„Am 16. März haben wir begonnen“, erklärt Bühnenmeister Guido Gelbert und blickt über das weitläufige Areal. Seitdem wächst die Bühne Stück für Stück – millimetergenau nach Plan. Rund zwölf Mitarbeiter sind direkt vor Ort im Einsatz, insgesamt arbeiten etwa 20 Personen am Aufbau, unterstützt von Schlosserei und Schreinerei, die bereits seit Mitte Februar Bauteile fertigen.
Der Zeitplan ist eng getaktet: Bis zum 17. April soll die Grundkonstruktion der Bühne stehen, denn dann beginnt der Aufbau der Tribüne. Parallel dazu startet Mitte April die Montage des markanten Dachs. In der ersten Maiwoche wird schließlich die große Membran gespannt – erst dann darf die Anlage offiziell genutzt werden. „Wir haben eine Betriebserlaubnis erst ab dem 1. Mai – wegen der Schneelast“, erklärt Gelbert. Ab dem 21. Mai beginnen die Proben in der Stiftsruine, ehe ab dem 26. Juni die offizielle Eröffnung der Festspiele über die Bühne geht.
Technisch ist der Aufbau längst Routine – die größte Herausforderung bleibt das Wetter. „Schlechtes Wetter sorgt vor allem für schlechte Laune“, sagt Gelbert mit einem Schmunzeln. Dennoch: Der Ablauf ist eingespielt. Die Bühne selbst ist ein Systembau aus Aluminium, seit rund 20 Jahren im Einsatz und ursprünglich von einer Spezialfirma gefertigt. Heute wird sie Jahr für Jahr neu zusammengesetzt – exakt nach Zeichnung.
Beeindruckend sind auch die Dimensionen: Rund 50 Meter misst die Spielfläche mit Ober- und Unterbühne. Hinter den Kulissen verbergen sich Traversensysteme für Licht und Effekte, dazu kommt eine komplexe Infrastruktur, die sich je nach Inszenierung verändert. „Möglich ist eigentlich fast alles – es ist am Ende eine Frage des Geldes“, sagt Gelbert.
Dass die Festspiele immer wieder spektakuläre Bühnenbilder hervorbringen, zeigt ein Blick von Gelbert zurück: Für den „Rattenfänger von Hameln“ entstand in den 1990er-Jahren eine gewaltige Stahlkonstruktion über die gesamte Ruine. In „Faust I“ wurde die Bühne kurzerhand geflutet, inklusive beheiztem Wasserbecken und Unterwasser-Szenen. Und bei der Produktion „Cyrano de Bergerac“ sorgten echte Pferde, aufwendige Technik und sogar echte Lebensmittel auf der Bühne für Aufsehen. „Die Regisseure kommen mit ihren Ideen – und wir versuchen, sie möglich zu machen“, beschreibt Gelbert die Zusammenarbeit. Oft werde dabei bis an die Grenzen des Machbaren gegangen.
Aktuell wird parallel zum Aufbau auch an den Bühnenbildern gearbeitet. Diese entstehen zunächst in Werkstätten und werden erst kurz vor Probenbeginn vollständig in der Ruine aufgebaut. Mehrere Probenorte – darunter unter anderem die Stadthalle und weitere Räume in der Stadt – ergänzen die Arbeit vor Ort.
Für Gelbert ist es jedes Jahr ein besonderer Moment, wenn aus der leeren Ruine wieder ein Theaterraum wird: „Wenn alles aufgebaut ist, das Licht steht und die Technik läuft – dann ist das einfach beeindruckend.“ Im Gegensatz dazu wirke die Ruine im jetzigen Zustand fast trostlos: „So ganz leer finde ich sie ehrlich gesagt eher langweilig.“
Doch genau das macht den Reiz aus: Aus einer kargen Kulisse entsteht innerhalb weniger Wochen eine Bühne für große Geschichten. Und wer den Aufbau einmal erlebt hat, bekommt eine Ahnung davon, wie viel Arbeit, Präzision und Leidenschaft hinter den Festspielen steckt.
