Minutenlang feierten die Zuschauer ihre Mannschaft mit Standing Ovations und die meisten von ihnen brauchten noch lange Zeit nach Abpfiff, um das eben Erlebte ansatzweise zu verarbeiten. Zu übermächtig schien die Profimannschaft aus dem Münsterland, die in der gesamten Hauptrunde nur eine einzige Niederlage kassiert hatte und als das beste Team aller Drittligisten bereits am Vortag angereist war. Unterstützt wurde der langjährige Zweitligist von rund 200 mitgereisten Fans, die mit ihrem lautstarken und sympathischen Auftreten ebenfalls ihren Teil zu diesem denkwürdigen Handballabend beitrugen.
Dabei kam es gleich zu Beginn knüppeldick für den TVG. Die ohnehin vom Verletzungspech arg gebeutelten Barbarossastädter mussten ab der achten Spielminute ohne Jonas Dambach auskommen. Der gefährliche Rückraumschütze, der bis dahin für die ersten beiden Treffer für den TVG gesorgt hatte, verletzte sich ohne Gegnereinwirkung am Fuß und musste gestützt von zwei Emsdettener Spielern das Feld verlassen. Nach einer ersten Einschätzung dürfte zwar die Aufstiegsrunde für Dambach gelaufen sein, aber es handelt sich wohl um keine langfristige Verletzung. Eine genaue Diagnose steht noch aus.
Bereits zuvor war klar, dass die beiden Rechtsaußen Akos Csaba (Kreuzbandriss) und Simon Belter (Sprunggelenk) nicht zur Verfügung stehen. Linksaußen Finn Trinczek feierte hingegen nach mehreren Wochen Verletzungspause für einige Minuten sein Comeback und konnte so gemeinsam mit Kreisläufer Leon David und Rückraumspieler Henrik Müller den krankheitsbedingt angeschlagenen Yannick Mocken auf Linksaußen entlasten.
Doch einmal mehr ließ sich diese junge TVG-Mannschaft mit ihrer einzigartigen Mentalität auch vom Dambach-Schock nicht aus der Bahn werfen. Insbesondere Alex Bechert war von der ersten Minute an im Spiel und gab mit Glanzparaden in Serie seinen Vorderleuten zusätzliche Sicherheit. Von Beginn an war spürbar, wie viel Emotionen in diesem Spiel steckten. Beide Mannschaften verteidigten aggressiv und machten es dem Gegner schwer, klare Chancen herauszuspielen. Und wenn Emsdetten zum Abschluss kam, dann war ganz oft TVG-Keeper Bechert zur Stelle.
Nach einem ausgeglichenen Start nutzten die Gäste allerdings einige technische Fehler der Gelnhäuser konsequent aus und setzten sich in der 18. Minute auf 10:7 ab. Doch der TVG zeigte bereits in dieser Phase seinen unbändigen Willen. Angeführt von Kapitän Jonathan Malolepszy und getragen von einer rot-weißen Fangemeinde, die ihresgleichen sucht, kämpften sich die Barbarossastädter zurück. In der 22. Minute traf Malolepszy zum 11:11-Ausgleich. Kurz darauf legte Dima Redkyn mit zwei Treffern zum 13:11 nach. Der Rechtsaußen zeigte wie all seine Teamkameraden an diesem Abend ein überragendes Spiel und wurde mit acht Toren der beste Torschütze des Abends.
Bis zur Halbzeit erspielte sich der TVG eine 16:13-Führung. Mit dem Pausenpfiff brach die Hölle Süd bereits in lautstarken Jubel aus und würdigte die unglaubliche Leistung der Gelnhäuser Spieler. Dagegen zogen erste Sorgenfalten bei den Gästen auf, die nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga 2022 mit aller Macht wieder nach oben wollen.
Denn nach dem Seitenwechsel blieb der TVG hellwach. Malolepszy traf in der 33. Minute zum 19:13 und erhöhte damit auf einen sensationellen Sechs-Tore-Vorsprung.
Doch dann berappelte sich der Favorit aus Emsdetten, schlug zurück und kämpfte sich mit einem fulminanten 7:1-Lauf wieder heran. Der Emsdettener Kreisläufer Sergej Gorpishin erzielte in der 39. Minute den 20:20-Ausgleichstreffer. Die Emsdettener Fans waren obenauf und das Pendel schien sich nun allmählich in Richtung TVE zu bewegen. Nun würde alles seinen erwartbaren Gang nehmen, dachten sich die meisten Zuschauer. Doch einmal mehr machten sie die Rechnung ohne die TVG-Jungs auf dem Platz. Immer wenn man glaubt, jetzt ist das Ende der Fahnenstange erreicht, setzt dieses Team noch einen drauf.
TVG-Cheftrainer Matthias Geiger reagierte auf den Ausgleich mit einer Auszeit und stellte zudem Daniel Drozdz ins Tor. Es folgte eine Crunchtime für die Geschichtsbücher. Der TVG antwortete erneut stark. Tore von Torben Fehl und Silas Altwein brachten die Rot-Weißen wieder mit 22:20 in Führung.
In der 49. Minute erhöhte Redkyn auf 26:23, ehe Drozdz wenig später einen Siebenmeter parierte, die Hölle Süd zum Kochen brachte und die Drei-Tore-Führung festhielt. Kurz darauf sah Emsdettens Gorpischin nach einem unglücklichen Foul die Rote Karte.
