Zwölf lebensgroße Silhouetten prägen seit Mittwoch das Bild des Universitätsplatzes, bevor sie in den kommenden Wochen an verschieden Orte der Innenstadt ziehen werden. Bis Ende September laden sie somit dazu ein, sich mit den Lebensgeschichten jüdischer Persönlichkeiten der 1920er- und 1930er Jahren auseinanderzusetzen. Über QR-Codes können Besucherinnen und Besucher tiefer in Biografien, Bilder und persönliche Geschichten der zwölf Menschen eintauchen, die Wirtschaft, Kultur, Sport, Politik und Religion der Stadt maßgeblich mitgeprägt haben. So können Interessierte besonders die persönlichen Träume, Talente und Meilensteine der porträtierten Menschen kennenlernen.
Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld betonte bei der Eröffnung die Bedeutung des Projekts für die Stadtgesellschaft: „Unser Anliegen ist es, das Bewusstsein für die jüdische Gemeinschaft in der breiten Bevölkerung zu stärken und sie sichtbar in den Mittelpunkt zu rücken.“ Die Wahl des Universitätsplatzes sei dabei bewusst getroffen worden, um die Ausstellung in den öffentlichen Ruam zu tragen. „Diese Biografien machen deutlich, wie sehr jüdisches Leben Fulda über Jahrhunderte geprägt hat.“ Besonders in einer Zeit, in der Antisemitismus erstarkt und gleichzeitiger immer weniger Zeitzeugen der NS-Verbrechen vorhanden sind, sei eine solche Form der Erinnerungskultur eine „immer brennendere Aufgabe“, betonte Wingenfeld.
Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, machte auf den Widerspruch des Titels „Lebendige Spuren“ aufmerksam: „Wir versuchen etwas lebendig zu machen, was unwiederbringlich verloren ist und geben diesen Menschen damit Respekt und Würde zurück.“ Zugleich betonte er die aktuellen Entwicklungen in Hinblick auf den zunehmenden Antisemitismus: „Heute erleben wir wieder, dass Jüdinnen und Juden Angst haben müssen und sich fragen, ob sie Teil dieser Gesellschaft sind.“
Ethan Bensinger, Verwandter des Ausgestellten Dr. Abraham Trepp, stellte seine persönliche Verbindung zu diesen Geschichten dar: „Wenn ich vor den Silhouetten stehe, stehe ich vor meiner eigenen Familie.“ Die Ausstellung sei somit „keine bloße Darstellung von Geschichte, sondern eine lebendige Erinnerung.“ Besonders hob er die Vielfalt der gezeigten Personen hervor: „Es sind auch ganz gewöhnliche Menschen deren Leben und deren Verlust von Bedeutung war und ist.“ Die Silhouetten gäben ihnen „Individualität und Würde“ zurück und verlangen gleichzeitig, dass Passantinnen und Passanten innehalten und sich das „Leben hinter den Umrissen“ vorstellen müssen. Somit sei die Ausstellung ein Aufruf, sich gegen alle Formen von Hass zu stellen.
Auch Ellen Wolf Blumenthal schilderte die emotionale Verbindung ihrer Familie nach Fulda. Trotz Emigration und Neubeginn sei die Verbundenheit in Sprache, Erinnerungen und Traditionen geblieben. Die Rückkehr von Erinnerungsstücken, eine Parochet, nach Fulda sei für die ein Zeichen, „dass jüdisches Leben hier nicht nur Vergangenheit ist, sondern auch Zukunft haben kann.“
Initiiert wurde das Projekt von Anja Listmann, die die zwölf porträtierten Persönlichkeiten über Monate hinweg intensiv begleitet hat. „Diese Menschen und ihre Geschichten sind mir ans Herz gewachsen und ich lade sie dazu ein, diese Verbindung vielleicht auch aufzubauen.“ Nach Ende der Ausstellung im September kann die Wanderausstellung von Schulen, Gemeinden oder Vereinen geliehen werden.
