Warme Lichtstrahlen tauchen die historische Orangerie in goldenes Abendlicht, leises Stimmengewirr erfüllt den Saal, Gläser klirren, Menschen begrüßen sich mit Handschlag und Umarmung. Dann wird es still. Fünf Männer treten auf die Bühne, ganz ohne Instrumente – und füllen den Raum allein mit ihren Stimmen. Es ist der Auftakt zu einem Abend, der weit mehr sein sollte als ein klassischer Empfang. Ein Abend voller Musik, Denkanstöße und großer Fragen: Was macht ein gutes Leben aus? Und was nützt ein langes Leben, wenn ihm die Lebensqualität fehlt?
Schon zu Beginn machte Vorstandsvorsitzender Uwe Marohn deutlich, worum es der Sparkasse mit diesem Format geht. Der Jahresempfang sei vor allem eines: ein Dankeschön an die Kundinnen und Kunden für Vertrauen und Verbundenheit. „Es ist wirklich schön, dass Sie heute Abend wieder unsere Gäste sind“, sagte Marohn bei seiner Begrüßung. Auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Horst Habermehl betonte die Bedeutung des Abends. „Wir wollen zeigen, dass wir präsent sind“, sagte er im Gespräch mit der Osthessen-Zeitung. „Uns ist wichtig, dass die Botschaft stimmt und dass wir Menschen hier haben, die auch überregional bekannt sind.“
Dass das Konzept funktioniert, zeigte sich bereits Wochen vor der Veranstaltung: Die Plätze waren früh vergeben, die Warteliste lang. Für die Sparkasse ein bemerkenswertes Zeichen – gerade in Zeiten, in denen viele ähnliche Veranstaltungsformate längst eingestellt wurden. Dabei war der diesjährige Empfang zugleich ein kleines Jubiläum: Bereits zum 40. Mal fand die traditionsreiche Veranstaltung statt. Marohn blickte mit einem Augenzwinkern auf die Geschichte des Formats zurück. „Eigentlich feiert man eher 25 oder 50 Jahre“, sagte er lachend. „Aber mein Kollege Horst Habermehl und ich werden das 50-Jährige im aktiven Dienst wohl nicht mehr erleben – also feiern wir jetzt lieber das 40-Jährige.“
Die Atmosphäre des Abends wirkte bewusst anders als bei vielen klassischen Wirtschaftsempfängen. Keine nüchterne Zahlenwelt, keine langen Geschäftsberichte, keine Diskussion über Zinspolitik oder globale Krisen. Stattdessen standen die ganz persönlichen Fragen des Lebens im Mittelpunkt. „Heute Abend soll es einmal nicht um die große weite Welt mit ihren Konflikten und Krisen gehen“, sagte Marohn. „Sondern um die Frage, was wir eigentlich persönlich vom Leben erwarten.“
Musikalisch begleitet wurde der Abend von der Freiburger A-cappella-Formation Anders. Mit beeindruckender Präzision, Humor und enormer Bühnenpräsenz sorgten die fünf Sänger immer wieder für Begeisterung im Publikum. Mal gefühlvoll und ruhig, dann wieder überraschend komisch und energiegeladen – minutenlanger Applaus inklusive. „Es ist schon toll, was man ganz ohne Instrumente für stimmungsvolle Musik erzeugen kann“, sagte Marohn anerkennend.
Im Mittelpunkt des Abends stand jedoch der Vortrag von Professor Dr. Alena Buyx, ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrats und eine der bekanntesten Medizinethikerinnen Deutschlands. Bereits beim Betreten der Bühne nahm sie das Publikum sofort für sich ein – mit Humor, Selbstironie und spürbarer Begeisterung.
„Ich bin eigentlich nur hier auf der Bühne, um schnell wieder zu gehen“, scherzte sie nach dem ersten Musikblock der Band Anders. Die Musik sei derart beeindruckend gewesen, dass sie am liebsten einfach weiter zugehört hätte. Gleichzeitig zeigte sich Buyx sichtbar angetan von Fulda und der Atmosphäre der Orangerie. Schon im vergangenen Sommer habe sie die Stadt besucht – und sei „ziemlich hingerissen“ gewesen. Dann wurde ihr Vortrag zunehmend grundsätzlicher. Mit klaren Worten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und immer wieder pointierten Beispielen spannte Buyx einen Bogen zwischen Medizin, Gesellschaft und persönlichem Glück.
Im Zentrum stand dabei ein Begriff, der derzeit weltweit boomt: „Longevity“ – die Idee vom möglichst langen, gesunden Leben. Buyx erzählte von Tech-Millionären, die Millionenbeträge investieren, um den Alterungsprozess aufzuhalten, von extremen Gesundheitsroutinen, Nahrungsergänzungsmitteln und futuristischen Therapien. Besonders eindrücklich schilderte sie den Fall des US-Unternehmers Brian Johnson, der jährlich Millionen investiert, täglich unzählige Tabletten schluckt und sein gesamtes Leben dem Ziel unterordnet, möglichst ewig zu leben.
Doch Buyx stellte eine entscheidende Frage: „Was bringt ein langes Leben, wenn es kein gutes Leben ist?“
Genau darin liege die eigentliche Herausforderung moderner Gesellschaften. Zwar sei die Lebenserwartung in den vergangenen 150 Jahren dramatisch gestiegen – von etwa 35 Jahren bei Männern im 19. Jahrhundert auf heute durchschnittlich über 78 Jahre. Doch die gesunden Lebensjahre hielten mit dieser Entwicklung nicht Schritt. Besonders still wurde es im Saal, als Buyx konkrete Zahlen nannte: Männer seien im Durchschnitt rund 16 Jahre ihres Lebens chronisch krank, Frauen sogar etwa 20 Jahre. „Das finde ich ein Desaster“, sagte sie deutlich.
Dennoch vermittelte ihr Vortrag keineswegs Resignation. Im Gegenteil: Immer wieder betonte sie, wie viel Menschen selbst beeinflussen können. Bewegung, Ernährung, Schlaf, soziale Beziehungen, Stressreduktion, Sinn im Leben sowie der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum – all diese Faktoren könnten laut Studien bis zu 20 zusätzliche gesunde Lebensjahre ermöglichen.
„Muskeln sind Medizin“, sagte Buyx und sorgte mit ihrer direkten Art mehrfach für Schmunzeln im Publikum. Ebenso eindringlich sprach sie über Einsamkeit und soziale Isolation – und darüber, wie entscheidend zwischenmenschliche Beziehungen für ein erfülltes Leben seien. „Glück ist Liebe. Punkt“, zitierte sie eine berühmte Langzeitstudie aus Harvard.
Immer wieder gelang es ihr dabei, wissenschaftliche Inhalte mit alltäglichen Bildern greifbar zu machen. Sie sprach über Menschen, die ihr gesamtes Leben digital organisieren, über Smartphones als „Simulation von Sinn“ und darüber, dass moderne Gesellschaften Gefahr laufen könnten, den menschlichen Kontakt zu verlieren. Dabei blieb ihr Vortrag nie theoretisch oder belehrend. Vielmehr entwickelte sich ein fast philosophischer Abend über die Frage, was Menschen wirklich brauchen, um zufrieden zu sein.
Besonders eindringlich wurde Buyx beim Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt. Vertrauen in Institutionen, ehrenamtliches Engagement und soziale Nähe seien entscheidende Grundlagen eines guten Lebens. Gerade deshalb sei es wichtig, die Errungenschaften moderner Gesellschaften wieder stärker wertzuschätzen. „Wir leben so sicher, gesund und komfortabel wie nie zuvor“, sagte sie. „Das vergessen wir viel zu oft.“ Immer wieder nickten Gäste im Publikum zustimmend, viele machten sich Notizen, andere hörten sichtbar nachdenklich zu. Es war kein Vortrag, der einfache Antworten lieferte – sondern einer, der Fragen stellte und Diskussionen anregte.
Zum Ende des offiziellen Programms griff Horst Habermehl die Gedanken des Abends noch einmal persönlich auf. Mit sichtbarer Offenheit sprach der 62-Jährige darüber, wie sehr ihn die Ausführungen beschäftigt hätten. „Sie haben mich schon ein bisschen nachdenklich gemacht“, sagte er an Buyx gerichtet. „Bisher war ich mein Leben lang kerngesund. Jetzt werde ich wohl anfangen müssen, diese sieben Punkte dringend zu beachten.“ Sein Schlusswort wurde dabei fast selbst zu einer kleinen Reflexion über das Thema des Abends. Der Jahresempfang sei „weit mehr als ein Vortrag“ gewesen, sagte Habermehl. „Es war ein Zusammentreffen von Gedanken, Begegnungen und Impulsen.“
Gerade in Zeiten großer Veränderungen suchten Menschen Orientierung und Verlässlichkeit. Genau darin sehe die Sparkasse auch ihren eigenen Auftrag: modern und digital aufgestellt zu sein – und gleichzeitig persönlich und regional verwurzelt zu bleiben. „Zukunft entsteht nicht durch ein Entweder-oder, sondern durch ein Sowohl-als-auch“, sagte Habermehl. Moderne Technologien und menschliche Nähe müssten Hand in Hand gehen.
Als der offizielle Teil endet, bleiben viele Gäste noch lange in der Orangerie. Zwischen Weingläsern, kleinen Snacks und angeregten Gesprächen wird diskutiert, gelacht und weitergedacht. Manche sprechen über Gesundheit, andere über Ehrenamt oder Familie. Und genau das scheint an diesem Abend fast die wichtigste Botschaft gewesen zu sein: Dass ein gutes Leben vielleicht weniger mit ewiger Jugend zu tun hat – als vielmehr mit Gemeinschaft, Sinn und echten Begegnungen.
