Lokales FD 26.05.2026

Akademieabend zum Grundgesetz: Der Weg seiner Väter und Mütter

Fulda (pm/jah) – Der Geburtstag des Grundgesetzes jährt sich am 23. Mai zum 77. Mal. Beschlossen wurde es an einem geschichtsträchtigen Datum: Am 8. Mai 1949 stimmte der Parlamentarische Rat der endgültigen Fassung zu. Darauf wies die Journalistin Sabine Böhne-Di Leo bei einem Akademieabend im Fuldaer Bonifatiushaus hin. Sie gab einen detaillierten Einblick in die Entstehung des Verfassungswerks.

Sprach über die Entstehung des Grundgesetzes: (von links) die Journalistin Sabine Böhne-Di Leo mit Akademiedirektor Gunter Geiger. Foto: Katholische Akademie des Bistums Fulda

Der Abend fand im Rahmen des Ehrentags des Grundgesetzes statt, der auf Initiative von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erstmals begangen wurde. Schon am Nachmittag hatte sich eine „MITMACHgruppe“ zum Pilgern auf dem Bonifatiusstieg zusammengefunden, zu der Wanderung hatte ebenfalls die Katholische Akademie eingeladen. Der Weg vom Frauenberg zur Akademie bot Gelegenheit zu Gesprächen über Demokratie, Verantwortung und ehrenamtliches Handeln.

„Ehrenamtliches Engagement und Grundgesetz – das passt gut zusammen“, betonte Akademiedirektor Gunter Geiger in seiner Begrüßung. Der Staat lebe vom Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Es brauche Menschen, die sich einbringen, und der Rahmen für einen lebenswerten Staat werde durch das Grundgesetz vorgegeben.

Sabine Böhne-Di Leo ist weder Juristin noch Historikerin. Dennoch veröffentlichte sie das Buch „Die Erfindung der Bundesrepublik – Wie das Grundgesetz entstand“. Häufig werde sie gefragt: „Wie kommt jemand wie Sie dazu, ein solches Buch zu schreiben?“ Den Auslöser kann die Autorin genau benennen: den 1. Juni 2019, ihren 60. Geburtstag. „Da habe ich dankbar darauf zurückgeschaut, in einem friedlichen und wohlhabenden Land aufgewachsen zu sein.“ Einen Tag später wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet, weil er sich für die Würde des Menschen und für Flüchtlinge eingesetzt hatte, so Böhne-Di Leo.

Ihr Buch verfolgt zwei Erzählstränge: die Blockade Berlins ab Ende Juni 1948 und die Arbeit des Parlamentarischen Rats in Bonn, dessen Mitglieder sich mit einer künftigen Verfassung befassten.

Die Blockade auf Anweisung Stalins begann mit einem weitreichenden Stromausfall – zunächst angeblich verursacht durch „technische Störungen“. Diese Probleme erfassten anschließend auch Eisenbahn, Autobahn und Schifffahrt von und nach Berlin. Den Westalliierten blieb nur noch der Himmel über Berlin offen. Über drei Luftkorridore konnte die Stadt versorgt werden – die Luftbrücke entstand.

Parallel dazu baten die Westalliierten die Ministerpräsidenten der bereits bestehenden Länder, eine Verfassung für Westdeutschland zu erarbeiten. Viele lehnten dies zunächst ab, weil eine Teilung Deutschlands für sie undenkbar war. Auch die Berliner Oberbürgermeisterin Luise Schröder sprach sich dagegen aus. Nur wenige, darunter Konrad Adenauer, setzten sich im Hintergrund frühzeitig für eine stärkere Westbindung ein.

Adenauers Kontrahent von der SPD war der Völkerrechtler Carlo Schmid aus Tübingen. Er trat erst 1946 in die SPD ein und zeigte schon früh seine Ablehnung gegenüber dem Faschismus. Schmid wurde deshalb zunächst nicht Professor und während des Krieges als Richter nach Nordfrankreich versetzt. Dort setzte er sich für die lokale Bevölkerung ein, organisierte Milch für hungernde Kinder oder ermöglichte Menschen die Flucht ins Ausland – alles unter großer persönlicher Gefahr.

Anfangs war auch Schmid gegen eine Verfassung. Doch insbesondere die Blockade Berlins machte deutlich, dass mit Stalin keine friedliche Einigung möglich war. Der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter empfahl deshalb, den Schritt zu einer parlamentarischen Demokratie zu wagen, erläuterte Böhne-Di Leo.

Die Eröffnung des Parlamentarischen Rats fand im Naturkundemuseum Bonn statt. Wo zuvor Bären und Leoparden gestanden hatten, wurden die Stühle der Mitglieder aufgestellt. Eine Giraffe ließ sich wegen ihres langen Halses nicht hinausbringen und wurde hinter einem roten Vorhang versteckt, erzählte die Autorin.

Präsident des Rats wurde der damals 72-jährige Konrad Adenauer. Wie fast alle anderen Mitglieder war er Gegner der Nationalsozialisten gewesen und hatte im Gefängnis gesessen. „Die Mitglieder des Parlamentarischen Rats wollten das demokratische Haus einbruchssicher wieder aufbauen“, sagte Böhne-Di Leo.

Für die Väter und Mütter des Grundgesetzes stand fest: Menschenwürde und Freiheitsrechte mussten an den Anfang der Verfassung – in die ersten Artikel. „Das ist das Nie-Wieder-Bekenntnis im Grundgesetz“, erklärte die Autorin. Gleichzeitig sollten die Freiheitsrechte nicht für diejenigen gelten, die die Freiheit abschaffen wollten – Stichwort wehrhafte Demokratie.

Elisabeth Selbert ist in Deutschland heute kaum noch bekannt, kämpfte jedoch entscheidend für den zweiten Absatz des Artikels 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Ihr Antrag wurde zweimal abgelehnt, bis Selbert die Debatte in die Öffentlichkeit trug sowie Landfrauen und Gewerkschafterinnen mobilisierte – mit Erfolg. Als eine von nur vier Frauen unter den 65 stimmberechtigten Mitgliedern, den sogenannten „Müttern des Grundgesetzes“, setzte sie die Formulierung gegen massive politische und gesellschaftliche Widerstände durch. Am 18. Januar 1949 wurde ihr Antrag schließlich angenommen.