In der Probenhalle ist am Montagvormittag noch vieles im Fluss. Stimmen tasten sich aneinander heran, Texte werden gelesen, neu entdeckt, erste Akzente gesetzt. Es ist dieser besondere Moment am Anfang eines Theaterprozesses, in dem aus Gedanken langsam Bilder werden. Mittendrin: Gioia Osthoff, die in diesem Sommer die Titelrolle übernimmt. Noch ist vieles offen, noch sucht sich das Ensemble seinen gemeinsamen Rhythmus – doch die Richtung ist spürbar.
„Ich freue mich sehr“, sagt Osthoff nach der ersten Leseprobe. „Durch diesen Auftakt habe ich noch mehr Lust entwickelt.“ Gerade dieses erste Aufeinandertreffen sei etwas Besonderes. „Viele kennen sich gar nicht, wir sehen uns hier zum ersten Mal und lesen dann direkt gemeinsam – und auch noch vor Publikum und Presse. Das ist natürlich aufregend.“ Gleichzeitig sei genau darin der Reiz. „Ich hatte so einen Spaß beim Lesen und habe gemerkt, mit welcher Energie die anderen da reingehen. Da spürt man jetzt schon: Das kann ein ganz besonderer Abend werden.“
Ein Eindruck, der sich nicht nur aus der Dynamik des Ensembles speist, sondern vor allem aus dem Stoff selbst. „Lysistrata“, verfasst 411 vor Christus von Aristophanes, gehört zu den bekanntesten Komödien der Antike – und erzählt doch von Themen, die kaum aktueller sein könnten. Krieg prägt die Welt, politische Systeme geraten ins Wanken, gesellschaftliche Rollenbilder werden hinterfragt. In dieser Situation entwirft Aristophanes eine radikale Idee: Frauen schließen sich zusammen, verweigern sich und erzwingen so den Frieden.
Für Osthoff liegt genau in dieser Konstellation die besondere Kraft des Stücks. „Es gibt diese starke, ermutigende Seite von Frauen, die gemeinsam handeln – das finde ich unglaublich wichtig und kraftvoll“, sagt sie. Gleichzeitig sei da die andere Ebene, die nicht auszublenden ist. „Das Thema Krieg geht natürlich unter die Haut. Es wird teilweise sehr tief, sehr berührend.“ Gerade diese Gegensätze seien es aber, die „Lysistrata“ so besonders machen. „Wir haben Humor, wir haben Leichtigkeit – und dann eben auch diese Tiefe. Das macht das Stück so reichhaltig.“
Die Herausforderung bestehe darin, beides zusammenzubringen. „Ich hoffe, dass die Menschen nicht denken, es sei nur ein schweres Stück“, sagt Osthoff. „Denn es ist auch sehr spielerisch, sehr leidenschaftlich und voller Energie.“ Ihr eigener Anspruch sei klar: „Ich möchte dem Stoff gerecht werden. Und dazu gehört für mich, dass ich mich von den berührenden Momenten auch wirklich berühren lasse.“
Dass das Stück dabei weit mehr ist als eine klassische Komödie, unterstreicht Dramaturgin Stine Kegel. Sie verortet „Lysistrata“ klar in seinem historischen Kontext – und zeigt zugleich, warum es bis heute funktioniert. „Wir befinden uns im Jahr 411 vor Christus“, erklärt sie. „Seit 20 Jahren herrscht Krieg, politische Umbrüche prägen die Gesellschaft, und Frauen haben keinerlei Mitspracherecht.“ Kein Amt, kein Gericht, keine Stimme – während Männer Krieg führen und dies als Ordnung begreifen, halten Frauen das Leben im Hintergrund zusammen.
„Und mitten hinein schreibt Aristophanes seine Lysistrata“, sagt Kegel. „Das ist zugleich Kriegsreport und obszöne Utopie.“ Denn plötzlich verschieben sich die Machtverhältnisse. Frauen handeln, organisieren sich, verweigern sich – und bringen damit ein System ins Wanken. Der Humor, der daraus entsteht, ist dabei alles andere als harmlos. „Unser Lachen ist ein Lachen gegen den Krieg“, betont Kegel. „Ein Lachen, das befreit.“ Komik entstehe aus Provokation und Freiheit – und sei damit zutiefst politisch.
Diese Verbindung aus antiker Vorlage und heutiger Perspektive führt Autorin Amanda Lasker-Berlin in ihrer Neubearbeitung weiter. Sie hat den Stoff nicht nur übersetzt, sondern neu gedacht – mit einem klaren Fokus auf die Figuren. „Ich habe mich gefragt: Wer sind diese Frauen, die so mutig sind zu handeln?“, sagt sie. Für sie war schnell klar: Es sind Frauen, die das Leid kennen – und sich trotzdem entscheiden, aktiv zu werden.
In ihrer Fassung werden sie zu greifbaren Charakteren. „Ich wollte kluge, witzige Frauen zeigen, die aber auch zerbrechlich sind“, sagt Lasker-Berlin. Frauen, die zweifeln, streiten, Fehler machen – und dennoch gemeinsam für den Frieden kämpfen. Der berühmte Sexstreik ist dabei nur ein Teil eines größeren Plans: Die Frauen besetzen die Akropolis, sichern sich die Staatskasse und agieren politisch geschickt. „Sie gestalten aktiv ihre Welt“, so die Autorin.
Dass diese Geschichte nicht in der Vergangenheit stehen bleibt, zeigt sich auch in der Inszenierung. Ausstatterin Christin Treunert nutzt die besondere Atmosphäre der Stiftsruine, um die Brücke ins Heute zu schlagen. „Wir zeigen eine Ruine in der Ruine“, erklärt sie. Das Bühnenbild wirkt, als wäre es gerade erst zerstört worden: Trümmer, aufgebrochene Räume, Spuren von Krieg. Ein Bild, das unweigerlich an aktuelle Konflikte erinnert.
Gleichzeitig bleibt die Verbindung zur Antike erhalten. Die Kostüme greifen griechische Formen auf, werden aber in kräftigen, modernen Farben gestaltet. „Wir wollten beides verbinden – das Historische und das Aktuelle“, sagt Treunert. So entsteht eine visuelle Ebene, die den Kern des Stücks unterstreicht: Dass die Themen von damals auch heute noch relevant sind.
Für Gioia Osthoff ist die Stiftsruine dabei längst mehr als nur eine Bühne. Es ist ihr dritter Sommer in Bad Hersfeld. „Beim ersten Mal habe ich mich unglaublich klein gefühlt“, erinnert sie sich. „Dieser Raum, diese Geschichte – das war überwältigend.“ Heute sei das Gefühl ein anderes. „Jetzt fühlt es sich fast wie ein Zuhause an.“ Die Ehrfurcht vor dem Ort sei geblieben, aber sie habe sich verwandelt. „Ich freue mich einfach wahnsinnig darauf, diese Bühne wieder zu bespielen.“
Ob „Lysistrata“ das aktuellste Stück des diesjährigen Programms ist? „Vielleicht“, sagt Osthoff und lächelt. „Es hat auf jeden Fall unglaublich viele aktuelle Themen. Vielleicht ist es das älteste – und gleichzeitig das aktuellste Stück.“
Noch stehen die Proben am Anfang, vieles wird sich in den kommenden Wochen entwickeln. Doch schon jetzt ist zu erkennen, wohin die Reise geht: zu einem Theaterabend, der unterhalten will – und gleichzeitig Haltung zeigt. Der zum Lachen einlädt, dieses Lachen aber ernst nimmt. Und der davon erzählt, dass Veränderung möglich ist – wenn Menschen den Mut haben, gemeinsam zu handeln.
