Unter der Überschrift „Krieg im Iran – Wie geht es weiter?“ hatte die Katholische Akademie zu einem Akademieabend nach Fulda eingeladen. Im Mittelpunkt standen die aktuellen Entwicklungen im Mittleren Osten sowie die Rolle der unterschiedlichen Akteure im Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA. Auf dem Podium diskutierten die Islamwissenschaftlerin und Historikerin Prof. Dr. Gudrun Krämer, Autorin zahlreicher Bücher, zuletzt „Lokale Moderne. Agency, Austausch und die Entstehung des modernen Mittleren Ostens“, Kristian Brakel, Leiter des Libanon-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung für den Mittleren Osten, sowie der Journalist und Autor Rainer Hermann, dessen neues Buch „Die Zerstörung des Nahen Ostens. Trump, Netanjahu, die Hamas und die neue Ordnung des Schreckens“ kürzlich erschienen ist. Moderiert wurde der Abend von Dr. Bruno Schoch, Friedens- und Konfliktforscher am Peace Research Institute Frankfurt (PRIF).
Der Direktor der Akademie, Gunter Geiger, kritisierte einleitend, dass dieser komplexe und leidvolle Konflikt in der deutschen Öffentlichkeit häufig auf die Frage steigender Energiepreise reduziert werde. Über der gesamten Veranstaltung stand daher die Frage, ob die maßgeblichen internationalen Akteure der Situation politisch, diplomatisch und strategisch überhaupt noch gewachsen seien – und ob es wieder Persönlichkeiten mit diplomatischer Weitsicht brauche. Mit Blick auf die „auf Trump und seine Paladine geschrumpfte USA“ und deren Zickzackkurs äußerten mehrere Diskutanten deutliche Zweifel an der globalen Handlungsfähigkeit westlicher Politik. Zugleich wurde betont, dass der Iran durch seinen Einfluss auf die Straße von Hormus erhebliches geopolitisches Gewicht gewonnen habe, während innenpolitische Proteste nahezu verstummt seien. Ein Regime Change erscheine derzeit in weiter Ferne – ein bitteres Zwischenfazit, das Gudrun Krämer mit den Worten „Mission not accomplished“ zusammenfasste.
Aus dem Publikum – in dem auch Vertreterinnen und Vertreter der iranischen Exilgemeinschaft saßen – kamen zahlreiche Fragen nach möglichen Interventions- und Handlungsspielräumen des Westens. Die zurückhaltenden Antworten des Podiums machten deutlich, wie begrenzt diese Optionen aktuell sind und wie groß zugleich das Risiko politischer Fehlentscheidungen bleibt. Der historische Moment für eine Art „westfälischen Frieden“ im Nahen Osten scheine derzeit noch nicht gekommen. Rainer Hermann verwies jedoch darauf, dass autoritäre Systeme historisch oft dann ins Wanken geraten, wenn innerhalb der Regime sichtbare Risse entstehen. Darauf müsse Politik vorbereitet sein; auch Nachrichtendienste könnten entsprechende Entwicklungen beobachten und beeinflussen. Kristian Brakel zog Vergleiche zu Syrien und zur DDR und erinnerte daran, dass selbst scheinbar stabile Systeme überraschend kollabieren können.
Im Verlauf des Abends wurde eine Vielzahl drängender Fragen diskutiert: Welche Ziele verfolgen die USA und Israel? Welche Folgen hat Trumps Kriegspolitik für den Iran und die gesamte Region? Droht eine Ausweitung auf den gesamten Mittleren Osten? Wie verschieben sich die Machtkonstellationen? Besteht die Gefahr eines „zweiten Syrien“ mit entsprechenden Flüchtlingsbewegungen? Und wie verändert dieser Krieg die Beziehungen der Großmächte – etwa mit Blick auf die Ukraine? Auch die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sowie zwischen Israel und dem Libanon wurden kritisch eingeordnet. So endete der Abend trotz aller Düsternis mit einem leisen, aber klaren Signal der Zuversicht: Veränderungen im Iran sind möglich – doch sie müssen letztlich aus der Gesellschaft selbst heraus entstehen. Die internationale Gemeinschaft sollte darauf vorbereitet sein.
