Hydraulikarbeiten, Druckentlastung, technische Manipulationen am Fahrzeug. Doch der enorme Druck von teilweise mehreren hundert Bar machte nahezu jeden Eingriff hochriskant.

Während draußen fieberhaft nach Lösungen gesucht wurde, kämpften die Einsatzkräfte im Inneren der Müllpresse um die Stabilisierung des Patienten. Weil kein klassischer Zugang gelegt werden konnte, entschieden sich die Rettungskräfte für einen intraossären Zugang direkt am Oberarmknochen – eine seltene, aber in Extremsituationen lebensrettende Maßnahme.

Der Patient erhielt unter anderem Ketamin, Midazolam, Tranexamsäure sowie Infusionen. Gleichzeitig wurde klar: Die Befreiung würde deutlich länger dauern als zunächst angenommen. Dann entstand eine Idee, die selbst für erfahrene Rettungskräfte außergewöhnlich war: Bluttransfusionen direkt an der Einsatzstelle. Über den Blutspendedienst wurden schließlich mehrere 0-Negativ-Konserven organisiert – zeitweise stand sogar ein Hubschraubertransport im Raum.

„Wir hatten keine andere Möglichkeit“, berichtete Wehner. Das Blut wurde schließlich über den intraossären Zugang in sogenannter Push-Pull-Technik transfundiert – eine Vorgehensweise, die laut den Beteiligten bis dahin praktisch nicht dokumentiert war.

Die entscheidende Wende brachte schließlich ein junger Mitarbeiter des Entsorgungsbetriebs. Gemeinsam mit Fachberatern kam die Idee auf, Magnetventile am Dach des Müllwagens manuell zurückzusetzen. Über Steckleitern verschafften sich Feuerwehrkräfte Zugang zum Fahrzeugdach – unter höchster Vorsicht, denn die Hydraulik stand weiterhin unter Druck.

Nach rund zwei Stunden schwerster Einklemmung gelang schließlich die Befreiung des Mannes. Die Verletzungen waren massiv: schwere Beckenverletzungen, zerquetschte Unterschenkel und erhebliche Weichteilschäden. Dennoch entschieden sich die Ärzte gegen eine Intubation, da die Atemwege frei geblieben waren. Unter Polizeibegleitung wurde der Patient schließlich in einem großen Konvoi in die Frankfurter Uniklinik transportiert.

Mindestens genauso eindrucksvoll wie die technische Rettung war für viele Besucher jedoch das, was danach geschah. Die Einsatzkräfte berichteten offen über die enorme psychische Belastung. „Der Einsatzleiter hat angeordnet, dass wir erstmal 15 bis 20 Minuten gar nichts machen“, erinnerte sich Ufinger. Schutzkleidung wurde abgelegt, Wasser getrunken, Gespräche geführt. Sogar Anwohner brachten Kaffee an die Einsatzstelle. „Man musste sich erstmal wieder erden.“

Genau diese Mischung aus Fachwissen, Teamarbeit und Kommunikation stand am Ende auch im Mittelpunkt der Vorführung auf der RETTmobil. Für die Zuschauer wurde spürbar: Solche Einsätze funktionieren nicht allein durch Technik oder medizinisches Wissen.

„Leadership, Problemlösungskompetenz und Teamwork sind entscheidend“, betonten die Referenten mehrfach. Oder wie es Michael Wehner formulierte: „Wir waren irgendwann einfach eine funktionelle Einsatzeinheit.“

Und genau das machte diese Vorführung auf der RETTmobil am Ende so eindrucksvoll: Sie zeigte nicht nur spektakuläre Rettungstechnik – sondern auch, was Einsatzkräfte leisten müssen, wenn plötzlich nichts mehr nach Lehrbuch funktioniert.