Lokales FD 25.05.2026

Rassismus in der DDR – Vortrag von Historiker Waibel gut besucht

Fulda (pm/gü) – Rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren zu der Veranstaltung „Erziehung zum Hass – Rassismus in der DDR“ gekommen, zu der die Katholische Akademie gemeinsam mit Fulda stellte sich quer und der Buchhandlung Ulenspiegel eingeladen hatte. Dr. Sebastian Koch, Bildungsreferent an der Katholische Akademie Fulda eröffnete den Abend gemeinsam mit Katharina Kaufmann von Fulda stellt sich quer und betonte, dass kein Staat und kein Gesellschaftssystem frei von Rassismus seien. Auch die DDR habe – entgegen ihrem eigenen Selbstbild – rassistische Strukturen, autoritäre Praktiken und rechtsextreme Entwicklungen hervorgebracht.

Fotos: Katholische Akademie.

Koch hob hervor, dass die Frage nach Rassismus in der DDR „nicht trivial“ sei, da sie das Selbstverständnis eines Staates berühre, der sich als antifaschistisches Gegenmodell zur Bundesrepublik inszenierte. In der offiziellen Ideologie galt Rassismus als überwunden, weil er als Produkt des Kapitalismus definiert wurde. Die historische Realität sah jedoch anders aus. Der Historiker Dr. Harry Waibel zeigte anhand von rund 2000 bislang unveröffentlichten MfS-Akten, dass es in der DDR etwa 9000 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten gab. Darunter befanden sich rund 7000 neonazistische Angriffe, über 700 rassistische Vorfälle sowie mehr als 200 pogromartige Ausschreitungen gegen ausländische Arbeitskräfte. In über 400 Städten und Gemeinden kam es zu Übergriffen. Die DDR-Führung behandelte diese Vorgänge als Staatsgeheimnis und deklarierte sie offiziell als „Asozialität“ oder „Rowdytum“.

Waibel zeigte zudem, dass die DDR keine umfassende Entnazifizierung durchgeführt und autoritäre Traditionen fortgesetzt habe. Teile der SED-Führung hätten in den frühen 1950er Jahren sogar mit ehemaligen NS-Funktionären aus Westdeutschland kooperiert, um nationale Ziele zu verfolgen. Diese historischen Kontinuitäten hätten dazu beigetragen, dass rechtsextreme Einstellungen in der DDR-Gesellschaft bestehen geblieben seien. Die Erziehungspolitik der DDR – geprägt von Nationalismus, Militarismus und Feindbildkonstruktionen gegenüber dem Westen – habe ein Klima geschaffen, in dem autoritäre und völkische Denkmuster fortwirken konnten. Eine offene Auseinandersetzung mit Faschismus, Rassismus und Antisemitismus habe nicht stattgefunden; Forschung zu diesen Themen sei unterdrückt worden.

Waibel machte deutlich, dass rechtsextreme Gewalt nach 1990 nicht erst durch die Transformationsprozesse entstanden sei, sondern auf Entwicklungen zurückgehe, die bereits in der DDR angelegt gewesen seien. Die Kontinuitäten würden bis in die Gegenwart reichen: Studien würden zeigen, dass autoritäre Einstellungen und rassistische Ressentiments in Teilen der Bevölkerung weiterhin verbreitet seien. Die Veranstaltung unterstrich, wie wichtig eine ehrliche und differenzierte Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte ist, um gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen und demokratische Resilienz zu stärken.