Die Ringvorlesung richtet den Blick zurück in die Geschichte und verfolgt die Entwicklung bis in die Gegenwart. „Der letzte Abend findet nach den Midterms statt“, erklärte Dr. Sebastian Koch, Bildungsreferent der Akademie, in seiner Begrüßung. Die Midterms, also die Kongresswahlen in der Mitte von Donald Trumps Amtszeit, gelten als Gradmesser für die US-Regierung. Jana Nathalie Burg von der Mitveranstalterin Hessische Landeszentrale für politische Bildung stellte den Referenten vor. Lammert lehrt als Professor für die Innenpolitik Nordamerikas am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin und ist Research Associate am Zentrum für Nordamerika-Forschung (ZENAF) der Goethe-Universität Frankfurt.
Lammert nahm die zahlreichen Zuhörer in der Katholischen Akademie mit an die Anfänge der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren. Thomas Jefferson war es, der 1775 einen Entwurf für die Unabhängigkeitserklärung verfasste. Darin enthalten war ursprünglich auch eine leidenschaftliche Anklage gegen die Sklaverei, vor allem in den Südstaaten. Er strich den Absatz jedoch durch – mit dem Kommentar „noch nicht“ sowie „aber möglich“. Dem späteren Präsidenten war klar, dass der Text eine Mehrheit finden musste.
Das Ringen um Gleichheit und Gerechtigkeit ist für das Selbstverständnis der Demokratie nach Lammert vor allem eines: ein dynamischer Prozess. Das zeige sich immer wieder in der Geschichte der USA. So sei es in der Unabhängigkeitserklärung nicht primär um individuelle Gleichheit gegangen, sondern darum, dass die neu gegründeten Staaten die gleichen Rechte hätten wie andere Nationen, etwa in Europa. Von Anfang an wurde Gleichheit nicht umfassend gedacht. „Es wurden immer nur so viele in das Gleichheitsversprechen eingeschlossen, dass die große Geste und das Pathos erhalten bleiben, aber ebenso viele ausgeschlossen, damit die Macht- und Besitzverhältnisse nicht wirklich ins Wanken geraten“, betonte Lammert.
Bis in die Gegenwart sind insbesondere Angehörige der afroamerikanischen Minderheit von der Gleichheit ausgeschlossen. War es zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung die Sklaverei, die Schwarzen die gleichen Bürgerrechte vorenthielt, sind es heute Gesetze, die bestimmte Bevölkerungsgruppen von Rechten ausschließen. Neben der Minderheit der Schwarzen waren es auch Frauen, die vom Gleichheitsversprechen ausgeschlossen waren. Das Frauenwahlrecht wurde in den USA erst 1920 eingeführt. Wer in das Gleichheitsversprechen ein- und wer ausgeschlossen ist, sei keine lineare Entwicklung. Lammert verglich es mit einem Pendel, das in verschiedene Richtungen ausschlägt. So gebe es „heroische Aufbrüche“, aber auch Zeiten, in denen Privilegien wieder „zentimeterweise zurückgenommen“ werden. Denn das „Ideal“ ist das eine, die Umsetzung – allzu oft mangelhaft – das andere. 1963 war es der Bürgerrechtler Martin Luther King, der in seiner berühmten Rede „I have a dream“ den Satz in der Unabhängigkeitserklärung als „universelles Versprechen“ deutete.
Gegenwartskonflikte: Minderheitenrechte, Einwanderung und politische Rhetorik
Anders sei dies bei Donald Trump. Wenn er den Schutz von Minderheiten zurückfahre, würden Teile der Bevölkerung vom Gleichheitsversprechen ausgenommen. Das gelte auch, wenn er das Geburtsortsprinzip infrage stelle. Nach dem 14. Zusatzartikel der Verfassung erhält jedes Kind, das in den USA geboren wird, automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Mit seiner Rhetorik gegen Einwanderer schüre Trump laut Lammert Ängste, dass es – im Sinn eines Nullsummenspiels – weniger zu verteilen gebe, wenn mehr vom Kuchen abbekommen wollen. Das bedeute, dass Einwanderer anderen US-Bürgern etwas wegnähmen. Die Realität sehe jedoch anders aus. Denn die Wirtschaft der USA und damit auch der Staat profitierten von den Einwanderern. Der Grund: Sie übernehmen auch Jobs, die sonst niemand machen will. Dies gelte indes nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland.
Die nächste Veranstaltung der Ringvorlesung findet am 20. Mai statt: Christoph von Marschall referiert zum Thema „Macht und Mythen – Drei Präsidenten im Vergleich. Bill Clinton, Donald Trump und Barack Obama“.
