Lokales HEF 06.05.2026

Frech, frei, voller Fantasie: „Pippi Langstrumpf“ erobert Stiftsruine

Bad Hersfeld – Von Silas Messing – Es ist dieser Moment, der jeder Produktion ihren Anfang gibt und doch nie gleich ist: Wenn aus einem ersten gemeinsamen Lesen langsam eine Welt entsteht, die es vorher nur in Köpfen, in Erinnerungen und in Erwartungen gab. Figuren werden zum ersten Mal ausprobiert, Sprache bekommt Rhythmus, und zwischen Unsicherheit und Neugier tastet sich ein Ensemble an das heran, was in wenigen Wochen auf der Bühne der Stiftsruine stehen soll. Wie in den Jahren zuvor gehört auch in diesem Sommer wieder ein Familienstück fest zum Programm der Bad Hersfelder Festspiele – mit „Pippi Langstrumpf“.

Fotos: Silas Messing

Noch ist alles im Werden. Noch werden Sätze abgewogen, Bewegungen gesucht, Blickrichtungen getestet. Und doch liegt über diesem Anfang bereits etwas sehr Konkretes: die Erwartung an eine Figur, die fast jeder kennt. Pippi Langstrumpf ist kein unbekanntes Terrain, sondern kultureller Besitz vieler Generationen – Kindheitserinnerung, Vorbild, Projektionsfläche zugleich. Für Laura Dittmann, die in diesem Sommer die Hauptrolle übernimmt, beginnt damit eine besondere Gratwanderung. „Pippi kenne ich, seit ich ganz klein bin“, sagt sie. Und genau darin liege die erste Herausforderung: „Alle reagieren sofort, wenn man sagt, dass man Pippi spielt. Jeder hat ein Bild im Kopf.“

Dieses Bild sei gleichzeitig Inspiration und Druckmoment. „Es gibt natürlich Erwartungen. Wie sie sein soll, wie sie wirkt, wie sie spricht. Und genau das erzeugt eine gewisse Anspannung“, sagt Dittmann. „Aber keinen Druck im negativen Sinn – eher eine sehr wache Vorfreude.“ Denn die Figur sei längst größer als jede einzelne Darstellung. „Pippi kennt wirklich jeder. Selbst auf Reisen begegnet man Menschen, die sofort wissen, wer gemeint ist.“

Gerade diese globale Vertrautheit verändert den Blick auf die Rolle. Pippi ist nicht nur Theaterfigur, sondern popkulturelles Phänomen – und gleichzeitig literarische Ikone, die seit Jahrzehnten für Freiheit, Fantasie und kindliche Unabhängigkeit steht.

Doch was bedeutet es, diese Figur heute zu spielen? Für Dittmann ist die Antwort kein fertiges Konzept, sondern ein Prozess. „Ich bin ganz am Anfang dieser Reise“, sagt sie. „Pippi entsteht nicht isoliert. Sie entsteht im Zusammenspiel mit Tommy, Annika, der Umgebung, dem Ensemble.“ Noch sei vieles offen, noch werde gesucht. „Und genau das ist das Spannende – dass sie sich nicht festlegen lässt.“

Dabei rückt zunehmend auch die inhaltliche Dimension der Figur in den Fokus. Hinter der spielerischen Oberfläche steht ein klarer Kern. „Pippi hat einen starken Gerechtigkeitssinn“, sagt Dittmann. „Sie denkt in Fairness, in Gleichwertigkeit. Und das ist etwas, das heute vielleicht wichtiger ist denn je.“ Diese Mischung aus Leichtigkeit und Haltung macht die Figur für sie besonders aktuell. „Es wirkt oft spielerisch, aber darunter liegt eine sehr klare Ernsthaftigkeit. Sie stellt Fragen an die Welt – nur eben auf ihre eigene Art.“

Auch Regisseurin Nicole Claudia Weber sieht genau darin den entscheidenden Zugang. Für sie ist Pippi weniger Chaosfigur als vielmehr ein Angebot. „Pippi hat keine Angst, weil sie sich ihre eigene Welt gebaut hat“, sagt Weber. „Und sie lädt andere ein, das auch zu tun.“ Fantasie sei dabei kein Rückzug, sondern eine aktive Kraft. „Sie ist Resilienz in Reinform“, so Weber. „Sie widersetzt sich, wo andere über sie bestimmen wollen. Und sie zeigt, dass man sich Realität auch anders denken kann.“ Gerade in einer Gegenwart, die oft von Anpassung und Erwartungsdruck geprägt sei, bekomme diese Haltung neue Bedeutung.

Die Stiftsruine in Bad Hersfeld bietet dafür einen ungewöhnlich großen Resonanzraum. Ein Ort, der Geschichte sichtbar macht und gleichzeitig Offenheit für neue Bilder verlangt. „Diese Bühne ist beeindruckend und erstmal auch einschüchternd“, sagt Dittmann. „Aber man lernt schnell: Man spielt diesen Raum nie allein.“

Genau dieses Prinzip des gemeinsamen Erzählens zieht sich durch die gesamte Produktion. Neben den Hauptfiguren entsteht eine lebendige Theaterwelt aus Ensemble, Kindern und Musik. Die bekannte Villa Kunterbunt wird dabei nicht als statisches Haus gedacht, sondern als wandelbarer Raum – offen, beweglich, überraschend.

„Wir bauen eine Villa Kunterbunt, die sich verändern kann“, erklärt Weber. „Sie kann Stadt sein, Haus sein, Fantasieraum. Alles gleichzeitig.“ Musik, Bewegung und Spiel greifen ineinander, sodass aus der bekannten Geschichte eine neue Bühnenlandschaft entsteht – eine, die sich ständig verwandelt.

Im Zentrum bleibt dennoch immer Pippi selbst: das Mädchen mit den roten Zöpfen, das allein lebt, sich die Welt zurechtdenkt und dabei Grenzen verschiebt. Eine Figur, die kindliche Freiheit verkörpert, ohne naiv zu sein. Stark, unabhängig, verspielt – und zugleich zutiefst menschlich.

„Pippi ist eine Einladung“, sagt Weber. „An Mut, an Fantasie, an das Andersdenken.“ Und vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Kraft: dass sie sich nicht erschöpft, sondern immer wieder neu gelesen werden kann.

Für die Beteiligten beginnt nun eine intensive Probenzeit, in der aus dieser Einladung konkrete Szenen werden. Noch ist vieles offen, vieles im Entstehen. Doch die Richtung ist klar: Es geht um eine Welt, die sich selbst nicht zu ernst nimmt – und gerade dadurch ernsthafte Fragen stellt.

Wenn sich im Sommer die Stiftsruine für „Pippi Langstrumpf“ öffnet, wird aus diesem Probenanfang ein Abend für Generationen. Ein Theatermoment zwischen Abenteuer, Musik und kindlicher Unerschrockenheit – und ein Versprechen, das schon im ersten Probentag spürbar ist: Dass Fantasie nicht endet, sondern beginnt, sobald man sie teilt.