Leserbrief eines ehemaligen tegut-Mitarbeiters (36) aus Bad Soden Salmünster im Wortlaut:
„Die aktuellen Berichte über die Zukunft von tegut verfolge ich mit großem Interesse – und auch mit einer gewissen Traurigkeit. Ich habe meine Ausbildung Mitte der 2000er Jahre bei tegut gemacht und durfte das Unternehmen über mehrere Jahre aus nächster Nähe erleben.
Meine Ausbildung bei tegut war damals etwas Besonderes. Zu Beginn startete sie mit einem mehrtägigen Seminar im Bonifatiushaus in Fulda, bei dem sich alle neuen Auszubildenden kennenlernten. Auch in den folgenden Jahren trafen wir uns regelmäßig zu weiteren Seminaren und Schulungen. Diese gemeinsame Zeit hat nicht nur fachlich geprägt, sondern auch viele Freundschaften entstehen lassen, die bis heute bestehen.
Junge Mitarbeiter wurden gefördert, es gab zahlreiche Programme zur persönlichen Weiterentwicklung, und ich durfte bereits kurz nach meiner Ausbildung Verantwortung übernehmen. Für diese Chancen bin ich dem Unternehmen bis heute dankbar.
Gleichzeitig hatte ich schon damals den Eindruck, dass sich im Unternehmen etwas verändert. Mit dem Generationswechsel in der Unternehmensführung schien sich die strategische Ausrichtung langsam zu verschieben. Rückblickend betrachtet wurden meiner Meinung nach bereits in dieser Zeit Entscheidungen getroffen, die sich später als problematisch erwiesen haben.
Spätestens mit dem Verkauf an das Schweizer Unternehmen Migros begann eine neue Phase, die für viele Mitarbeiter mit Unsicherheit verbunden war. Ich verließ das Unternehmen zunächst, kehrte einige Jahre später jedoch noch einmal zurück, als sich die Situation stabilisiert zu haben schien.
Während der Corona-Zeit entwickelten sich die Zahlen zunächst sehr positiv. Gleichzeitig investierte das Unternehmen weiterhin stark in seine Zukunft – etwa mit dem neuen Logistikzentrum in Michelsrombach, mit zahlreichen Filialneueröffnungen und mit der Expansion in neue Regionen wie München. Auch die Übernahme der Bio-Supermarktkette Basic AG zeigte, dass man weiterhin große Pläne hatte.
Gerade deshalb hätte ich mir eine solche Entwicklung noch vor wenigen Jahren nicht vorstellen können. In internen Projekten und Präsentationen wurde teilweise über Zukunftspläne weit über das Jahr 2040 hinaus gesprochen. Auch offene Stellen wurden regelmäßig nachbesetzt, wenn Mitarbeiter das Unternehmen verließen, was vielen Beschäftigten den Eindruck vermittelte, dass tegut langfristig aufgestellt sei.
Ich selbst habe im Laufe des vergangenen Jahres die Entscheidung getroffen, einen neuen beruflichen Weg einzuschlagen. Rückblickend bin ich darüber heute nicht unglücklich, auch wenn mir dieser Schritt nicht leicht gefallen ist.
Es bleibt dennoch schade zu sehen, wie sich ein Unternehmen entwickelt hat, das in Osthessen über viele Jahrzehnte hinweg für eine besondere Unternehmenskultur, regionale Verbundenheit und engagierte Mitarbeiter stand. Viele Menschen haben dort mit großer Überzeugung gearbeitet – und genau diese Menschen sollten in der aktuellen Diskussion nicht vergessen werden.
Ein ehemaliger Mitarbeiter“
Leserbrief eines weiteren ehemaligen Mitarbeiters A. A. im Wortlaut:
„Vom Lehrling zum Chef: Wenn Herzblut auf harten Druck trifft
Es ist eine Geschichte von Loyalität, Aufstieg und einem schmerzhaften Abschied. 1996 begann für einen jungen Mann die berufliche Reise bei tegut (damals HWG) in der Petersberger Straße in Fulda. Was als Lehre beim ersten Arbeitgeber begann, führte über zwei Jahrzehnte hinweg bis in die Position des Filialgeschäftsführers. Doch nach fast 20 Jahren zog er selbst die Reißleine.
Wer 1996 bei tegut anfing, lernte den Einzelhandel noch als echte Wertegemeinschaft kennen. Unter der Ära von Theo Gutberlet war das Konzept der „Guten Lebensmittel“ eine Lebenseinstellung, kein bloßes Marketing. Für den jungen Auszubildenden war tegut mehr als nur ein Job – es war seine berufliche Heimat. Mit Fleiß und Leidenschaft arbeitete er sich von der Pike auf hoch, Stufe um Stufe, bis er schließlich als Filialgeschäftsführer (FGF) die Verantwortung für einen eigenen Markt und sein Team trug.
Der Bruch mit der Unternehmenskultur
Doch die Erfolgsgeschichte bekam Risse, als sich der Wind in der Geschäftsleitung drehte. Was über Jahre durch Vertrauen und partnerschaftliches Miteinander gewachsen war, wich einem enormen Druck von oben. Er erlebte hautnah mit, wie die Filialgeschäftsführer von der obersten Ebene immer stärker in die Zange genommen wurden. „Der Fokus verschob sich rein auf Zahlen, der Mensch blieb auf der Strecke“, erinnert er sich heute. Die Atmosphäre in den Märkten veränderte sich drastisch. Die Lust und die Identifikation, die tegut einst ausmachten, schwanden im gesamten Kollegium. Viele erfahrene Weggefährten warfen das Handtuch oder suchten das Weite.
Ein Abschied mit Ansage
Für ihn kam der Wendepunkt ca. 2015/2016. Nach fast 20 Jahren Betriebszugehörigkeit – ein ganzes Berufsleben lang – traf er die schwerste Entscheidung seiner Karriere: Er kündigte von sich aus. Es war ein Schritt aus tiefer Enttäuschung über die kulturelle Entwicklung seines „ersten Arbeitgebers“.
Doch auch nach seinem Weggang blieb der Blick zurück wachsam. Seit 2016 hat er Jahr für Jahr beobachtet, wie sich tegut immer weiter von seinen Wurzeln entfernte und, aus seiner Sicht, einem traurigen Ende entgegenbewegte. Der enge Kontakt zu seinen ehemaligen Kollegen besteht bis heute – und deren Berichte bestätigen ihn in seiner Wahrnehmung: Der Geist von früher ist verflogen.
„Ich habe das Geschäft dort gelernt, ich habe es geliebt, aber ich konnte diesen Weg nicht mehr mitgehen“, beschreibt er den Moment des Gehens. Sein Rückblick ist heute geprägt von Stolz auf das Erreichte, aber auch von Wehmut darüber, wie ein einstiges Vorzeigeunternehmen seine treuesten Mitstreiter verlor.
Der Mann vom Bosporus ist sehr traurig – ein Teil seiner Kindheit und Jugend bei tegut geht damit endgültig zu Ende.“
Weitere Lesermeinungen:
Leser-Meinungen und -Erlebnisse zum Tegut-Aus: Spatenstich fürs Grab
Wenn auch Sie Ihre Meinung zum Tegut-Aus oder Erlebnisse mit und in den teguts teilen möchten, schreiben Sie gerne an uns: Entweder per Mail an info@osthessen-zeitung.de oder per WhatsApp an 0159 04145074.
