Der Fachtag, ins Leben gerufen auf Initiative von Hebamme Eva-Maria Chrzonsz und Ute Weber vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes Fulda, holte das Thema aus der Tabuzone. Forschende, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte sowie Betroffene kamen zu Wort. Denn Gewalt rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ist vielschichtig. Betroffene Frauen berichten beispielsweise davon, während der Geburt nicht ausreichend durch Geburtshilfepersonal begleitet oder nur wenig Unterstützung und Antworten auf Fragen erhalten zu haben. Andere sahen sich während der Geburt einem rauen Umgangston oder geringschätzenden Bemerkungen wie „Reißen Sie sich doch mal zusammen!“ ausgesetzt. Als traumatisch erlebt würden auch Eingriffe wie die routinemäßige Geburtseinleitung ab einer bestimmten Schwangerschaftswoche, oder schmerzhafte Eingriffe wie häufige vaginale Untersuchungen, ein Dammschnitt oder der umstrittene Kristeller-Handgriff ohne Einverständnis und entsprechende Aufklärung. Selbst beim Stillen machten frisch entbundene Frauen die Erfahrung, dass sie grob angefasst oder mit ihren Sorgen nicht ernst genommen werden.
Einer Studie von Politikwissenschaftlerin Dr. Tina Jung zufolge, zählen mangelnde Kommunikation, Zeitdruck, Personalnot sowie institutionelle Zwänge, oft aus ökonomischen Gründen, zu den vielfältigen Ursachen. Auch die persönliche Haltung des Geburtshilfepersonals gegenüber den Gebärenden spielt eine wichtige Rolle. Längst wird nicht jede belastende Erfahrung zu einem Trauma, dennoch können die Folgen für die betroffenen Frauen schwerwiegend sein. Manche haben Probleme mit ihrer Körperwahrnehmung, bei anderen wirkt es sich auf die Sexualität oder Beziehungen zu engen Bezugspersonen aus. Studien belegen, dass jede zehnte Frau nach der Geburt eine traumatische Stressreaktion zeigt, rund drei Prozent entwickeln sogar eine posttraumatische Belastungsstörung infolge gewaltvoller Geburtserfahrungen.
Bewusstsein ist da – Kommunikation ist entscheidend
Dass viele Hebammen und Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte das Thema schon im Blick haben, verdeutlichte die große Teilnehmerzahl beim gemeinsamen Fachtag im Künzeller Gemeindezentrum: 136 Akteurinnen und Akteure aus dem Gesundheits- und Sozialwesen aus ganz Deutschland waren der Einladung gefolgt, wie Prof. Dr. Dirk Breitmeier, Fachbereichsleiter Gesundheit beim Landkreis Fulda, bei der Eröffnung erfreut feststellte. Sein erklärtes Ziel: Ansätze und Wege finden, um gewaltvolle Geburtserfahrungen zu erkennen, zu verhindern und dadurch Betroffenen zu helfen.
Die Begrüßung übernahmen Martina Klenk, erste Vorsitzende des Landesverbands der Hessischen Hebammen e.V., Katharina Roßbach, Frauenbeauftragte der Stadt Fulda, sowie die Chefärzte der beiden Fuldaer Frauenkliniken am Herz-Jesu-Krankenhaus und am Klinikum Fulda. In einem Punkt herrschte Einigkeit: Eine offene, klare Kommunikation und eine durchgängig wertschätzende Haltung gegenüber jeder Geburt und jeder Frau seien entscheidend, um Veränderungen anzustoßen. Dr. Alexander Dengler, Chefarzt der Frauenklinik am Herz-Jesu-Krankenhaus, sprach dabei selbstkritisch an, dass medizinische Maßnahmen in Einzelfällen zur Belastung werden und sogar Geburtstraumata auslösen können. Umso wichtiger sei es, Eingriffe nicht nur fachlich korrekt, sondern auch verständlich und einfühlsam zu erklären. Zugleich hob er hervor, dass das Bewusstsein für Gewalt in der Geburtshilfe in den vergangenen Jahren gewachsen sei – nicht zuletzt, weil das Thema zunehmend in Ausbildung und Lehre verankert ist. Privatdozent Dr. Martin Koch, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Fulda, lenkte den Blick zudem auf die Rolle der Väter. Sie könnten durch ihre aktive Unterstützung und ihr vermittelndes Eingreifen dazu beitragen, angespannte Situationen zu entschärfen oder im besten Fall gar nicht erst entstehen zu lassen.
Am Ende des Fachtags betonte der Erste Kreisbeigeordnete Frederik Schmitt: „Im Landkreis Fulda besteht eine insgesamt gute Versorgung durch Kliniken und Hebammen. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass alle Beteiligten bei diesem herausfordernden Thema an einem Strang ziehen. Das ist nicht selbstverständlich.“
Unterstützung und Beratung finden von Gewalt betroffene Frauen beispielsweise hier:
• Hebammen, zu finden z.B. auf www.ammely.de oder www.gkv-spitzenverband.de/service/hebammenliste/hebammenliste.jsp
• Physiotherapeutinnen und -therapeuten
• Schwangeren- und Familienberatungsstellen, beispielsweise die Frühen Hilfen der Stadt und des Landkreises Fulda: www.eva-fulda.de
• Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamts Fulda: sozpsychdienst@landkreis-fulda.de, Tel: 0661 / 6006-6063 / -6059
• Verein Schatten und Licht e. V.: www.schatten-und-licht.de
• Hilfetelefon Schwierige Geburten: hilfetelefon-schwierige-geburt.de
