Lokales HEF 06.05.2026

„Parzival“ bei den Festspielen – Reise zu Empathie und Erkenntnis

Bad Hersfeld – Von Silas Messing – Es ist dieser besondere Augenblick, in dem ein Stoff nicht mehr nur Theorie ist, sondern beginnt zu atmen. Papier wird Stimme, Sprache wird Körper, und aus jahrhundertealter Literatur entsteht ein gemeinsamer Raum. In der Probenhalle neben der Stadthalle beginnt für die Bad Hersfelder Festspiele genau dieser Moment: der Start in die Proben zu „Parzival – Die Suche nach dem Heiligen Gral“.

Fotos: Silas Messing.

Noch herrscht jene typische Mischung aus Konzentration und elektrischer Spannung, die nur der Anfang eines Theaterprozesses kennt. Stimmen prallen aufeinander, erste Szenen werden gelesen, Figuren vorsichtig ausprobiert. Und mittendrin Thiess Brammer, der die Titelrolle des Parzivals übernimmt – sichtbar angespannt, aber vor allem voller Energie.

„Ich freue mich wahnsinnig, dass es jetzt losgeht“, sagt Brammer. „Dieses ganze Arbeiten am Text ist sehr theoretisch – der Kopf ist voll, aber der Körper will endlich los.“ Genau diese Spannung sei es, die den Probenstart so besonders mache: „Jetzt kann diese angestaute Energie endlich in eine Richtung gehen.“ Man spürt ihm an, dass dieser Moment nicht nur ein Termin im Kalender ist, sondern ein innerer Startschuss.

Was auf der Bühne entstehen soll, ist kein kleines Stück. „Parzival“, basierend auf Wolfram von Eschenbachs mittelalterlichem Versroman, gehört zu den großen Erzählungen der europäischen Literatur. Eine Geschichte über Schuld und Erkenntnis, über Irrtum und Reife – und über die vielleicht zeitloseste Frage überhaupt: Wie wird aus einem Menschen ein mitfühlender Mensch?

Für Brammer liegt genau darin der Kern. „Es gibt diese eine zentrale Szene, in der Parzival dem verwundeten König begegnet und nicht fragt, was ihm fehlt“, sagt er. „Und genau darin steckt alles: dieses ganz Kleine, Menschliche. Frage ich nach oder nicht?“ In großen, epischen Stoffen seien es oft genau diese leisen Momente, die alles entscheiden. „Das berührt mich am meisten – dass ein so großer Mythos am Ende an einer einfachen menschlichen Handlung hängt.“

Auch die Figur selbst bleibt für ihn bewusst offen. „Ich hoffe, dass Parzival ein Suchender bleibt“, sagt er. Kein abgeschlossener Held, keine fertige Figur. „Er ist eher eine Projektionsfläche – und genau das macht ihn spannend.“ Diese Offenheit sei Herausforderung und Chance zugleich: „Man wünscht sich als Schauspieler oft Klarheit. Aber hier geht es darum, ihn nicht zu früh festzulegen.“

Wie dieser Parzival in der heutigen Zeit funktioniert, darüber wird im Ensemble intensiv nachgedacht. Brammer sieht einen möglichen Schlüssel im Humor – nicht als Beiwerk, sondern als Verbindung zur Gegenwart. „Humor ist etwas Zeitloses und gleichzeitig extrem Verbindendes“, sagt er. „Vielleicht geht es im Kern um Interesse an der Welt.“ Er erinnert an ein Zitat des Musikers Klaus Büchner: Man brauche einen „Sinn für Interesse“. „Das trifft es für mich gut“, sagt Brammer. „Diese Neugier auf Menschen, auf Situationen, auf das Leben.“

Und genau diese Neugier soll auch die Figur tragen. Parzival ist keiner, der alles weiß. Im Gegenteil: Er irrt, er versteht falsch, er lernt spät – aber er lernt. „Vielleicht ist das etwas, das wir heute wieder mehr brauchen“, sagt Brammer. „Nicht sofort urteilen, sondern erst einmal hinschauen.“

Dass dieser Stoff gerade in der Stiftsruine gespielt wird, verstärkt die Dimension zusätzlich. Die Bühne ist kein neutraler Ort – sie ist selbst Geschichte. „Ich war einmal in der Ruine drin und war ehrlich gesagt erstmal eingeschüchtert“, gesteht Brammer. „Das ist ein Raum, der einen klein macht.“ Umso wichtiger sei das Ensemble. „Man füllt diesen Raum nicht alleine. Man braucht ein Team, einen gemeinsamen Geist.“

Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Probenauftakt. Auch Regisseur und Autor der Fassung, Michael Schachermaier, spricht von einem besonderen Moment. „Es fühlt sich an wie der erste Schultag – im besten Sinne“, sagt er. Zwei Jahre Arbeit liegen hinter dem Team, nun wird aus Konzepten konkrete Bühne.

Schachermaier ordnet „Parzival“ als eines der großen Entwicklungsnarrative der Literatur ein: ein junger Mensch auf der Suche nach sich selbst, nach Wahrheit, nach Verantwortung. „Parzival ist der Prototyp des suchenden Menschen“, sagt er. Und genau darin liege seine Aktualität.

Die Geschichte ist schnell erzählt – und zugleich hochkomplex: Ein Junge wächst abgeschirmt im Wald auf, tritt unwissend in die Welt der Ritter ein, begeht Fehler, wird zum Kämpfer, zum Irrenden, zum Fragenden. Am Ende steht keine einfache Erlösung, sondern Erkenntnis durch Erfahrung.

„Es geht um Empathie“, sagt Schachermaier. „Darum, den anderen wirklich wahrzunehmen.“ Parzival scheitert zunächst genau daran: Er sieht Leid, aber fragt nicht. Und genau das wird ihm zum Verhängnis. „In Zeiten wie diesen ist das vielleicht der wichtigste Gedanke überhaupt.“

Gleichzeitig sei „Parzival“ kein düsteres Drama. „Es ist auch eine Geschichte der Hoffnung“, betont er. Fehler seien kein Ende, sondern der Beginn von Erkenntnis. „Aufstehen, Krone richten, weitergehen – das ist ein sehr einfacher, aber starker Gedanke.“

Wie das auf der Bühne aussehen wird, deutet sich bereits im Zusammenspiel von Bühnenbild, Musik und Ensemble an. Volker Hintermeier, Alexander Djurkov Hotter und Komponist Paul Wallfisch entwickeln gemeinsam mit den sogenannten „Dark Knights“ eine Klang- und Bildwelt, die bewusst zwischen Mittelalter und Gegenwart pendelt.

„Wo Bad Hersfeld draufsteht, muss auch Bad Hersfeld drin sein“, sagt Schachermaier. Die Stiftsruine gebe die Richtung vor: monumental, rau, offen für große Bilder und zugleich intime Momente. „Diese Mauern verlangen nach Klarheit – und gleichzeitig nach Atmosphäre.“

Dass „Parzival“ mehr als ein historischer Stoff ist, zeigt sich auch in der Szene, die als Kostprobe gelesen wird: der naive Junge, die Ritter, das erste Aufeinandertreffen mit einer fremden Welt. Sprachlosigkeit trifft auf Gewalt, Unwissen auf Regeln einer Gesellschaft, die er noch nicht versteht. Ein Moment zwischen Kindheit und Erwachsenwerden – und damit überraschend nah an jeder Gegenwart.

Am Ende dieses ersten Probentages steht kein fertiges Ergebnis, sondern ein Versprechen: Dass aus dieser offenen Suchbewegung etwas entstehen kann, das größer ist als die Summe seiner Teile. Ein Theaterabend über Schuld, Lernen, Scheitern und Hoffnung. Oder, wie Schachermaier es zusammenfasst: „Wer sucht, der findet – vielleicht auch sich selbst.“